Molekularer Schnupperkurs
Anna Virich in der Schering Stiftung

6. November 2019 • Text von

Anna Virnich hat den Projektraum der Schering Stiftung in ein olfaktorisches Spektakel verwandelt, in dem die sensorische Reizüberflutung zelebriert wird. Nebenbei darf in der eigenen Vergangenheit gekramt werden. (Text: Julia Meyer-Brehm)

Ausstellungsansicht Anna Virnich „Hyperdrüse“. Foto: Roman März.

Zusammen mit dem Scent Club Berlin hat Anna Virnich die bereits zweite geruchsspezifische Ausstellung des Jahres in der Schering Stiftung kreiert. Das Ergebnis ist nicht zu überriechen: Ein erdig-süßlicher Duft schlägt einem bereits beim Betreten des Eingangsbereichs entgegen, der sich im Inneren des Projektraums betäubend verstärkt. Dort wird es Zeit für eine Runde „Der Boden ist Wachs“: Mit neonpinken Überschuhen bewaffnet, dürfen lediglich die grauen, mit Planen ausgelegten Flächen der raumfüllenden Installation betreten werden. Ein Gemisch aus Paraffin- und Bienenwachs bedeckt in gelb und rosa jedoch den Großteil des Bodens und erschweren die freie Bewegung. Immer wieder wird die glatte Struktur des Wachses durch dicke Planenfalten gebrochen und in sich überlappende Inseln geteilt. Die inmitten der zartrosa Landschaft schwimmenden, goldenen Öllachen dienen als Träger natürlicher Aromen. In organisch geformten Keramikschalen sammelt sich duftende Flüssigkeit, die zur olfaktorischen Herausforderung für den Riechkolben wird.

Auf dem Parcours durchs Aggregatgemenge gibt es aber noch eine weitere Aufgabe zu meistern: Zwei konkurrierende Duftfelder regen dazu an, das Zusammenspiel der Gerüche durch den eigenen Standortwechsel zu variieren. Die daraus entstehende, individuelle Duftchoreografie ermöglicht es geübten Nasen, minimale Unterschiede zu erschnuppern. Wer dazu nicht in der Lage ist, dem wird geholfen: Während Hyperdrüse I eher warm und blumig riechen soll, verströmt Hyperdrüse II wohl eher metallische Gerüche.

Ausstellungsansicht Anna Virnich „Hyperdrüse“. Foto: Roman März.

Beim intensiven Schnupperkurs den Blick beständig zu Boden gerichtet werden die perlmuttfarben schillernden Wände beinahe übersehen. Die fleischig-warmen Töne und Materialitäten erinnern an das Innere eines riesigen, lebendigen Organs. Unterstützt wird der Eindruck der Lebendigkeit durch den sich im Laufe des Aufenthalts stetig verändernden Geruch, der im Kopf mal opulent, mal rauchig, mal lieblich anklingelt. Die Moleküle der „Hyperdrüse“ setzen sich je nach Position im Raum zu unterschiedlichen Duftnoten zusammen und sollen individuelle Erinnerungsträger verkörpern. Das gelingt: Unweigerlich werden Assoziationen zu Erlebnissen aus der Vergangenheit geweckt. Unser subjektives Empfinden macht das persönliche Riecherlebnis auf diese Weise zu einer einmaligen Angelegenheit.    

Der Besuch der Ausstellung ist nicht nur eine olfaktorische Herausforderung: Die schimmernden Wände und endlosen Wachsseen lassen an eine blassrosa Isolationszelle denken, deren vorgegebene Pfade einen auf minimalem Raum den eigenen Sinneswahrnehmungen ausliefern. Wie im Rausch, die Dämpfe immer tiefer inhalierend, versucht man sich an der Identifikation der beteiligten Moleküle. Während man sich unweigerlich mit den eigenen geruchsspezifischen Erinnerungen auseinandersetzt, raubt einem die permanente sensorische Überforderung das Gespür für Raum und Zeit. Anna Virnich schafft mit „Hyperdrüse“ eine sinnlich-ästhetische Erfahrung, die in Erinnerung bleibt.

WANN: Die Ausstellung „Hyperdrüse“ von Anna Virnich läuft noch bis Montag, den 25. November. Am Mittwoch, den 6. November, startet um 18 Uhr ein Vortrag von Dr. Helene Loos: „Düfte dieser Welt – Einblick in die Geruchsforschung“.
WO: Schering Stiftung, Unter den Linden 32, 10117 Berlin.

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