Mit Erfolgsgarantie
Reeperbahn Festival 2019

24. September 2019 • Text von

Schön war’s – das Reeperbahn Festival 2019. Das einmalige Miteinander von Musik und Kunst auf Kiez und Heiligengeistfeld durfte sich dieses Jahr sogar über eine ordentliche Dosis Sonnenschein freuen. Zum zweiten Mal waren auch wir von gallerytalk.net live auf der Bühne vor Ort – in Form unseres Artist Talks mit Florian Egermann, Michaela Pňačeková und Phivos-Angelos Kollias.

Arts Playground, Reeperbahnfestival 2019 Foto: Dario Dumancic

Auf dem „Arts Playground“ geht es mitten im Festivaltrubel gemütlich zu. Überseecontainer bilden einen kleinen Platz, darin und darum findet die Kunst des Reeperbahnfestivals Unterschlupf. Heinz Strunk blickt mit Ball-Gag geknebelt und von Dennis Dirksen fotografiert auf eine Lichtinstallation von Marina Zumi herab, daneben reihen sich Fotografien von Stefanie Schmid Rincon. 

Florian Egermann: Failed Artists International Foto: Thomas Engels

Gleich um die Ecke hat Florian Egermann seinen kleinen Stand aufgebaut. Ein roter Wimpel und und ein Plakat geben Auskunft: Es handelt sich um die „Failed Artists International“. Egermann lächelt freundlich „Willst du ein gescheiterter Künstler sein?“ Ich bejahe und werde erst einmal gründlich geprüft. Auf einem Formular muss ich mein künstlerisches Scheitern genauer beschreiben. Mit kritischem Blick studiert Egermann meinen Antrag, holt dann mit einigem Brimborium Stempel und Stempelkissen hervor und macht es amtlich: Ich darf mich „gescheiterte Künstlerin“ nennen. Einen Button gibt es noch dazu. Egermann regt mit seiner absurden Institution zu Gesprächen über Erfolg und Scheitern an. Im Zentrum steht die Frage, wer eigentlich entscheidet, wer sich Künstler nennen darf. Sind Künstlerinnen und Künstler nur dann erfolgreich, wenn sie von ihrer Kunst leben können? Mit diesen Fragen im Gepäck ist Egermann weit gereist. Die „Failed Artists International“ haben neben Deutschland und der Reeperbahn auch schon in Österreich, Minsk, Tel Aviv und New York um Mitglieder für ihr Netzwerk gebuhlt. Die Gründe, aus denen Künstler scheitern, ähneln sich. Oft sind es finanzielle Gründe, aber in repressiveren Staaten auch die Angst vor Verfolgung, die den Kunstschaffenden Kummer bereitet. Mit feinem Humor trifft Egermann so ins Ziel. Wenn Scheitern das Konzept ist, stellt sich der Erfolg automatisch ein.

A Symphony of Noise Foto: Christoph Eisenmenger

Es ist spät und kalt am Festivalmittwoch und ich frage mich ganz kurz, ob ich wirklich Lust habe, mir einen sperrigen Virtual-Reality-Helm aufsetzen zu lassen, doch dann tauche ich ein in die „Symphony of noise“. Michaela Pňačeková hat mit ihrem Team aus Autoren, Programmierern und dem Komponisten Phivos-Angelos Kollias eine interaktive Erfahrungswelt geschaffen, in der imaginären Soundlandschaften Matthew Herberts, kosmische Traumlandschaften, die Geräusche und Bewegungen des Teilnehmenden und die Kompositionen Kollias’ immer wieder individuell neu zusammenspielen. Angelehnt an Herberts Kompositionen aus Alltagsgeräuschen spielen die Macher einerseits mit Wahrnehmungen, andererseits mit den Möglichkeiten mittels Algorithmen Narrativen zu erzählen. Dabei hat Pňačeková auch Gegenwind erfahren, sie sitzt zwischen den Stühlen: Virtual-Reality sei zu „gamig“ für den Filmbereich, auf Digitalisierungsmessen wird nur die Technik, weniger die Kunst gewürdigt. Umso dankbarer sind Pňačeková und Kollias für das Festivalpublikum, das sich mit offenen Ohren und Augen für die audiovisuelle Achterbahnfahrt begeistert, die „Symphony of Noise“ in erster Linie ist. 

Artisttalk mit Martina John und Christina Grevenbrock für gallerytalk.net, Michaela Pňačeková, Phivos-Angelos Kollias und Florian Egermann (v.l.n.r.) Foto: Anja Manneck

Der „Arts Playground“ hat sein Versprechen gehalten, zwischen Konzerten, Getränken und Spektakel hat die Kunst zum Innehalten, Nachdenken und Zuhören eingeladen. Pňačeková hat sich auch als „gescheiterte Künstlerin“ geoutet, wenngleich sie mit ihrem Festivalerfolg hochzufrieden ist. Einzig Egermann hat vor lauter Kunst die Musik vernachlässigt und müsste sich wohl „failed Festivalbesucher“ nennen, wenn es dafür nur einen Verein gäbe…

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