Micro Media mit Macro Effekt
Videokunst im Kulturforum

13. November 2019 • Text von

Ein Fruit Battle mit Tanzeinlage in einer Fabrik; ein Orchideenzüchter, der lieber Politiker wurde; eine Anweisung zur „Kommunismus-gerechten“ Säuberung eines Huhns; und ein face-to-face mit „Uterus-Man“. Die Ausstellung „Micro Era. Medienkunst aus China“ im Kulturforum schlägt eine Brücke von der frühen Medienkunst Chinas zu zeitgenössischen Positionen.

Lu Yang, Material World Knight, 2018, Drei-Kanal-Video, Multimediainstallation / Three-channel video, Multimedia-installation, © Lu Yang / Société.

In zwei Doppelpräsentationen auf zwei Geschossen stehen sich die Künstler Cao Fei (*1978) und Fang Di (*1987) sowie Lu Yang (*1984) und Zhang Pheili (*1957) gegenüber. Die Auswahl der Gegenüberstellungen geht auf die Künstler selbst zurück: Cao Fei und Lu Yang wurden jeweils gebeten, eine*n Künstler*in ihrer Wahl für eine Doppelpräsentation zu wählen. Cao Fei wählte ihren Freund und Kollegen Fang Di, Lu Yang ihren ehemaligen Professor und Vater der chinesischen Konzeptkunst Zhang Pheili – und trägt dessen Erbe nun wortwörtlich in die nächste Generation.

Die Arbeiten Yangs sind bunt, laut, schrill. Sie erschafft einen Video-Parcours im Stil einer Gaming-Messe. Was jedoch zunächst oberflächlich und dystopisch daherkommt, basiert auf der genauen Beobachtung der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft und der Auseinandersetzung mit Themen wie dem traditionelle Buddhismus oder Phänomenen der Subkultur. „Uterus Man“ (2013), einer der von Yang programmierten Comic-Helden, verbindet als androgyne Figur Themen wie Gender, die Verbindung von Leben und Technologie sowie Cyberfeminismus. In „TMS (Transcranial Magnetic Stimulation) Exorcism“ (2017) werden Fragen nach Technoreligionen und – staatlich – gelenkter Verhaltenskontrolle aufgeworfen. Die Bildsprache orientiert sich am japanischen Manga und verschmilzt reale mit absurd-virtuellen Elementen.

Zhang Peili, Uncertain Pleasure I, 1996, Vier-Kanal-zwölf-Monitor-Videoinstallation (PAL), Four-channel, twelve-screen video installation (PAL) (Im Hintergrund: Lu Yang, “Power of Will – Final shooting”, 2016
Ballonkopf/aufblasbare Skulptur, Ausstellungsansicht „Micro Era. Medienkunst aus China“, Kulturforum 2019 / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin © Zhang Peili / Boers-Li Gallery; Lu Yang / Société / Foto: David von Becker.

Zhang Pheilis Arbeiten sind im Vergleich zu denen Yangs langsam und ruhig, ein pointierter Gegensatz zur Spiel-Oasen-Atmosphäre der Installation letzterer. Neun Fernsehbildschirme, auf denen in unterschiedlichen Farbabstufungen jeweils drei Körperteile von einer Hand unaufhörlich gekratzt werden: „Uncertain Pleasure I“ (1996). Ein leichter Juckreiz kommt auf. Vor dem Ausstellungsraum ein 32-minütiges Video, „30×30“ (1988), in welchem ein Spiegel immer wieder von neuem zerbrochen und zusammen geklebt wird. Die Arbeit geht zurück auf ein chinesisches Sprichwort, welches besagt, dass ein Spiegel stets neu zusammen geklebt werden könne. Die Wahrheit dieser Weisheit sei dahingestellt. Zum Nachdenken und zur Interaktion lädt die Arbeit „Opposite Space“ (1995) ein. Zwei voneinander getrennte Räume, welche durch zwei Videokameras miteinander verbunden sind und die „Teilnehmer“ miteinander in visuelle Kommunikation treten lassen. Bruce Nauman oder die gegenwärtige Frage nach konsequenter Überwachung lassen grüßen.

Cao Fei, Asia One, 2018, Ein-Kanal-Videoinstallation / Single-channel video installation, (Video Still), © Cao Fei / Sprüth Magers & Vitamin Creative Space.

Im Obergeschoss zeigt sich eine in Bezug auf die Installation übersichtlichere Situation: Jeweils zwei großformatige Videoarbeiten Cao Feis und Fang Dis stehen sich horizontal gegenüber. Erstere brillierte diesen Sommer mit einer Solo-Ausstellung im Centre Pompidou. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit den sozialen Veränderungen im Rahmen des wirtschaftlichen Wandels Chinas auseinander – ob dabei noch von „Fortschritt“ gesprochen werden kann, ist nach Betrachtung der Werke Feis oftmals nicht mehr sicher. „Asia One“ (2018) spielt in einer bis auf den jeweiligen Plot leeren Fabrikhalle, auf eine Tanzeinlage folgen verschiedene Episoden, in welchen Fabrikangestellter*innen mit einem Hilfsroboter interagieren. Die künstliche Intelligenz der Maschine scheint hier jedoch eher gegen den Menschen anstatt zu seiner Unterstützung eingesetzt zu werden. Erneut kommen das Thema der Überwachung, ebenso der Entfremdung und Einsamkeit der Fabrikarbeit auf, und werden mit einer zwar förmlich vollkommen verschiedenen, jedoch emotional empfundenen Absurdität wie bei Lu Yang dargestellt.

Fang Di, Minister, 2019, Ein-Kanal-Videoinstallation / Single-channel video installation (Video Still), © Fang Di / Vanguard Gallery.

Im Gegensatz zu dieser Anonymität und gewissermaßen Allgemeingültigkeit der Arbeiten Cao Feis vermitteln die Werke Fang Dis den Eindruck des „Fallbeispiels“: „The Minister“ (2019) ist ein Portrait über den ehemaligen Orchideen-Züchter und späteren Infrastrukturminister Papua-Neugineas, Justin Tkatchenko, welcher im Verlauf der Arbeit bei der Entwicklung seiner politischen Karriere gefilmt wird. Was aufgrund der Figur des Protagonisten zunächst wie eine Parodie wirkt, wird bitterer Ernst, als Tkatchenko in einer Rede den Staatsbesuch des Chinesischen Ministerpräsidenten und weiterer international bekannter Politiker ankündigt. Blumenhemd kreuzt knallharte Realität. Und erneut darf die Frage gestellt werden, ob das Gesehene eher der Realität oder Absurdität zuzuordnen ist.

Zhang Pheilis „Juck-Videos“, der „Überwachungsraum“, die philosophisch-religiös basierten Arbeiten Lu Yangs oder auch die dargestellte Einsamkeit in Cao Feis Videoarbeit rücken den Körper in seiner physischen wie psychischen Dimension in den Fokus und diskutieren die Fragen sowie Facetten, die das Leben in diesem – mal mehr mal weniger – menschlichen Körper heute wie damals aufwirft.

Lu Yang, Electromagnetic Brainology Brain Control Messenger, 2017, Zwei-Kanal Video / Two-channel video © Lu Yang / Société.

Was die vier Positionen, abgesehen von dem Medium des Videos, darüber hinaus miteinander vereint, ist ihr sorgfältiger, beobachtender Ansatz; bei gleichzeitiger Radikalität in der Umsetzung. In ihrer Verschiedenartigkeit lässt keine der Positionen an Seriosität vermissen und vermittelt dem westlich-europäischen Betrachter so eine Vorstellung dessen, was China gegenwärtig neben Digital-Revolution, Großmachtsstreben und Parteigehorsamkeit auch bedeuten kann. Technologische Pionierarbeit verbindet sich mit Sozialkritik; das alte China Mao Zedongs mit den Fabriköden der entwickelten Wirtschaftsmacht. Die Ausstellung unterhält, und öffnet gleichzeitig den Blick für eine reflektierte Auseinandersetzung mit Themen, welche nicht den nationalen Grenzen unterliegen. „Micro Era. Zeitgenössische Medienkunst aus China“ gesellt sich in die Reihe der international relevanten Ausstellungen am Standort Berlin. Und präsentiert nicht zuletzt die Ernsthaftigkeit und den Facettenreichtum des Mediums Video.

WANN: Die Ausstellung „Micro Era. Medienkunst aus China“ ist noch bis 26. Januar 2020 zu besichtigen.
WO: Kulturforum, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin. 

 

Text: Christina-Marie Lümen

Weitere Artikel aus Berlin