Mehr Malerei machen
Leipzig in Hamburg bei greskewitz | kleinitz

6. Juni 2018 • Text von

Der Spirit der Alten Baumwollspinnerei zu Gast in Ottensen. Bei greskewitz | kleinitz zeigen fünf internationale Künstler, was Leipziger Malerei alles kann.

Ausstellungsansicht "Leipzig in Hamburg", greskewitz | kleinitz

Ausstellungsansicht „Leipzig in Hamburg“, greskewitz | kleinitz

Von Chile bis Zypern, von New York City bis nach Australien – die fünf Künstlerinnen und Künstler, die bei greskewitz | kleinitz ausstellen, könnten kaum unterschiedlicher verortet sein. Und doch teilen Penny Monogiou, Jarryd Cooper, Diego Palacios, Ryan Daffurn und Magro Greb die Verbundenheit zu einem Ort: Der Alten Baumwollspinnerei in Leipzig. Sie alle sind oder waren Stipendiaten des LIA Leipzig International Art Programme, das Kunstschaffenden aus aller Welt die Möglichkeit bietet, mehrere Monate gemeinsam auf dem Gelände der Alten Spinnerei zu leben und zu arbeiten.

Von der monumentaler Backsteinkulisse Leipziger Industrierelikte führt der Weg ins beschauliche Ottensen: Was im Zuge des kreativen Austauschs in der Baumwollspinnerei entstand, zeigt greskewitz | kleinitz seit dem 26. Mai. Unter dem Titel „Leipzig in Hamburg“ prangen die Arbeiten der Stipendiaten jetzt in den elegant-modernen Galerieräumen vor Taupe-farbener Wandgestaltung.

10 years artist residency LIA! Around 260 artists from over 40 countries have been guests in Leipzig since 2008! We celebrate with a great anniversary show called "Sedimente" at the Werkschau exhibition space in @spinnereileipzig Painting, drawing, photography, video, animation, installation and performance of 60 LIA artists are to be seen!! We thank our cooperation partners and sponsors, helpers and all artists 💕 #10yearsLIA #spinnereileipzig #contemporaryart #artistresidency #artistsinresidence #thisisleipzig #artinleipzig #manythanks #liaprogramme #lialeipzig

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Trotz aller Diskussionen, ob es sich bei der viel gehypten Neuen Leipziger Schule der Nuller Jahre nun um eine authentische Kunstströmung oder einen cleveren Kunstmarktbegriff handelt – die sächsische Metropole steht immer noch, wie wohl kein anderer Ort der Republik für Malerei. Und die wird bei greskewitz | kleinitz gefeiert. Mit Ausnahme der Performancekünstlerin Margo Greb präsentieren alle Künstler der Ausstellung mehr oder weniger figurative Malerei. Expressiv, farbenfroh, „very Leipzig“ – Freunde des gepflegten Minimalismus sind hier fehl am Platze.

Als Pinselstrich-Aficionado kommt man dagegen voll auf seine Kosten. Zum Beispiel mit den Arbeiten von Penny Monogiou, Gründerin des „Compassion Kollektiv“, das versucht, Fragen zur Phänomenologie von Schmerz und Krankheit mit den Mitteln der Kunst zu beantworten. Die Künstlerin aus Zypern kombiniert altmeisterliche Bildsprache – eine Mariendarstellung mit Kind, königsblauem Mantel und glitzerndem Goldblatt-Nimbus, ein Doppelporträt im strengen Schwarz des spanischen Barocks – mit stark verzerrten Gesichtern. Was verbirgt sich hinter diesen Fratzen aus Farbschlieren mit grob skizzierten Zügen aus verschwommenen, fast unvollendet wirkenden Pinselstrichen? Die Ambivalenz zwischen der klar zuzuordnenden Ikonografie ihrer kunsthistorischen Referenzen und der Maskenhaftigkeit der Gesichter verstört und fasziniert.

Ausstellungsansicht "Leipzig in Hamburg", greskewitz | kleinitz

Ausstellungsansicht „Leipzig in Hamburg“, greskewitz | kleinitz

Auch Diego Palacios aus Chile arbeitet mit altmeisterlich inspirierter Bildsprache. Der Autodidakt, der 2018 LIA-Stipendiat wurde, malt Ölbilder, die wie Computeranimationen wirken: Detaillierte Figuren im caravaggesken Halbdunkel, durch semitransparente Dopplungen oder flirrende Verzerrungen verfremdet. Was wirkt, als wäre jemand mit einem Photoshop-Tool ausgerastet, ist Handarbeit mit Ölfarbe und Pinsel.

Zugänglicher und auf den ersten Blick konventioneller wirken die Arbeiten des Australiers Jarryd Cooper. Der Künstler aus Melbourne, der seit 2018 in der Baumwollspinnerei residiert, kombiniert in Werken wie „An Error Bound“ fröhliche Primärfarben mit abstrakten und floral-figurativen Elementen.

An die surrealen figürlichen Bildwelten von Neo Rauch oder Jonas Burgert erinnern die Szenarien in den Arbeiten von Ryan Daffurn. Der zweite Australier in der Ausstellung entwirft zum Beispiel in „Alpha Beta Gamma“ alptraumartige Szenarien in dunklen Grün- und Blautönen, in denen monumentale Figuren sich in rätselhaft-gequälten Posen winden und kauern: Mutanten nach dem finalen Fallout oder Bewohner einer mittelalterlichen Höllendarstellung? Die Pfütze mit der mysteriösen gelben Farbspur in „Zukünftiger Leipziger Parkplatz“ und die Landschaft mit gestürzter Figur in „Herbst mittels Frühling“ werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Ausstellungsansicht "Leipzig in Hamburg", greskewitz | kleinitz

Ausstellungsansicht „Leipzig in Hamburg“, greskewitz | kleinitz

Unterdessen bilden die Werke der vier malenden Stipendiaten ein sehr stimmiges Ensemble. Zum Beispiel ergänzen sich die kühlen Farben von Ryan Daffurns „Herbst mittels Frühling“ und das daneben platzierte Bild von Penny Monogiou geradezu perfekt und in der Gegenüberstellung von Diego Palacios „Triptychon“ und Ryan Daffurns „Alpha Beta Gamma“ finden sich schöne Parallelen in der verzerrten Körperlichkeit der Bildfiguren.

Noch schöner wäre es gewesen, wenn in der Ausstellung oder während der einführenden Reden von Kunsthistorikerin Lea Asbrock oder LIA-Gründerin Anna Louise Rolland noch zur Sprache gekommen wäre, inwiefern sich die fünf Künstlerinnen und Künstler in ihrer Leipziger Zeit auch untereinander ausgetauscht und beeinflusst haben.

Dennoch: Wer figurative Malerei mit einem gewissen Twist mag, bekommt bei greskewitz | kleinitz einen spannenden Überblick über die unterschiedlichen Ausprägungen des Leipziger Spirits geboten. Bis Ende Juni könnt ihr euch in der Erdmannstraße noch selbst ein Bild machen, wie sich der Einfluss der Alten Baumwollspinnerei mit den verschiedenen internationalen Ansätzen der Stipendiaten verbunden hat.

WANN: „Leipzig in Hamburg“ läuft noch bis zum 29. Juni bei greskewitz | kleinitz zu sehen. Die Galerie ist donnerstags und freitags von 16 bis 18 Uhr geöffnet, samstags von 12 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung.
WO: greskewitz | kleinitz, Erdmannstraße 14, 22765 Hamburg. 

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