Ja zum Hype
Marseille während der Kunstmesse Art-O-Rama

4. September 2025 • Text von

Alle machen Urlaub in Marseille. Die Stadt ist kein Geheimtipp mehr, doch den Hype ablehnen ist auch keine Lösung. Junge Kunst, kollaborative Projekte, ikonische Architektur und entspannt offene Attitüde – wir haben uns anlässlich der Kunstmesse Art-O-Rama einen Überblick verschafft und, ja, auch verliebt.

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Rot wie “Prado, Red” von James Turrell.

Am Ende eines schmalen Ganges, in einem kleinen, dunklen Zimmer, leuchtet an einer Wand ein rotes Quadrat. Gegenüber der Projektion: eine Bank. Darauf ein Besucher. Seit mehreren Minuten sitzt er da. Rot eingefärbt, wie der gesamte Raum, in das Licht der Skulptur „Prado, Red“, eines der so genannten Projection Pieces von James Turrell.

Der Besucher-Mann trägt Sonnenbrille, Modell Wayfarer. Gänzlich unbekümmert lässt er das weltberühmte Werk durch getönte Gläser wirken. Es ist ihm vermutlich ein bisschen egal, es kommt auch nicht so drauf an. Und überhaupt: Man muss ja auch nicht jedem Moment den letzten Tropfen Schönheit aus dem metaphorischen Euter melken.

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Villa Carmignac, Porquerolles. Fotos: Anna Meinecke.

An einem gewöhnlichen Sommertag hätte diese Szene im Museum der Fondation Carmignac vielleicht eine Minidebatte über das Für und Wider des sonnenbebrillten Blicks auf zeitgenössische Meisterwerke der Lichtkunst ausgelöst. Doch an diesem speziellen Sommertag spülte ein heftiges Unwetter Kunstliebhaber:innen vom Hügel gen Hafen und tropfend vor die Klamottenauslage zweier Promenaden-Shops des südfranzösischen Inselchens Porquerolles. Wer neu eingekleidet in Badeshorts, Touri-Shirt oder Frotteetop Pommes Frittes verspeist, vergisst jeden Dünkel.

Überhaupt ist so eine mediterrane Überraschungsdusche hervorragend geeignet, rigide Ablaufpläne über den Haufen zu werfen und Entschleunigung einzuleiten. Praktisch, denn wer zur Art-O-Rama in Marseille zu pünktlich, zu gut vorbereitet und bereits komplett durchgetaktet aufschlägt, steuert am Charme der Veranstaltung vorbei.

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David Attwood, Season 4 Episode 6, Art-O-Rama. Foto: @exhibitiondocumentation.

Er sei gar nicht zum Verkaufen hier, verkündet ein Galerist in der ersten Preview-Stunde der Art-O-Rama. Auf dieser Kunstmesse lerne man Kurator:innen kennen. Die haben offenbar alle Sommerurlaub an der Côte d’Azur gemacht und nutzen den Stopp in Marseille für einen sanften Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag. So jedenfalls berichtet es ein anderer Galerist. Künstler:innen schwärmen vom Arbeiten in Marseille, Geschäfte mache man dann allerdings doch in Paris – nicht zitieren, bitte.

So oder so, die Stände können sich sehen lassen. Die Galerie Season 4 Episode 6 aus London präsentiert aus der Ferne dünn, aus der Nähe betrachtet ziemlich unterhaltsam einen One-liner von David Attwood: die aufrechte Kreuzung von Staubsaugerrohr und Red-Bull-Dose in siebenfacher Ausfertigung, mal in der Original-, mal in der zuckerfreien Variante. Dafür gibt es völlig zu Recht den Preis für die beste Kuration. Andere würdige Kandidaten wären etwa die unkonventionell gehängte Solopräsentation kleinformatiger Malereien von Jackie Klein am Stand der Galerie Giovanni’s Room aus Los Angeles oder bislang nur institutionell ausgestellte Arbeiten von Gabriela Löffel am Stand der Galerie Cable Depot aus Sofia gewesen.

Von den über 60 Galerien, die auf der Art-O-Rama vertreten sind, finden sich zehn aus Paris, sieben aus London. Mit Dittrich & Schlechtriem aus Berlin und PAW aus Karlsruhe sind auch zwei deutsche Galerien dabei. Den Standort Marseille vertreten drei Galerien, die Szene vor Ort ist überschaubar.

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Basile Ghosn: Untitled (Enfonce toi dans la ville), 2025. Dye, silkscreen, aluminum and Colorex on canvas. Sissi Club. Foto: Elise Poitevin. // Friche la Belle de Mai. Foto: Anna Meinecke.

Double V gibt es seit 2017 im Antiquitätenviertel von Marseille, seit 2021 mit einem Ableger in Paris. Spiaggia Libera, 2023 in Paris gegründet, residiert mit Meerblick im fischerdorfähnlichen Bezirk Malmousque. Der Sissi Club unweit des Bahnhofs Saint-Charles ist 2019 als Projektraum gestartet, dann 2022 auch Galerie geworden.

Worin Marseille wirklich brilliert, ist die Kultivierung der Off-Szene. Die Art-O-Rama findet auf dem Gelände einer ehemaligen Tabakfabrik statt. Heute ist dort das Kulturzentrum Friche la Belle de Mai, kurz La Friche, beherbergt. Auf rund 100.000 Quadratmetern, 2400 Quadratmeter davon Ausstellungsfläche, arbeiten rund 400 Menschen, viele davon Künstler:innen. Der Initiative Artagon und ihrem Residency-Programm hat die Stadt nach zwei Zwischennutzungen, zuletzt in einer ehemaligen Grundschule im Südosten Marseilles, eine dauerhafte Heimat zugeschustert; der Umzug steht kurz bevor. Und über die Bezirke verteilt finden sich überall Projekträume. Gerade im Spätsommer, während der Messe, nutzen Kurator:innen leerstehende Immobilien und Künstler:innen ihre Ateliers als Ausstellungsflächen um.

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Manon Torné-Sistéro, Installationsansicht “Une maison familière” ©jcLett.

In Malmousque wird aus einem renovierungsbedürftigen Wohnhaus dank der Kuration von Alex Fried „Une maison familière“. Mit Blick in den Hof, hinaus aufs offene Meer oder doch schlummernd neben dem stinkigen Bauloch der Gartenhütte hat Manon Torné-Sistéro Teenager-Puppen platziert. Auf Stühlen lungernd wachen sie über die Ausstellung. Es ist, als wären die Teenager-Puppen von Gisèle Vienne ihren sargartigen Glasdisplays entstiegen, um maximal entspannt die Formation einer jungen Szene zu begleiten, die hier gemeinsam auftritt, aber auch an anderen Orten der Stadt aufploppt.

Torné-Sistéro zeigt im Rahmen der Absolvent:innenausstellung der Kunsthochschule Beaux-Arts de Marseille in La Friche eine Installation mit Soundspur: rückseitig Puppenstube, vorderseitig Dusche, ein kindliches Antlitz nur einen Brauseschwall entfernt davon, im Abflussgitter zu verschwinden. Taylor Franklin Quinn, deren grellgelbes Wutgesicht den Weg in den verglasten Wintergarten flankiert, stellt gemeinsam mit Aran Quinn, dessen Keramikteufel am Treppenaufgang grüßt, auch in der 1993 Gallery nahe dem Alten Hafen aus. Unweit davon teilt sie sich ein Atelier mit Maler Théo Viardin, der seine Alien-ähnlichen Figuren auf Leinwand ebenfalls in Malmousque zeigt.

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Taylor Franklin Quinn & Aran Quinn: “Innerworlds”, 1993 Gallery. Foto: Anna Meinecke. // Marcos Uriondo: “Speculoos” (Detail). Foto: Anna Meinecke.

Man kann dieses Spiel sogar als Marseille-Neuling eine ganze Weile weiterspielen. Ein paar Gebäude weiter von besagtem Atelier sticht an einer Hauswand eine Graffiti-untypische Sprüharbeit ins Auge: abstrakte Formen, schwarz, grafisch, vage tribalesque. Die müssen von Lou Jelenski sein: Tattoo-Artist, Künstler, Kunstraumbetreiber. Gemeinsam mit Erratum, dereinst Berliner Projektraum, heute nomadisches Projekt, hostet sein Agent Troublant in einem der Street-Art-satten Straßenzüge rund um den Cours Julien die Gruppenausstellung „True Belief“.

Dort zu sehen sind neben skulpturalen Metallarbeiten von Jelenski unter anderem zwei lange, schmale Malereien von Caroline Douville, die auch von a-topos‘ für die Ausstellung „border_lines“ in Bahnhofsnähe ausgewählt wurde, dort mit einer quadratisch angelegten Kugelfischarbeit. Außerdem bei Agent Troublant vertreten: Ix Dartayre – auf der Messe ärgerlicherweise vorbeigeschrappt am Nachwuchspreis. Das nostalgiesatte Jugendzimmer mit Diddl-Maus, Markenetiketten-Sammlung und einem Kronleuchter aus Partyfotos ist das Highlight des Studio-Teils der Art-O-Rama.

Der Preis ging stattdessen an Marcos Uriondo, der auf der Messe poppige Gewürzgurken und Pizzastücke zeigt. Unweit davon jedoch lässt er einen herrlichen Kaffeebrunnen in bereits erwähnter Abschlussausstellung der örtlichen Kunsthochschule sprudeln. Die Überschwemmungsinszenierung komplettieren zwei Stickereien – ein Zimmer vor und nach Bohnenbrühflutung; der Nachwuchspreis wirkt doch verdient. Und so weiter und so fort.

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Rafael Moreno, La Rose. Foto: Anna Meinecke. // “Diet Matter”, dahdahdahdah. Foto: Anna Meinecke.

Dass man sich in Marseille auch als Outsider ganz fabelhaft zu kleinen Kunstorten navigiert bekommt, ist der Offenheit der Akteur:innen geschuldet. Im Dahdahdahdah getauften Atelierhinterhof wäre schon am Vormittag Wein gereicht worden, zum Kaffee gibt‘s lokalen Gossip. Man hatte die Arbeit eines ausstellenden Künstlers, Basile Ghosn, bei Sissi Club gesehen – man kennt sich quasi, das schafft Vertrauen. Ungefähr so läuft es überall.

Wer in Marseille durch eine Ausstellung führt, empfiehlt zwei weitere: Solǝ, wo Carin Klonowski ausstellt, La Rose mit einer Gruppenschau unter anderem mit Arbeiten von Rafael Moreno und Gina Folly, Marc Etienne bei Société Étrange, Veronika Dräxler bei Apartamento – alles einen Umweg wert. Der gerade neu eröffnete Ausstellungsort SPF50 gilt, je nachdem wen man fragt, als next hot thing oder als Inbegriff von tone-deaf, was ihn im Zweifel umso spannender macht.

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Veronika Dräxler “Fluxus Dialogs”, Apartamento. Foto: Anna Meinecke. // Installationsansicht SYSTEMA, 2025, Palais Carli, Marseille. Foto: Raphaël Massart. Courtesy of the artists and SYSTEMA © SYSTEMA, 2025.

Treffpunkt der internationalen Off-Szene und nicht-kommerzielles Gegenstück zur Art-O-Rama ist seit 2021 die Systema, eine Gruppenausstellung im historischen Palais Carli, auch bekannt als Palais des Arts. 15 unabhängige Kunstinitiativen bespielen unter anderem einen steinernen Treppenaufgang, eine holzverkleidete Bibliothek und einen mittelstaubigen Dachboden. Mit Chess Club aus Hamburg und oxfordberlin sind zwei Projekte aus Deutschland vertreten.

Den genialsten Auftritt legt FarO aus Lissabon hin. Eine Ansammlung mehr oder minder Holz-verwandter Arbeiten von einem guten Dutzend Künstler:innen, darunter etwa der verstorbene Maler und Lyriker Mário Cesariny, sind über eine ganze Regalwand verteilt. Einzig, man wüsste doch gern etwas mehr über die verschiedenen Schnitzereien, Wurzelskulpturen und Holzfotografien, die dort in Szene gesetzt sind. Die Systema und ihre Teilnehmenden überlassen das Publikum jedoch weitgehend sich selbst.

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Laure Prouvost, Centre de la Vielle Charité. Foto: Sophia El Mir. Courtesy Laure Prouvost et Galerie Nathalie Obadia.

Wer institutionelle Einbettung und erklärendes Begleitmaterial bevorzugt, ist auf der inoffiziellen Laure-Prouvost-Wanderroute durch Marseille besser aufgehoben. Im Altstadtviertel Le Panier bietet das ehemaliges Armenhospiz Vieille Charité zunächst einmal schattige Sitzplätze rund um den Innenhof. Hinter der schweren Tür zur Kapelle eröffnet sich der Blick auf einen übergroßen Prouvost-Boob, zeitweise leuchtend, umgeben von unzähligen Fischen, die Glaskugeln in ihren Schnuten transportieren. Besuchende, die in die Seitengänge abwandern, begleitet auf ihren Erkundungen eine Soundinstallation mit Flüsterstimme.

Ein kurzer Fußmarsch bergab führt über eine Fußgängerbrücke aufs Fort Saint-Jean, wo seit 2013, das Jahr, in dem Marseille Kulturhauptstadt Europas war, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, Mucem, einen mediterranen Dachgarten vorhält. Es finden sich unter anderem: gemütliche Liegen, eine begrünte Außenskulptur von Ghada Amer und ein kleines Häuschen, in dem auch ohne Ticket fürs Museum eine Videoarbeit von Prouvost auf silberglänzenden Sitzkisten oder spiegelnden Bänken betrachtet werden kann.

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Ali Cherri: “Les Veilleurs”. © Musées de Marseille, Foto: Grégoire Édouard.

Teil drei der Prouvost-Pilgerreise führt ins Museum für zeitgenössische Kunst, Mac. Hinter der Sammlungspräsentation versteckt sich ein Raum mit einer weiteren Videoarbeit der Künstlerin. Auf dem Weg dahin jedoch ermöglicht Ali Cherri mit seiner Ausstellung „Les Veilleurs“ zunächst einen Einblick in die Archive verschiedener Museen Marseilles. Eine Auswahl von Exponaten aus deren Sammlungen kombiniert er mit eigenen Arbeiten. Überall gibt es Wandtexte, versprochen.

Vom Mac aus erreicht man in gut 20 Minuten zu Fuß den Strand – oder, in die andere Richtung, die Cité Radieuse, die sogenannte Wohnmaschine des Architekten Le Corbusier. Wer bis ganz nach oben aufs Dach des Gebäudes fährt, kann dort zwar nicht im attraktiv glänzenden Pool plantschen – der ist Bewohner:innen vorbehalten und auch ohnehin nicht besonders tief. Dafür ist die alte Sporthalle zugänglich. Der Designer Ora-ïto hat dort den Ausstellungsort MaMo, kurz für Marseille Modulor, geschaffen. Gerade ist eine großformatige Malerei von Sterling Ruby zu sehen. Auf der Terrasse unter freiem Himmel ragt eine Doppelkerzen-Skulptur des Künstlers gut sieben Meter in die Höhe. Unten liegt die Stadt.

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Cité Radieuse, Dachterrasse & Restaurant. Fotos: Anna Meinecke.

In der dritten Etage des Corbusier-Hauses streifen Tourist:innen über den Flur. Wo früher ein Bäcker, ein Schlachter und ein Supermarkt die Bewohner:innen des Betonblocks mit Lebensmitteln versorgten, schmökern Besuchende nun im Buchladen, quatschen auf den bunt gesprenkelten Betonbänken oder nehmen auf dem Balkon des Hotelrestaurants Platz, um sich an Barsnacks oder einem vom Personal angepriesenen Tomatensaft zu stärken.

Sonnenbrille trägt niemand. Trotzdem ist es ein bisschen wie mit dem Besuch der Villa Carmignac. Ist man dem regen Treiben auf den Straßen Marseilles auch nur ein wenig entrückt, beschleicht einen der Verdacht, man könnte auch einfach friedlich irgendwo Pastis nippen und Panisses knabbern, statt die nächste Ausstellung ausfindig zu machen.

Die Kunstmesse Art-O-Rama bewirbt sympathischerweise nicht nur die eigene Veranstaltung, sondern lokale Off-Spaces, Galerien, Museen und andere Institutionen in der Region gleich mit. Doch wer VIP-Gäste direkt zu Messestart mit kübelweise Windbeuteln und Schlagsahne in die Mittagsmüdigkeit befördert, hat eine gewisse Gemütlichkeit ganz offensichtlich eingeplant. Glücklich sind diejenigen, die frisch erholt vom Strandurlaub zur Messe in Marseille auflaufen. Der wahre Luxus wäre, vor Ort mindestens doppelt so viel Zeit zu haben.

Danke an Art-O-Rama und Fraeme für die Einladung zur Pressereise.

Von den Ausstellungen, die in diesem Text erwähnt sind, haben folgende noch geöffnet:

„Vertigo“ in der Villa Carmignac auf Porquerolles bis 2. November,
„Une maison familière“ in Malmousque bis Freitag, den 5. September,
„Entre deux eaux“, Diplomausstellung der Kunsthochschule Beaux-Arts de Marseille, La Friche bis Sonntag, den 28. September,
„Innerworlds“ in der 1993 Gallery, bis Freitag, den 12. September,
„border_lines“, kuratiert von a-topos‘ bis Sonntag, den 7. September,
„Collective Matter“ bei Sissi Club bis Freitag, den 12. September,
„La vielle boutique*“ bei La Rose, bis Dienstag, den 30. September,
„I Should Call Him“ bei SPF50 bis 16. Oktober,
Laure Prouvost in der Kapelle der Vieille Charité und im Mac bis 11. Januar 2026, im Mucem bis Sonntag, den 28. September,
Ali Cherri im Mac bis 4. Januar 2026,
Sterling Ruby im MaMo bis Sonntag, den 28. September.