„Manchmal is Kunst halt scheisse.“

10. März 2016 • Text von

Dass gelernte Metzger große Fähigkeiten in Sachen Selbstvermarktung entwickeln können, bewies Stefan Raab zur Genüge. Dan Reeder hingegen stellt klar, dass in des Fleischermeisters Brust noch ganz andere Talente schlummern können: Seine Kunst ist eine Genugtuung für all Jene, die dem Sinn des Lebens nicht allzuviel Bedeutung einräumen, ihn aber auf dem Weg durch die Galaxis irgendwie im Auge behalten möchten: 42! Auch warnen wir schonmal vor: „Art Pussies will fear Dan Reeder!“

Es scheint ein großes Dilemma zu sein, in das man sich als Künstler begibt. Einerseits möchte man ernstgenommen und wahrgenommen werden; andererseits will man immer auch ein bisschen unverstanden und randständig bleiben, also König und Hofnarr in einem.

Dan Reeder: "anything goes"

Dan Reeder: „anything goes“

Dan Reeders Waffe zur Zerschlagung dieses gordischen Knotens ist der Humor. Ein pointierter, angelsächsischer Humor, der sich über die Jahre mit einem rustikal-fränkischen Bassd Scho angereichert hat. Nach einer Metzgerlehre mit anschließendem Kunststudium in den USA führt Dan Reeder die Liebe nach Nürnberg. Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Frankenmetropole in den 1980er Jahren lernte er gleichgesinnte Charaktere um Peter Angermann und Harri Schemm kennen, die sich in und um die Künstlerkneipe Gregor Samsa ein ästhetisches Biotop geschaffen hatten und hier ihr ganz eigenes Kunstverständnis kultivierten. Im Bernsteinzimmer können wir nun in der Ausstellung „anything goes“ die neuen Pastellzeichnungen des 62-jährigen Künstler-Musikers Dan Reeder entdecken, der neben seiner Umtriebe als Bildender Künstler auch schon zwei CDs beim Label des Country-Musikers John Prine veröffentlicht hat.

"Art Pussies fear this book", erschienen im Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, 2012

„Art Pussies fear this book“, erschienen im Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, 2012

Wie Thomas Heyden in seinem Text „It’s a Dan’s world“ (Nürnberg, 2012) zu Recht anmerkt, bleibt beim Betrachten von Dan Reeders Bildern letztendlich unklar, ob es sich um mit viel Text angereicherte Malereien handelt, oder um durch malerische Illustrationen ergänzte Textkommentare auf die Kunst und das Leben im Allgemeinen. Gott und die Welt werden hier durch den Fleischwolf gedreht. Die Malerei wird von Dan Reeder dazu genutzt um eben dieses Medium Malerei in seinen Grundfesten zu kritisieren und dessen lange Tradition in Frage zu stellen. Ob man das nun besonders aufrichtig oder eher absurd findet, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Dan Reeder: "Manchmal is Kunst halt scheisse.", 2015, Pastell auf Papier, 59,4x42 cm

Dan Reeder: „Manchmal is Kunst halt scheisse.“, 2015, Pastell auf Papier, 59,4×42 cm

Durchstreift man seine Bildwelten, die sich im Bernsteinzimmer aufgereiht und eingetütet in büroartigen Klarsichthüllen dem Betrachter lakonisch darbieten, kann man sich vermutlich auch mit dem Humorpotential eines Finanzbeamten ein Schmunzeln nicht verkneifen. Diese „Bad Paintings“ wollen die Welt nicht komplizierter machen als sie ist, ihre Herausforderungen aber auch nicht verharmlosen. So kriegt man von den schrill poppigen, teils comichaften Blättern mal provozierende, mal anrührende Wahrheiten an den Kopf geschmissen. Langweilig wird einem in diesem bunten Bilderwald aus Weisheiten und Bonmots jedenfalls nicht so leicht. Der Künstler tritt als philosophischer Handwerker auf, es ist sein Privileg und seine Pflicht über den Sinn des Lebens zu sinnieren. Aber ebenso ist es ihm gegönnt, an dicke Brüste zu denken oder diese gar zu malen. Dan Reeder, Schüler und Meister zugleich, brütet über der Wissenschaft, der Philosophie, der Schönheit, aber denkt dabei auch immer ein bisschen an den Geschlechtsakt. Das muss schon ein beneidenswerter Job sein!

Ausstellungsansicht "Dan Reeder: anything goes", Galerie Bernsteinzimmer, 2016

Ausstellungsansicht „Dan Reeder: anything goes“, Galerie Bernsteinzimmer, 2016

Doch die Lachsalven dieser Pastellzeichnungen mischen sich auch mit ernsthaften, düsteren Momenten, Ängsten und Zweifeln. Das eigene, fragile Selbstbild wird in unzähligen Portraits (oder besser: Rollenspielen) reflektiert und durchexerziert. Einsehbar sind diese in der ausliegenden, sehr erheiternden Publikation „Art Pussies fear this book“. Erschienen ist das für „Kunstnulpen“ angsteinflössende Machwerk im Verlag für Moderne Kunst anlässlich der Doppelausstellung Dan Reeders im Neuen Museum und im Zumikon 2012.

Ausstellungsansicht "Dan Reeder: anything goes", Galerie Bernsteinzimmer, 2016

Ausstellungsansicht „Dan Reeder: anything goes“, Galerie Bernsteinzimmer, 2016

Auch nachdenkliche Passagen werden bei Reeder nie ohne eine Brise Humor serviert: Selbst die Angst vor dem Tod wird in „Pop Death“ mit rosa Lettern unterlegt. Existenzielle und unangenehme Themen haben in dieser Arena der flotten Sprüche überraschenderweise ihren Platz. Eines der wenigen Blätter ohne Text zeigt eine Kriegsszene. Hier wird klar: Angesichts mancher aktueller Ereignisse fehlen selbst einem Spaßbolzen wie Dan Reeder die Worte.

Dan Reeder: "Pop Death", 2014, Pastell auf Papier, 59,4x42 cm

Dan Reeder: „Pop Death“, 2014, Pastell auf Papier, 59,4×42 cm

Doch nur weil es auf der Welt 5 vor 12 ist, darf man das Lachen nicht verlieren. Wer in dieser Ausstellung einen echten Gerhard Richter sucht („This is not a real Gerhard Richter“) und sich an feinsinniger Peinture ergötzen will, wird enttäuscht werden. Aber wir konstatieren gerne: Auch die poppige Trash-Kopie des teuersten lebenden deutschen Malers weiß zu unterhalten. „California is fucking close to Mexico“ schallt es gleich von zwei Blättern dieser Ausstellung. Frankonia seems to be fucking close to contemporary art, könnte man überrascht auch feststellen, wenn man diesem im besten Sinne postmodernen Pinsel-, Text- und nicht zuletzt Gitarrenakrobaten bereit ist zu folgen.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis Ostersonntag, 27. März 2016. Konzert/Lesung von Dan Reeder (Lieder) und Karl Bruckmaier (Texte) am Sonntag, 13. März, 20 Uhr, Eintritt 10 Euro.

WO: Galerie Bernsteinzimmer, Großweidenmühlstraße 11, 90419 Nürnberg

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