Linien und Räume
Jonas von Ostrowski im Gespräch

20. Juli 2018 • Text von

Aus Zeichnungen werden Räume, die miteinander interagieren. Jonas von Ostrowski greift unter dem Titel „Neue Häuser“ in die Architektur der ARTGALLERY.MUNICH ein und schafft so einen Raum im Raum.

Jonas von Ostrowski: Neue Häuser, Ausstellungsansicht, artgallery.munich.

Jonas von Ostrowski vereint in seiner künstlerischen Praxis unterschiedliche Medien und Herangehensweisen. Er hat in Hamburg und Brüssel studiert, lebt und arbeitet nun als Künstler in München. In seiner Arbeit verbindet er Architektur, bildende Kunst, Design und räumliche Gestaltung. In den letzten Jahren hat er an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen und für die Münchner Kammerspiele und andere Theater Bühnenbilder gestaltet. Im hessischen Günsterode baut er zudem den von Künstlern für Künstler konzipierten Rückzugs-, Arbeits und Kommunikationsort “Los Angeles”.

gallerytalk.net: Du arbeitest an den Schnittstellen von Kunst, Architektur, Design und auch Theater. In deiner Ausstellung hast du eine Intervention in den Raum geschaffen, die an eine Bühne erinnert. War das deine Intention?
Jonas von Ostrowski: Eigentlich nicht. Ich habe in den letzten fünf Jahren tatsächlich eine Reihe von Theaterbühnen gestaltet, das ist auch etwas, das mich sehr interessiert, allerdings als Auseinandersetzung mit dem Raum und eigentlich nicht mit dem Theater. Auch bei den Theaterbühnen steht immer das Interesse an räumlicher Konfiguration im Zentrum, die Potenz von räumlichen Konfigurationen. Das gilt sowohl für Theaterbühnen als auch für Zwischenräume wie zum Beispiel das Schaufenster des Kunstvereins, das ich letztes Jahr gestaltet habe, aber auch für ein architektonisches Konzept, wie bei meinem Projekt L.A..

Der Umgang mit den Räumlichkeiten einer Galerie war für dich anders?
Bei einem Projekt wie diesem, in einer Galerie, einem klassischen White Cube, ist natürlich auch der Kontext wichtig. Eine Galerie ist ein Raum, der nicht nur durch seine architektonische Verfasstheit charakterisiert ist, da spielen auch andere Faktoren eine Rolle: Wer betreibt diese Galerie, wer wird die Ausstellung sehen, welche anderen Künstler werden dort präsentiert.

Jonas von Ostrowski: Neue Häuser, Ausstellungsansicht, artgallery.munich.

Wolltest du diesen Raum brechen?
Ich habe einen Raum in den bestehenden Raum eingesetzt, der sich zu der existierenden Architektur und dem Kontext verhält und auch relativ rücksichtlos damit umgeht. Ein ganz klarer, drastischer Eingriff durch einen Einbau.

Aber mir scheint dieser Eingriff nicht aggressiv.
Nein, darum ging es mir auch nicht, das soll nicht als direkte Kritik verstanden werden. Mir ging es darum, zu sehen, wie diese beiden Räume miteinander interagieren. Welche Möglichkeiten, auch in der Interaktion mit den Besuchern, sich ergeben können. Was dadurch sichtbar wird oder nicht. Das ist prinzipiell meine Herangehensweise.

Wie die Besucher sich zu den beiden Räumen verhalten ist dir also auch wichtig?
Was mich durchaus interessiert, und das aus unterschiedlichen Perspektiven, ist der Aspekt des „Nutzens“. Sobald ein solcher Eingriff begehbar ist, muss sich der Besucher zu diesem verhalten, er findet sich darin wieder. Eine solche Installation, wie auch Skulpturen, die gleichzeitig als Möbel funktionieren könnten, die etwas „Möbelhaftes“ haben, stellen sie Fragen nach Benutzbarkeit.

Jonas von Ostrowski: Neue Häuser, Ausstellungsansicht, artgallery.munich.

Der Grundriss deiner architektonischen Intervention besteht aus zwei sich schneidenden Dreiecken. Du zeigst in der Ausstellung auch Zeichnungen, die aus ähnlichen, geometrischen Grundrissen bestehen. Denkst du auch bei diesen Zeichnungen räumlich?
Diese Zeichnungen, obwohl sie natürlich auf Architektur verweisen, sollen als Zeichnungen funktionieren. Ein Grundriss ist ja eine universell lesbare Sprache, die man wirklich wie einen Text lesen kann. Es gibt bestimmte Elemente, Mauern, Fenster, Türen, Durchgänge, die in unterschiedliche Konstellationen gesetzt werden. Das hat etwas „Text-ähnliches“, es ist lesbar und verständlich. Jeder, der sich mit dem Grundriss seiner Wohnung auseinandergesetzt hat, ist in seiner Vorstellung in diesen Grundriss hineingegangen. Das, was dann bei diesem Lesen passieren kann, ist was mich bei den Zeichnungen interessiert. Eigentlich hat sich erst zweimal etwas Dreidimensionales aus diesen Zeichnungen ergeben: Einmal das Haus in meinem Projekt Los Angeles und die Arbeit in dieser Galerie.

Jonas von Ostrowski: Los Angeles.

Was ist an dieser Art der Umsetzung für dich spannend?
Wenn man diese Installation aus der Vogelperspektive betrachtet, dann sieht man zwei Dreiecke, die sich schneiden. Wände und Mauern aus der Vogelperspektive sind Linien, wie eben in den Zeichnungen. Aber für den Besucher ergeben diese Wände natürlich eine harte Realität, bestehend aus den Raum trennenden Elementen.

Jonas von Ostrowski: Neue Häuser, Ausstellungsansicht, artgallery.munich.

Es entstehen Nischen und Grenzen, du schaffst ein „Drinnen“ und ein „Draußen“. 
Wenn man sich in letzter Zeit wieder Gedanken machen muss über Mauern und Zäune und Staatsgrenzen, leider, nimmt das natürlich auch eine Bedeutung an. Das sind krasse Realitäten. Auch ein Raum wie eine Galerie ist ja abgegrenzt. Andererseits können solche Grenzen natürlich auch Freiheiten einräumen. Das sind Fragen, die für mich interessant sind. In einem bestehenden Raum wie dieser Galerie, zu dem wie gesagt mehr gehört als die Wände, Fenster und Türen, einen Raum einzubauen, der behauptet eine künstlerische Arbeit zu sein, ist natürlich auch eine Art Taktik.

WANN: Noch zu sehen bis zum 6. Oktober.
WO: artgallery.munich, Kardinal-Döpfner-Straße 5, 80333 München.

Weitere Artikel aus München