"Squishiness" ist irgendwie sexy
Lindsay Lawson über die Affinität zum Objekt

6. Februar 2020 • Text von

Lindsay Lawson hat ein Faible für Caps, Sphinxen und Fontänen. Ansonsten ist es gar nicht so leicht, eine klare Linie in ihrem Werk auszumachen. Ist aber vielleicht auch nicht so wichtig. Mit gallerytalk.net spricht sie über einen verlorenen Stein, die Erotik der Dinge und gutes Benehmen bei Vernissagen.

Lindsay Lawson: Interior Sphinx, 2018, Aluminum, plastic, rubber, pump, ceramic, water.

Lindsay Lawson: „Interior Sphinx“ (Detail), 2018, Aluminum, plastic, rubber, pump, ceramic, water.

gallerytalk.net: Ich war so gespannt, deine Stimme wiederzuhören. Während der Vorbereitung für dieses Interview habe ich nämlich gelesen, dass du auch als Synchronsprecherin arbeitest. Stimmt das?
Lindsay Lawson: Jetzt habe ich das Gefühl, ich müsse mit meiner Radiostimme sprechen. (lacht) Aber stimmt, das hat sich zufällig so ergeben. Eine Freundin hatte mich vor Jahren mal gefragt, ob ich bei einem Projekt als Sprecherin einspringen könnte. Ich wusste nicht, worum es ging, dachte mir aber: Klingt cool, was soll’s? Dann stellte sich raus: Es ging um den Werbespot einer Schweizer Bank! Seitdem mache ich so etwas gelegentlich. Wenn mich jemand dafür bezahlt: großartig! Es ist mein kleines Hobby.

Du bist eine Frau vieler Talente. Einigermaßen bekannt ist, dass du professionelle Tänzerin warst, bevor du bildende Künstlerin wurdest. Aber vorher hast du eine Schule mit Schwerpunkt auf Mathematik und Naturwissenschaften besucht!
Ja, ich hatte da eine Veranlagung für. Aber ich habe es nicht weiter vertieft. Ich habe stattdessen das mit dem Tanzen sehr ernst genommen. Als Teenager hatte ich kein Sozialleben. Ich habe jeden Tag nur getanzt und gelernt. Eigentlich hatte ich auch nicht vor, an die Uni zugehen. Meine Mutter hat mich glücklicherweise dazu gedrängt. So eine Tanzkarriere kann sehr kurz sein. Ich hab’s dann erstmal mit Philosophie probiert, bin aber schnell zu Film gewechselt.

Lindsay Lawson / Lindsay Lawson: „Pundit“, 2018, Glazed ceramic, metal stand.

Und wie bist du zur bildenden Kunst gekommen?
Alle Kunststudierenden an meiner Uni mussten dieselben Grundlagenkurse belegen. Einer war „Konzeptualisierung und Präsentation“. Ziel dabei war es, über Formen nachzudenken. Es war kein Bildhauereikurs, aber mein Lehrer hatte eine hohe Affinität für Bildhauerei und irgendwann habe auch ich mich darin verliebt. Ich war sehr jung, 18 oder 19 Jahre alt, als ich mich entschieden habe, alles umzuwerfen und bildende Künstlerin zu werden.

Was hat dich besonders gereizt?
Es ist intellektuell stimulierend. Es gibt einige großartige Choreografen da draußen. Die wählen aber nicht notwendigerweise intellektuelle Ansätze für ihre Arbeit. Kunst bietet viel Raum für interessante Gespräche.

Tänzer*innen sind bekannt für ihre Disziplin. Hast du dir die als Künstlerin bewahrt?
Ja, schon. Ich bin keine Frühaufsteherin, aber ich kann wahnsinnig hart arbeiten. Aber es ist lustig: Wenn man Kunst macht, kann man die Dinge nicht erzwingen. Manchmal brauchen Ideen ihre Zeit. Es würde kitschig klingen, wenn ich jetzt anfangen würde, von Inspiration zu sprechen. Oft braucht es einen Prozess, das Experimentieren mit Materialien oder Gedanken. Ich habe immer verschiedene Ideen im Hinterkopf. Teilweise sind die sogar schon relativ weit gereift. Und wenn dann das richtige Ausstellungsprojekt kommt, bediene ich mich einer bestimmten Idee und setze sie um.

Installation view of the exhibition "NOPE", 2017, Gillmeier Rech, Berlin.

Installation view of the exhibition „NOPE“, 2017, Gillmeier Rech, Berlin.

Das erste Mal so richtig aufgefallen bist du mir 2017 mit deiner Solo-Show „NOPE“ bei Gillmeier Rech. Du hast die Galerieräume quasi in eine öffentliche Toilette verwandelt. Wie kam es denn dazu?
Ich hatte ein paar Jahre vorher eine Geschichte gelesen. In der ging es um ein „rassistisches Waschbecken“ in einem Hotel. Der Seifenspender funktionierte per Sensor, aber bei einem Gast wollte es einfach nicht klappen. Also hat er es beim nächsten Waschbecken probiert: Ging auch nicht. Der Mann war schwarz, sein weißer Kollege hatte keine Probleme. Als die beiden realisiert hatten, dass ihre Hautfarbe den entscheidenden Unterschied machte, haben sie ein Video gedreht und das ging viral. Mich hat die Formulierung „rassistisches Waschbecken“ nicht losgelassen. Was kann das Waschbecken dafür? Es zeigt sich schlicht, wie einseitig die gestalterische Arbeit hinter dem Produkt geprägt ist.

Wie meinst du das?
Jemand hat einen Sensor designt, der anschlägt, sobald Haut genügend Licht reflektiert. Wenn ein Hautton zu dunkel für die Einstellung ist, funktioniert der Sensor nicht. Dahinter steckte sicher keine Absicht, aber es zeigt, mit welch inhärenter Voreingenommenheit ein vermutlich weißer Techniker einfach außer Acht gelassen hat, dass das Waschbecken von Personen mit verschiedenen Hauttönen benutzt werden wird. Das Waschbecken wurde, soweit ich weiß, schnell nachgerüstet.

Installation view of the exhibition „NOPE“, 2017, Gillmeier Rech, Berlin.

Warum hast du dich ausgerechnet mit diesem Vorfall so intensiv beschäftigt?
Dass ein Waschbecken einer schwarzen Person die Dienstleistung verweigert, fügt sich bei uns in den USA in einen besonderen historischen Kontext. Unsere Geschichte ist nicht nur von Rassismus, sondern auch von Rassentrennung geprägt. Toiletten und Wasserspender waren in dem Zusammenhang ein heikles Thema. Und sie sind es vor einigen Jahren wieder gewesen – nämlich als es darum ging, welche Toilette Transpersonen benutzen. Es ist doch spannend: Bei Toiletten verschwimmt die Grenze zwischen öffentlich und privat. Immer wieder werden sie Orte der Diskriminierung.

Mit der Hintergrundgeschichte hätte ich jetzt nicht gerechnet!
Es ist auch nicht so viel davon übrig geblieben. Ich habe damals versucht, für „NOPE“ eins der Waschbecken mit dem fehlgeplanten Seifensensor aufzutreiben – vergeblich. Am Ende habe ich mich vor allem auf den Gedanken konzentriert, wie Objekten negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Kann ein Ding sich verweigern?

Gewissermaßen die Kehrseite dessen, womit du dich zuvor beschäftigt hast. Du hast viel zu Objektsexualität gearbeitet. Menschen erleben demnach sexuelle Anziehung zu nicht lebenden Dingen. Was hast du im Rahmen deiner Auseinandersetzung mit dem Thema gelernt?
Es gibt faszinierende Bezüge zur Kunstwelt. Wer Kunstwerke macht, mit ihnen arbeitet oder sie auch nur betrachtet, wird schon mal eine Nähe zum Objekt gefühlt haben. Erika Eiffel hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Installation view of the exhibition „Wokeness“,
2018, Galerie Lisa Kandlhofer, Vienna.

Die Amerikanerin setzt sich als eine der bekanntesten Stimmen für die Belange von Objektsexuellen ein. 2007 hat sie den Pariser Eiffelturm „geheiratet“. Die Ehe ist nicht offiziell, die Namensänderung aber schon.
Genau. Sie hat mir erzählt, dass ihrem Begehren in der Kunstwelt mit viel Neugierde begegnet wird. Die Leute wollen sie verstehen. Sonst geht es oft nur um den Schock-Faktor ihrer Geschichte.

Es besteht doch aber ein Unterschied zwischen der Affinität zum Objekt und einer sexuellen Orientierung?
Objektsexuelle entwickeln eine emotionale Beziehung zu einem Gegenstand. Einige glauben an eine Art Beseeltheit des geliebten Dings, andere überhaupt nicht. Das Spektrum ist groß! Erika zum Beispiel liebt ein Samurai-Schwert, dessen Meisterin sie wohl als erste westliche Frau wurde. Und sie liebt die Berliner Mauer, die sie seit Jahren mehrmals am Tag fotografiert. Sie studiert ihre „object loves“ minutiös. Ich denke, bis hierhin können viele noch folgen. Nur dass da noch etwas Romantisches dazukommt, etwas Sexuelles, das ist den meisten fremd.

Ein bestimmtes Objekt hat für deine Arbeit eine wichtige Rolle gespielt: der „Smiling Rock“, ein Stein, dessen Maserung einem lächelnden Gesicht ähnelt. Du hast ihn vor Jahren für einen absurd hohen Preis auf eBay entdeckt und in deiner Praxis immer wieder Bezug auf ihnen genommen. Vor zwei Jahren ist er auf dem Weg zu einer Ausstellung verschwunden. Wie geht es dir damit?
Es ist seltsam. Ich hatte immer lose Kontakt mit dem Typen, dem der Stein gehört hat. Er hat mich auf dem Laufenden gehalten. Jetzt haben wir eigentlich nichts mehr zu besprechen. Trotzdem meldet er sich alle paar Monate.

Lindsay Lawson: „The Real Smiling Rock“, 2015-2018, Text, stone, variable presentation.

Was schreibt er?
(grinst) Gerade befindet er sich in einem Rechtsstreit um eine riesige chinesische Löwenskulptur.

Hoffst du, dass der „Smiling Rock“ irgendwann wiederauftaucht?
Klar. Ich habe sogar das Gefühl, dass er eines Tages wiederauftauchen wird. Und wenn es so weit ist, bin ich die erste, die davon erfährt. Wann immer irgendwas in den Nachrichten ist, was auch nur im Entferntesten mit einem lächelnden Stein zu tun hat, schicken mir das gleicht hundert Leute. Ich habe aber auch schon darüber nachgedacht, eine Arbeit über den verlorenen Stein zu machen. Was ist mit ihm geschehen? Wo ist er jetzt? Oder vielleicht sollte ich es mit einer Löwenskulptur versuchen. Die sind doch ganz cool! (lacht)

Lass uns über deine nächste Ausstellung „Squish“ reden. Neben anderen Künstler*innen zeigst du Arbeiten in der Efremidis Gallery. Geht es dir wie mir? Ist „squish“ nicht irgendwie ein irre befriedigendes Wort?
Auf jeden Fall, aber es geht ja lange nicht nur um Akustik. Es gibt ganze Instagram-Accounts von Leuten, die Sachen „squishen“. Sie schneiden schleimige Spielzeuge auf oder kneten Teig. Online-Content kann sinnliche Erfahrungen auslösen. Das ist gleichermaßen seltsam wie schlüssig. Viele Menschen leben heute einen vornehmlich digitalen Alltag. Die meiste Arbeit wird am Computer erledigt und auch das Sozialleben wird jedenfalls digital moderiert. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass derzeit so viele Künstler*innen mit Keramik arbeiten oder dass viele Leute Töpfern für sich als Hobby entdeckt haben. „Squishiness“ ist irgendwie sexy – und es könnte etwas sein, was wir im Alltag vermissen.

Lindsay Lawson: Interior Sphinx, 2018, Aluminum, plastic, rubber, pump, ceramic, water.

Lindsay Lawson: „Interior Sphinx“, 2018, Aluminum, plastic, rubber, pump, ceramic, water.

Was für Arbeiten von dir werden in der Ausstellung zu sehen sein?
Ein paar Digitaldrucke aus der Serie „Still Lives“ und eine meiner Fontänen-Skulpturen, „Interior Sphinx“. Sie sieht ein bisschen aus wie ein Couch-Tisch. Die Tischplatte ist ein mit Wasser gefülltes Becken. Darauf scheint ein Aschenbecher zu schwimmen. In dem liegt eine Zigarette und die wiederum speit Wasser. Die Beine der Skulptur sind sehr minimalistisch gehalten. Aber ich finde, es sieht ein bisschen aus, als würde ein Gebrauchsgegenstand zur Katze werden.

Es ist nicht leicht, deinen Stil zu beschreiben, aber Fontänen kehren immer wieder. Wieso?
Eine Fontäne aktiviert ein Objekt. Ihr haftet eine gewisse Opulenz an, auch wenn sie – wie bei mir – alles andere als opulent inszeniert ist. Sie funktioniert, ohne wirklich für etwas gut zu sein. Mir gefällt es, die Elemente zu steuern. Vielleicht mache ich es mir auch einfach gern schwer. Die Dinger dürfen ja nicht tropfen. Man muss herumtüfteln, damit die Pumpen richtig funktionieren.

Für die „Monopol“ hast du mal eine kurze Zeit lang Kummerkasten-Tante gespielt. Weil es von „Liebe Lindsay“ viel zu wenig Ausgaben gab: Hier ein paar Gewissensfragen zum Schluss! Was rätst du Künstler*innen, die sich binnen der ersten Stunde ihrer eigenen Eröffnung viel zu sehr betrunken haben und jetzt völlig dicht auf der Veranstaltung sind?
Sei einfach unterhaltsam! (lacht) Ich glaube, das ist allen Künstler*innen irgendwann mal passiert. Stell dich in den Mittelpunkt, reiß ein paar gute Witze!

Lindsay Lawson: Eminent Still Life / Lindsay Lawson: Mere Still Life, both from the series „Still Lives“, 2016, Digital print on aluminum dibond.

Darf man etwas mit der eigenen Galerist*in anfangen?
Ob man das darf? Klar! Es ist vermutlich nur keine besonders gute Idee. Am Anfang kriegt man so vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Aber man will auch nicht zu den Künstler*innen gehören, von denen alle glauben, sie seien nur aufgrund von Bettgeschichten bei einer Ausstellung dabei. Man muss sich zunächst allein beweisen. Das gilt übrigens für beide Seiten.

Ist es die Pflicht von Künstler*innen, herauszufinden, ob ihre Sammler*innen in irgendeiner Weise als problematisch gelten könnten?
Das Problem ist hier doch eine andere Frage: Wie viele Künstler*innen sind finanziell so stabil aufgestellt, dass sie es sich leisten können, besonders wählerisch in Bezug darauf zu sein, an wen sie verkaufen? Künstler*innen müssen sich fragen: Wofür stehe ich und womit fühle ich mich wohl? Und dann müssen sie mit ihrer Entscheidung klarkommen.

Sollte man bei einer Eröffnung lügen, wenn einem die Arbeiten nicht gefallen?
Komm schon, niemand will hören, dass dir Sachen nicht gefallen! Wie schlecht kann so eine Ausstellung schon sein? Wir machen Kunst. Wir ruinieren Leuten nicht das Leben. Ich würde jedenfalls nichts sagen. Es ist zwar meine Meinung, aber es ist die Eröffnung von jemandem anderen. Mich nervt dieses ganze: „Oh, wir sollten bedeutungsschwangere Gespräche über die Arbeiten führen!“ Eine Eröffnung ist eine Party – niemand muss hingehen, aber wenn, habt bitte eine schöne Zeit.

WANN: Mehrere Arbeiten von Lindsay Lawson sind ab Samstag, den 8. Februar, im Rahmen der Gruppenausstellung „SQUISH“ zu sehen. Die Show läuft bis zum 18. April.
WO: Efremidis Gallery, Ernst-Reuter-Platz 2, 10587 Berlin.

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