Was geht?
Herbstrundgang der Leipziger Spinnerei

11. September 2019 • Text von

Nach dem heißen Sommer wird die Herbstsaison im Leipziger Galerienviertel der Spinnerei eingeläutet. Es gibt viel zu sehen; neben dem Steckenpferd diesen Rundgangs, der neuen Leipziger Schule, werden auch Positionen einiger spannender Nachwuchskünstler*innen präsentiert. (Text: Lotta Pick)

Titus Schade: „Modelltisch – Großer Alter Stadthafen“, 2018, Oil and Acrylic on Canvas, 100 x 170cm. Copyright the Artist and courtesy
Galerie Eigen+Art Leipzig/Berlin.
(VG Bild Kunst, Bonn 2019)

Angekommen aus Berlin in Leipzig werden zwei Gänge runter geschaltet. Die Luft ist frisch und die Augen der Herbstrundgangsbesucher der Leipziger Spinnerei funkeln. Die Stimmung ist entspannt. An der Nachbarsbierbank im Innenhof des ehemaligen Baumwollbetriebs werden Freunde und Bekannte begrüßt, Ideen über neue Formate, um die “Kollegen der Spinnerei” vorzustellen, beim Kaffee diskutiert. Es kann losgehen.

Ein Highlight des Rundgangs ist die geballte Kraft der Familiensammlung Dr. Nuwayhid in der Werkschauhalle, in der um die 50 Arbeiten präsentiert werden. Angefangen von den humorvollen Schwarzweißfotografien des in den 1980er Jahren in die DDR immigrierten Mahmoud Dabdoub, über die teils hyperrealistischen Malereien von Mirjam Völker und Hans Aichinger, stechen auch Arbeiten weiterer Leipziger Maler wie Ulf Puder und Titus Schade ins Auge. Viele der ausgestellten Künstler werden von den umliegenden Galerien vertreten. Ein Heimspiel, aber ein schönes. Bravo.

Benjamin Bergmann: „Movimento“, 2018, Holz, Beton, Movingheads, 280 x 92 x 414 cm. Courtesy: Galerie Jochen Hempel.

Konzeptioneller geht es in der Jochen Hempel Galerie zu. Hier führen inmitten der Soloausstellung Benjamin Bergmanns zwei Lichtstrahler ihr Eigenleben, bis sie sich auf einen Synchrontanz einlassen, der harmonischer ist als die Lichter, die sie dabei um sich werfen. Umgeben von an Metallketten hängenden Betonlampions weist der Anblick der 17 Installationen einerseits auf die Leichtigkeit einstudierter sozialer Konventionen hin und verdeutlicht zugleich die Belanglosigkeit und somit Schwere ebendieser.

Nebenan begeistern Stella Hambergs Skultpuren in der Galerie Eigen + Art. Die schwarzen und weißen Körper im White Cube laden ein, die Aufmerksamkeit ganz auf die Masse, die ruhige Dynamik und auf die Haptik einiger Bronzeskulpturen zu legen. Ebenfalls nennenswert sind die Pastellkreidearbeiten mit starken, teils knalligen Farben von Christoph Ruckhäberle in der Galerie Kleindienst. Diese treten besonders im Kontrast zu seinen etwas kleineren, illustrativen Malereien in schwarzweiß hervor. In der Josef Filipp Galerie überzeugen die teilweise begehbaren Skulpturen aus farbigem Schaumstoff mit unterschiedlichen Profilen der Nachwuchskünstlerin Claudia Piepenbrock.

Claudia Piepenbrock: „Kabinenbogen“, 2017, Stahl, Schaumstoff, 3 Kabinen je 200 x 105 x 285 cm. Courtesy: Josef Filipp Galerie, Foto: Matthias Keller.

Als Malereiliebhaberin und Leipziger Newbie bin ich vom Rundgang und dem Mix aus „heritage“, der neuen Leipziger Schule, und konzeptionellen Arbeiten angetan. Ob und wie sich der Rundgang in den kommenden Jahren auf dem zunehmend belaufenen Areal (weiter-)entwickelt, ist noch nicht geschrieben. Mit jüngeren Galerieinitiativen wie She BAM! on board dürfen wir gespannt bleiben.

Lotta Pick betreibt die Open White Gallery in Berlin. Im Juli sprach Sie mit gallerytalk.net über ihr nomadisches Galeriekonzept. Jetzt hat sie für uns den Herbstrundgang der Leipziger Spinnerei besucht.