Bang of a rotten show
"Crocopazzo!" bei Isabella Bortolozzi

25. Mai 2020 • Text von

„Crocopazzo!“ in der Galerie Isabella Bortolozzi ist eine Synthese aus Weisheit, Absurdität und erstklassiger Unterhaltung. Visuell eine Zeitreise durch die Kostümgeschichte, inhaltlich eine Abhandlung über Moral, Sexualität und Selbstfindung, künstlerisch eine Hochleistung. Motto: „Consciousness is a symptom of disease.“ Bedeutsamkeit in Form der Komödie.

Leila Hekmat, „Croccopazzo“. Installationsansicht. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Der Besuch der Galerie Isabella Bortolozzi ist derzeit nur nach Vereinbarung möglich. Als ich die kurze Treppe aus dem Hof heraufsteige und um die Ecke blicke, öffnet sich die Tür scheinbar von selbst, ich sehe niemanden. Guter Einstieg. Die Tür führt in den ersten Galerieraum, Dunkelheit empfängt mich und eine Fortsetzung der zuvor erzeugten Stimmung von Unheimlichkeit. Der Raum ist ausgestellt mit zahlreichen Puppen in verrenkten Posen und bizarren Kostümen. Letztere bilden eine Mischung aus Elisabethanischem England und Western-Style: nackte Hinterteile und hervorgehobene Genitalien, angedeutete Bäuche von Schwangeren, seltsame Hauben, Perücken in Weiß und Rot, Fransen und Western-Stiefel. Die Köpfe der Puppen tragen fratzenartige Masken mit riesigen Augen, offenen Mündern mit Beisszähnen und teilweise Blutspuren. Eine Mischung aus Gollum und Voldemord. Die Posen der Puppen schwanken zwischen Wandeln und sexueller Aufladung. Die gesamte Atmosphäre ist überaus sinister. Aus dem Off ertönt kontinuierlich eine Tonspur, Gesang und Stimmen, eine scheinbare Konversation, allerdings sehr wirr. Die Absurdität steigert sich erneut.

Leila Hekmat, „Croccopazzo“. Installationsansicht. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Ein Vorhang markiert – versperrt – den Übergang zum zweiten Raum, darauf zwei Figuren: van Eycks Arnolfini trifft Struwelpeter. Der Raum ist leer bis auf eine weitere Figurenpuppe und eine Liege. Darauf ist eine Figur abgebildet, überschrieben mit der Aufforderung: „Trust me with your troubles.“ Alright. Der erwähnte Vorhang spannt sich um alle Wände des Raumes und offenbart weitere Mischwesen der Kunst- und Theatergeschichte. Ein Eindruck von Bühne oder Setting entsteht. Frage: Was wird hier gespielt?

Durch den langen Gang erreiche ich den letzten Raum der Galerie, das Knarren des Holzbodens und die eingebauten Wandschränke fördern das Skurrile der Atmosphäre und erhöhen die Spannung. Der Raum ist ebenfalls leer bis auf eine weitere Puppe und eine schlichte Sitzbank. An der Kopfwand wird ein Video gespielt, welches den Schlüssel zum Vorherigen gibt: Die vernommene Tonspur stammt aus dem Video, gezeigt wird offenbar ein Theaterstück. Bühne ist der eben verlassene zweite Galerieraum. Eine seltsam entrückte Nähe zum Gespielten stellt sich ein.

Leila Hekmat, „Croccopazzo“, film still. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Glück, das Stück beginnt gerade. Die Figur aus dem zweiten Galerieraum, der „host“, hält einen kurzen Monolog: „There’s sides of me you don’t know. … It’s not coincidence that drama arouse.“ Kurz darauf bittet er den „first guest“ hinein. Eine weitere Figur aus dem ersten Galerieraum tritt ein. Die Worte „misery, loneliness and selfishness“ fallen. Auf die Frage des Hosts, wann der Altruismus zutage trete, die ernüchternde Antwort: „It doesn’t come. We are all murderers and prostitutes.“ Eine Art psychotherapeutische Sitzung entfaltet sich. Die Themen gehen tief: „How real do you think I am?“, „Money can’t buy you happiness, but at least I can choose my own form of misery.“ Host: „I think you need more time to process.“

Leila Hekmat, „Croccopazzo“, film still. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Weitere Gäste folgen, das Prozedere bleibt eine individuelle Befragung, welche mehr und mehr in eine Gruppenkonversation übergeht. Der Themenkomplex umspannt Sexualität, Ehe, Gewalt, Familienstrukturen – Moralität? „Someone should really rescue you from your doubts.“ „Don’t be so desperate, desperateness is smelly.“ Die Unterhaltung wird jeweils durch Gesang der Protagonisten unterbrochen, so viel zum Drama- und Entertainment-Wert der Darstellung. Die schauspielerisch-künstlerische Leistung ist herausragend.

Wie sich zeigt, sind die Gäste eine Gruppe wahnsinniger Geschwister, welche jeweils unter einer eigenen psychischen Störung zu leiden scheinen. Kernfigur der Gruppe – und des gesamten Stücks – bildet „mother“, welche im letzten Drittel des Stücks dazutritt. Befragt zu den Familienstrukturen wird verlautet: „We’re servants. She doesn’t speak, she just rules.“ Ironischer: „Mother’s message is very simple: It smells like a fart, and looks like a pimple.“ Schelmisches Lächeln. Ursache der diversen Störungen scheinen somit autoritär-irre Erziehungs-Methoden zu sein. Host: „What a wonderful group of capted little crocodiles.“ Croccopazzo.

Leila Hekmat, „Croccopazzo“, film still. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Trotz der scheinbar zwielichtigen pädagogischen Einstellung zeugt der Auftritt „mother’s“ von einem reflektierten Bewusstsein und intuitiver Weisheit: „I do not have any illusions about who I am and what I am and why I am here. … I have to make out of this mess a paradise. I’m a mystery to myself.“ Und offenbart so einige grundlegende Wahrheiten: „Everyone needs pain. It’s the only way to get on. … Some of us are fools, most of us are in great danger of contemplation … wasting your time looking for soulutions, you only suffer from it. Forgive yourself, there is no consequence … and be free.“ Abschließend bleibt nur noch Tarantino.

Leila Hekmat, „Croccopazzo“. Installationsansicht mit film still. Courtesy of the artists and Galerie Isabella Bortolozzi.

Die Themen und Bedeutungsebenen – großes Wort -, die „Croccopazzo“ anspielt, sind zu umfassend, um sie hier wiederzugeben oder gar bei einmaliger Betrachtung zu erfassen. Die Installation stellt viele Fragen, gibt manche Antworten. Bei einer Analyse birgt die Arbeit große Weisheit, bei „schlichter“ Betrachtung ist sie schlicht eine große Freude! In den Worten des Hosts: „Absolutely fascinating.“ Still, I think I need some more time to process…

WANN: Die Ausstellung „Crocopazzo!“ läuft noch bis zum 20. Juni 2020. 
WO: Galerie Isabella Bortolozzi, Schöneberger Ufer 61, 10785 Berlin. Die Ausstellung ist derzeit nur nach Vereinbarung zu besichtigen.

 

Weitere Artikel aus Berlin