Leibliche Raumerfahrung
Durch den Space mit Kurator Lukas Feireiss

13. September 2018 • Text von

Alle Architektur beginnt mit einer Mauer, sie erst schafft einen Raum. BNKR, Plattform für Reflektionen in Kunst und Architektur, startet diese Woche einen neuen Ausstellungszyklus. Unter dem Titel “Space is the Place” reflektieren Künstler, Architekten, Philosophen und Wissenschaftler die Wahrnehmung von Raum. Kurator Lukas Feireiss über das Projekt und die erste Ausstellung „Thresholds. Limits of Space“.

Raul Walch: Eureka, 2015/2018 Potsdamer Platz, Berlin © Raul Walch.

Unter dem Titel “SPACE IS THE PLACE (Part 1/4) Thresholds. Limits of Space” präsentiert der BNKR das erste Kapitel seines neuen Ausstellungsprogramms. Bis zum Sommer 2019 werden insgesamt drei Ausstellungen und ein Symposium präsentiert, ergänzt durch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen und Talks. Die unterschiedlichen Facetten des Programms eint die vieldimensionale Reflektion der Beziehungen von Raum, Architektur und Politik. In der Gruppenausstellung “Thresholds. Limits of Space” werden Arbeiten von Bruce Nauman, Andrea Fraser, Jeewi Lee, Raul Walch und Wermke/Leinkauf präsentiert. Das Programm stellt Lukas Feireiss zusammen. Er arbeitet als Kurator, Künstler und Autor in der internationalen Vermittlung von Kunst, Kultur und zeitgenössischer Reflexivität jenseits disziplinärer Grenzen, mit gallerytalk.net spricht er über seinen kuratorischen Ansatz, Architektur und Kunst. 

gallerytalk.net: Der Titel „Space is the Place“ bezieht sich ja auf einen bekannnten Song des Musikers Sun Ra und weckt Assoziationen zumdem Konzept des „Afrofuturismus“. In der im BNKR gezeigten Ausstellungsreihe stehen aber auch Architektur und eine Auseinandersetzung mit dem Raum im Fokus. Wie gelingt der Bogen?
Lukas Feireiss: „Space is the Place“ ist der Titel des Jahresprogramms im BNKR, die aktuelle Ausstellung „Thresholds. Limits of Space“ ist der erste von vier Teilen. Es werden insgesamt drei Ausstellungen und ein Symposium präsentiert. Was die unterschiedlichen Projekte eint, ist eine Auseinandersetzung mit dem Raum, mit Architektur und Mauern. Natürlich kann man den Titel „Space is the Place“ nicht nutzen, ohne sich auf den „Afrofuturismus“ zu beziehen. Ich bin als Kurator sehr an künstlerischen Raumpraktiken interessiert, nutze aber auch gerne Bezüge zur Musikgeschichte. „Space is the Place“ im Kontext des Afrofuturismus wird in der letzten Ausstellung einen Platz finden, die im Sommer nächsten Jahres präsentiert wird, anlässlich des 50. Jubiläums der Mondlandung. Es wird um Raum gehen, aber auch im Sinne des Weltraums. Die Ausstellungreihe widmet sich den Themen Raumbegrenzung und Raumauflösung, vom architektonischen Raum bis hin zum unendlichen Raum.

In der ersten Ausstellung „Thresholds. Limits of Space“ geht es also um Grenzen?
Die Ausstellung widmet sich Schwellen und Übergängen. Grenzen des Raumes. Ein Raum wird immer durch eine Grenze definiert, nur so entsteht ein Innen und ein Außen. Architektur entsteht durch den Bau von Mauern, die schützen und eine Linie zwischen Natur und Kultur etablieren.

Eine Mauer ist in der Grammatik der Architektur das grundlegende Element?
Sie ist die Grundvoraussetzung. Damit beginnt es. Alle weiteren, komplexen Diskussionen über Architektur basieren auf Mauerziehung. Erst eine Mauer schafft einen Raum. Alles beginnt mit der Mauer.

Bruce Nauman: Body Pressure, 1974 Performance with instruction sheet, Installationsansicht „50 Years of Konrad Fischer Galerie 1967 – 2017“, Konrad Fischer Galerie Düsseldorf, 2017, Foto: Achim Kukulies, courtesy: Konrad Fischer Galerie.

Bruce Nauman stellt diese Gewissheit in seiner Arbeit „Body Pressure“ infrage.
Alle in der Ausstellung gezeigten, künstlerischen Positionen setzten sich mit diesem Element auseinander, stellen es in Frage, mitunter auch spielerisch. Bruce Naumans „Body Pressure“ war für mich ein Klassiker, auf den die anderen KünstlerInnen reagieren. Bei ihm steht eine körperliche, taktile, leibliche Raumerfahrung im Fokus. Für mich war diese Arbeit die Initialzündung für die Ausstellung. Zunächst sollte man eine Wand als solche wahrnehmen und dadurch, im Kontrast, auch den eigenen Körper. Wir als Individuen erfahren Räume, ein Raum entsteht erst in unserer Wahrnehmung. In Andrea Fraser sehe ich wiederum eine spielerische Antwort auf Nauman.

Andrea Fraser: Little Frank and His Carp, 2001, color/sound 6’, © Andrea Fraser; courtesy Andrea Fraser and Galerie Nagel Draxler, Berlin/Cologne.

Andeas Fraser geht in „Little Frank and His Carp“ humoristisch vor, sie spielt mit der sakrosankten Architektur von Frank Gehry und stellt ihren eigenen, persönlichen Umgang mit dieser Architektur ins Zentrum.
Sie überspitzt die Erfahrung, die Bruce Nauman vermitteln will. Als Vertreterin der institutionellen Kritik setzt sie sich mit dem Museum als Ort auseinander. Sie hinterfragt die Repräsentanz und Präsentation des Museums, der Architektur und des Architekten. Sie nutzt die Tonspur des Audioguides, der den Bau von Frank Gehry sinnlich, fast erotisch beschreibt. Sie hört sehr genau hin, wie über dieses Gebäude gesprochen wird und überspitzt das in ihrer Performance. Aufgenommen mit versteckter Kamera kann man auch die irritierten Reaktionen der anderen Besucher sehen. Für Fraser wird die Architektur zu einem Fetischobjekt, sie erotisiert die Architektur.

Wermke / Leinkauf: Überwindungsübungen, 2015, 5-Kanal Diaprojektion, C-Print, Handzettel, © Wermke / Leinkauf.

Das Künstlerduo Wermke / Leinkauf wiederum versucht, urbane Grenzen spielerisch zu überwinden?
Sie widmen sich Praktiken der Grenz- und Barrierenüberschreitung. Wermke / Leinkauf leben und arbeiten in Berlin und bespielen dort auch den Stadtraum. Es gab ein Projekt, für das sie mit einer Draisine, wie bei Buster Keaton, nachts illegal die Berliner S-Bahngleise abgefahren sind und das filmisch festgehalten haben. Sie testen Raumgrenzen. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten basieren auf Dokumenten und Fotos aus den Archiven der Grenzpolizei der DDR. Sie zeigen verschiedene Versuche und Methoden, die Berliner Mauer zu überwinden. Wermke / Lainkauf nutzen dieses Material und stellen diese Aktionen nach. Entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer haben sie nun versucht, jetzt dort stehende Mauern zu überwinden, auf die gleiche Art wie in den Archivdokumenten.

Eine Form der Aneignung?
Das ist natürlich ein direkter Bezug zur Geschichte der Stadt Berlin, einer Stadt, die durch eine Mauer getrennt wurde. Diese Referenz wollte ich als Berliner natürlich auch einbringen. Aber hier geht es wieder um eine Körperlichkeit, die in Bezug zu einer festen Mauer steht. Wie bei Nauman und Fraser spielt diese Körperlichkeit eine wichtige Rolle. Ein Körper, der sich mit einer Mauer auseinandersetzt, sich an ihr reibt.

Jeewi Lee: Strassenquerschnitt, 2015, Querschnitt der Leipzigerstraße, Berlin auf Teppich (1800 x 4000 cm) © Jeewi Lee.

Stehen neben dieser Körperlichkeit auch andere Elemente im Fokus der Ausstellung?
Die beiden Arbeiten, die in der Ausstellung im Hauptraum zu sehen sein werden, von Jeewi Lee und Raul Walch, beziehen sich auf andere Diskurse. Jeewi Lee wird eine Abrisskugel im Innenraum installieren und dabei die Bedeutung und Funktion dieses Instruments des Abbruchs umkehren. Die Räume des BNKR waren ja Teil eines Bunkers und so als eigentlich ‚unzerstörbar‘ konzipiert. Die gezeigte Abrissbirne zerstört also nicht das Gebäude, das Gebäude hinterlässt im Gegensatz Spuren an diesem Werkzeug. Die Kugel wird von den Mauern verformt, die Mauern sind stärker als sie. Die Kugel beißt sich die Zähne an der Mauer aus, sie scheitert. Das Ergebnis ist ein frustrierter Versuch der Überwindung von Grenzen, der fast klaustrophobisch wirkt.

Werden auch Arbeiten gezeigt, die sich auf den Stadtraum Münchens beziehen?
Raul Walch zeigt Arbeiten, die gleichzeitig Räume auflösen und neue Räume schaffen. Seine Serie „Eureka“ hat er in Berlin begonnen und hier in München weitergeführt. Er nutzt die öffentliche Infrastruktur und schafft aus Hydranten Fontänen im Stadtraum. Ein Bezug auf den Brunnen als Element der Landschaftsarchitektur. Seine Springbrunnen entstehen jedoch überraschend im urbanen Raum, an Orten, an denen man sie nicht erwarten würde, einer Autobahnausfahrt beispielsweise. Der Stadtraum wird im Wortsinn aufgebrochen.

Installiert Raul Walch tatsächlich eine solche Fontäne vor dem BNKR?
Am Abend der Eröffnung wird es eine solche Installation vor dem BNKR geben, er hat aber auch an anderen Orten in ganz München Fontänen installiert und diese Eingriffe dann fotografisch dokumentiert. Er zeigt auch Bilder der „Instrumente“, die er auf die Hydranten montiert.

Raul Walch: Eureka, 2015/2018 Wasserhydrant, Rohre © Raul Walch.

Zusätzlich zur Ausstellung wird es auch ein Rahmenprogramm geben. Worauf liegt hierbei der Fokus?
Ich komme eigentlich aus dem klassischen geisteswissenschaftlichen Kontext. Es ist für mich sehr spannend, theoretische Diskurse mit den künstlerischen Herangehensweisen zu verbinden. Daher habe ich für das Rahmenprogramm zwei Wissenschaftler eingeladen. Theo Deutinger wird am 29. November in den BNKR kommen. Er hat mit dem „Handbook of Tyranny“ eine Art Atlas der perfiden Globalisierung zusammengestellt. Er analysiert, wieviele Grenzen es gibt, wieviele Mauern gebaut werden, wie im Stadtraum überwacht wird oder Mittel der Terrorabwehr genutzt werden. Sehr trocken, akribisch und technisch in der Form. In seinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel über Mauern.

BNKR – current reflections on art and architecture: SPACE IS THE PLACE (1/4): Thresholds. Limits of Space.

Mauern und Zäune erleben ja im Moment auch wieder eine populistische Renaissance.
Natürlich sind wir mit dem Thema der Grenzziehung und der Überwindung von Grenzen im Zentrum eines hochaktuellen Diskurses. Man kann sich mit Kunst, ohne mit dem Finger zu zeigen, einem solchen Thema nähern, das unsere Gesellschaft sehr beeinflusst.

Man nähert sich, ausgehend von der elementaren Funktion einer Mauer, globalen Diskussionen über den Schutz politischer Räume. Dieser Schritt ist erstaunlich kurz.
Die Mauer hat die gleiche Funktion, nur einen anderen Maßstab. Und es freut mich sehr, dass wir die Möglichkeit haben, diese Themen kritisch zu diskutieren, nicht nur aus einer künstlerischen Perspektive, sondern auch im Kontext der Politik. Für eine Veranstaltung am 25. Oktober haben wir Tobias Prüwer eingeladen, der mit dem Buch „Welt aus Mauern“ eine Kulturgeschichte der Mauer geschrieben hat und sich dem Thema umfassend widmet. Von den biblischen Mauern von Jericho bis Trump. Die Mauer als Thema ist ja eine Konstante in unserer Geschichte.

WANN: Die Eröffnung der ersten Ausstellung ist am 13. September, ab 19 Uhr. Zu sehen bis 9. Dezember.
Am 25. Oktober 2018, ab 19 Uhr:  Tobias Prüwer –  Welt aus Mauern, Eine Kulturgeschichte. Am 29. November 2018 ab 19 Uhr: Theo Deutinger – Handbook of Tyranny.
WO: BNKR – current reflections on art and architecture, Ungererstraße 158, 80805 München.
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Kontakt: Nina Pettinato, pettinato@bnkr.space T +49 (0)89.689 0606 20  
Sonderöffnung: Freitag, 14.09.18, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten: Samstag + Sonntag (15.09.18 + 16.09.18), 14 – 18 Uhr 
Führungen nach Vereinbarung unter info@bnkr.space
Haltestelle: Linie U6, “Alte Heide”

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