Lady Liberty und die erregte Fackel
Dorothy Iannone stellt in Peres Projects aus

1. April 2019 • Text von

Bereits seit den Sechziger Jahren dient Lady Liberty der Künstlerin Dorothy Iannone als Symbol für Freiheit. Nun bekommt die Dame in der Ausstellung „Lady Liberty Meets Her Match“ endlich erstmals eine männliche Muse geschenkt.

Dorothy Iannone, My Liberties (Blonde), 2019, Painting – Acrylic on wall, Dimensions variable, As shown, 350 x 180 cm (138 x 71 in), Edition of 3 + 1AP, DI15549.1, Courtesy Peres Projects, Berlin, Photographer: Matthias Kolb

Die blonde, dralle Freiheitsstatue weint. Sie thront über allen und blickt kämpferisch in die Masse. Wer will, wer will, wer hat noch nicht? In grellen Farben gekleidet, wirkt sie wie ein billiges Jahrmarktangebot. Sie steht auf der grünen Bühne, blaue große Sterne blinken auf ihrem Rock. Ihre Nippel sind bedeckt von rosa Sternchen. Sie selbst ist auch ein Sternchen – der Star der Freiheit. In der rechten Hand hält sie die goldene Fackel des Mannes. In der Linken eine Tabula Ansata, eine römische Einfassung von Schriften und Tafel mit Handhaben. Pin-Up-Girl of Liberty – die Freiheit der Frau, dem Mann zu gefallen.

Dorothy Iannone, My Liberties (Blue), 2019, Painting – Acrylic on wall, Dimensions variable, As shown, 350 x 175 cm (138 x 69 in), Edition of 3 + 1AP, DI15551.1, Courtesy Peres Projects, Berlin, Photographer: Matthias Kolb

„My Liberties“ erfüllen der Weiblichkeit die Freiheit des Dekolletés (leider nicht der Nippel), die Freiheit, sich die Haare blond, rot oder gar blau zu färben, die Freiheit, in der Öffentlichkeit zu weinen, Schmuck, eine Bühne, und sogar schickes Make-Up. Juhu! Die blauhaarige Schöne ist nicht ganz so grell wie Lady Blonde. Die Dame hat sich klischeehaft weiblich herausgeputzt. Sie trägt Kleid und tiefen Ausschnitt. Ihr Haar – natürlich lang, roter Lippenstift und hoffentlich ein bisschen Mascara. Trotz all dem wirkt sie nicht schwach, sie braucht keinen Beschützer. Sie blickt angriffslustig in die Menge. Jedem, der ihr zu nah kommt, zieht sie die Tabula Ansata über den Kopf. Sie ist ein Showgirl, aber sie ist auch die Lady Liberty, und Lady Liberty weint, weil sie sich an all das Übel der Vergangenheit erinnert: die Kriege, die Ungleichheit, Diskriminierungen und Misshandlungen. Kämpferisch hält sie den Penis in die Luft. Er strahlt erregt. Steht er noch über ihr? Oder hat sie ihn schon in der Hand?

Dorothy Iannone, I Lift My Lamp Beside The Golden Door, 2019, Painting – Acrylic, on wall, Dimensions variable, As shown, 210 x 425 cm (83 x 168 in), Edition of 3 + 1AP, DI15550.1, Courtesy Peres Projects, Berlin, Photographer: Matthias Kolb

Dorothy Iannone hat in ihrer Ausstellung “Lady Liberty meets her Match” viele Werke direkt an die Wand gemalt. Begleitet von einer Sound Installation erscheinen sie mächtig und eindringlich. Die Buchstaben der geschriebenen Sätze springen fast naiv über die weiße Mauer, und hallen dennoch in Tiefe nach.

Dorothy Iannone, The Statue of Liberty, 2019, Painting – Acrylic on wall, Dimensions variable, As shown, 355 x 265 cm (140 x 104 in), Edition of 3 + 1AP, DI15554.1, Courtesy Peres Projects, Berlin, Photographer: Matthias Kolb

Iannone gibt den Darstellerinnen und Darstellern ihrer Werke unterschiedliche Charaktere und haucht ihnen einen fast comic-haften Charme ein. Kämpferisch emporgehoben wird meist der Penis – woraufhin sich die Frage stellt, warum die Abhängigkeit zu diesem Wahrzeichen im Zuge der Auseinandersetzung mit dem offensichtlich feministischen Diskurs so präsent sein muss. Vor der U.S. Flagge aufgestellt, wirkt „The Statue of Liberty“ unabhängig und frei. Sie steht breitbeinig, präsentiert ihr wild gelocktes Haar, zeigt ihre vollen Brüste und bedeckt weder ihre Vulva, noch ihre Nippel. Sie ist bereit für den Kampf, eine Amazone. Doch warum der erigierte Penis in ihrer erhobenen Hand? Warum die kleinen Zahnräder an ihren fehlenden Füßen? Und warum repräsentiert ausgerechnet sie die U.S.A. – ein durchweg kapitalistisch und chauvinistisch geprägtes System? Es schreit doch der feministische Wunsch nach Gleichstellung und Grenzaufhebung.

Dorothy Iannone, Lady Liberty, 2019, Sculpture – Acrylic, India ink on wood, 155.8 x 125.8 x 22 cm (62 x 50 x 9 in), DI15547, Courtesy Peres Projects, Berlin, Photographer: Matthias Kolb

Die unangefochtene “Lady Liberty” stellt Dorothy Iannone als Skulptur mitten in den Raum. Sie thront nicht wie ein Mahnmal über den Besuchenden, sie steht bei ihnen. Sie ist nicht geschminkt, nicht aufgedonnert, sie hat keine langen Haare, sie hat es nicht nötig, sich auf diese Weise zur Schau zur stellen. Sie trägt die Sterne nicht auf den Nippeln, sondern, gemischt mit Blumen, als Krone auf dem Kopf. In der Hand hält sie keinen Penis – sie hat sich wahrhaft gelöst, sie braucht kein Opfer und keine fremd erworbene Waffe. Stattdessen trägt sie einen Stern in ihrer Hand. Und spätestens seit dem letzten Besuch im Naturkundemuseum weiß man, dass, ob Frau oder Mann, alle Menschen aus Sternenstaub bestehen.

WANN: Die Ausstellung kann noch bis zum 19. April besichtigt werden.
WO: Peres Projects, Karl-Marx-Allee 82, 10243 Berlin.

 

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