Künstlerinnen schreiben Geschichte(n)
Romane von zeitgenössischen Künstlerinnen

23. November 2021 • Text von

Calla Henkel, Cemile Sahin, Sophie Calle und Olga Hohmann verbindet etwas. Sie alle sind Frauen, klar, aber sie alle sind auch zeitgenössische, bildende Künstlerinnen, die Bücher schreiben, Romane und Kurzgeschichten. Sie alle lassen sich unter dem Motto “Artists writing books” vereinen und erzählen mal abstrakter, mal persönlicher von ihrer Geschichte und den Geschichten Anderer.

Olga Hohmann

Olga Hohmann, “What I (don’t) remember”, 2020. Foto: Gernot Seeliger

Die Theaterregisseurin, freie Künstlerin und Autorin Olga Hohmann hat einen Blick für die kleinen Momente, die das Leben irgendwie zum Leben und den Alltag zum Besonderen machen. Sie erkennt das Komische im Tragischen und erzählt wunderbar leicht und manchmal auch etwas kitschig davon. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen arbeitet sie sich einmal an der Computerspiel-Realität von Sims ab oder schreibt eben ein Buch. “What I (don’t) remember” ist der schlichte Titel einer leichten und humorvollen Erzählung davon, was passiert, wenn man einmal zu oft auf den Kopf gefallen ist. So wie andere auf die Schnauze fallen, quasi, nur anders.

Es ist die Geschichte einer dieser Nächte, nach der man aufwacht, keine Ahnung mehr hat, wie man dahin gekommen ist, wo man sich befindet und die Rekonstruktion des Nicht-Wissens zu einer tragikomischen Geschichte wird. Diese Geschichte erzählt Olga Hohmann, so spürt man, aus all ihren persönlichen Facetten heraus. Da spricht die Theaterfrau uns mit einer Stimme, die in Gedanken den Raum erfüllt, da mal die Freie Künstlerin Wortbilder, die das Gesagte besonders plastisch machen und da zurrt die Autorin Handlung und Sprache und Bilder zu einer runden Erzählung zusammen.

Derzeit ist eine von Olga Hohmann und Jan Koslowski veranstaltete Gruppenausstellung in der Galerie Anton Janizewski in Berlin zu sehen. Beide Künstler*innen tragen an mehreren Terminen eine Performance zum Ausstellungsprojekt bei.

Olga Hohmanns Buch “What I (don’t) remember” ist 2020 im Selbstverlag erschienen und kann über die Website der Künstlerin erstanden werden.

Olga Hohmann, “What I (don’t) remember”, 2020. Scan: Sibel Beyer

Cemile Sahin

Cemile Sahins Werke sind künstlerische Erzeugnisse aus Wort und Bild, statisch und bewegt, plakativ und installativ zugleich, wie zuletzt zu sehen bei Esther Schipper. Die Multimedialität in der Arbeit der Bildenden Künstlerin Cemile Sahin finden sich auch in ihren Büchern, von denen es mittlerweile zwei gibt. In ihrer Kunst im Allgemeinen reflektiert Sahin ihre eigene Geschichte und die Fortschreibung von Geschichte als einer perspektivbehafteten Erzählung. In ihren Romanen nimmt sie diesen Akt quasi selbst in die Hand, indem sie die Geschichte selbst verfasst.

Sahins Debütroman “Taxi” (2019) ist das Buch, so heißt es unter dem Buchtitel, „in dem Rosa Kaplan beschließt, ihr Schicksal nicht zu akzeptieren und den Sohn, der ihr durch den Krieg genommen wurde, durch einen anderen zu ersetzen“. Geschrieben und teilweise grafisch illustriert wie die Episoden einer TV-Serie führt die Autorin ihre Leser*innen durch diese durchaus absurde Geschichte. 

Ihr erstes Buch ist ebenso wortgewaltig wie ihr zweites, “Alle Hunde sterben” (2020). Wortgewaltig, denn in ihren Worten steckt die Gewalt, die andere erlebt haben (müssen), durch Folter, politische Unterdrückung, durch das Leben. Cemile Sahin erzählt in „Alle Hunde sterben“ die Geschichte von neun Menschen, die alle in demselben Hochhaus in der Türkei ihr Exil verbringen. Form, Ästhetik und Ton von Sahins Büchern ähneln ihrer Kunst und sind geprägt von ihrer kurdisch-alevitischen Herkunft ebenso wie von Internetvideos und TV-Serien.

Cemile Sahins Buch “Taxi” ist 2019 beim Korbinian Verlag erschienen, ihr zweiter Roman “Alle Hunde sterben” wurde 2020 beim Aufbau Verlag publiziert. Beide Bücher kosten 20,00 Euro.

Cemile Sahin, “Taxi”, Korbinian Verlag, Berlin 2019, Cover / Cemile Dahin “Alle Hunde sterben”, Aufbau Verlag, Berlin 2020, Cover

Sophie Calle

Als die Künstlerin Sophie Calle 2007 den französischen Pavillon auf der Venedig-Biennale bespielte, stelle sie ein persönliches Dokument ins Zentrum ihrer Kunst: Die Email, mit der ein früherer Lebensgefährte sich von ihr trennte, bildete die Grundlage ihrer Arbeit “Prenez soin de vous” (2007). Dieser Ansatz, Persönliches zur Basis der künstlerischen Auseinandersetzung zu machen, liegt nicht nur in den künstlerischen Arbeiten Calles, sondern auch in ihrem Schreiben. 

“Detektivisch, voyoeuristisch, dokumentarisch” haben wir die frühen künstlerischen Werke Sophie Calle hier einmal genannt. Drei Adjektive, die auch das Buch „Wahre Geschichten“ (2004) auf den Punkt bringen. In 65 kurzen Erzählungen, die oft nur aus wenigen Sätzen bestehen, rekonstruiert die Künstlerin und Autorin darin ihr eigenes Leben. Jeder Geschichte, stellte Sophie Calle darin, ganz die Fotografin, ein fotografisches Bild bei. 

Der inhaltliche Gegensatz, der sich im Titel des Buches verbirgt, stellte einen Bezug her zum vermeintlichen Wahrheitscharakter, der auch der Fotografie anhaftet – und schließt damit ganz gut den Kreis zwischen Sophie Calles künstlerischem und literarischem Schaffen, das sich stets irgendwo zwischen Wahrheit und Fiktion bewegt.

Sophie Calle Buch ist 2004 in der deutschen Übersetzung beim Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 22,00 Euro.

Sophie Calle, “Wahre Geschichten”, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004 / Calla Henkel, “Other People’s Clothes”, Sceptre, London 2021

Calla Henkel

Calla Henkel stand gerade noch zusammen mit Max Pietegoff auf der Shortlist des Preises der Nationalgalerie 2021 und hat ungefähr zur gleichen Zeit ihren ersten Roman veröffentlicht: “Other People’s Clothes” (2021) ist die Geschichte zweier US-amerikanischer Kunststudentinnen, die nach Berlin ziehen und aus ihrer Wohnung einen echten Party-Hotspot, einen place-to-be in der Berliner Kunstszene, machen. Was harmlos und vordergründig hip beginnt, entwickelt sich zu einer Art komischem Thriller. 

Wer die Geschichte der Künstlerin und Autorin Calla Henkel ein wenig kennt, könnte meinen, sie erzählt in ihrem Roman autofiktional. Schließlich ist sie selbst aus den USA nach Berlin gekommen, um hier als Teil der Expat- und Theaterszene durchzustarten und währenddessen gemeinsam zunächst in Berlin-Neukölln die Times Bar und später in Schöneberg die Künstlerkneipe TV Bar zu eröffnen.

Trotz aller Ähnlichkeiten handelt es sich bei Calla Henkels erstem Buch jedoch nicht um Autofiktion, sondern um eine gelungene fiktionale Erzählung mit diversen Verweisen auf Hoch-, Pop- und Trashkultur. In teilweise recht trockenem Ton lässt die Autorin ihre Figuren darin klare Kante zeigen, gegen Kapitalismus und Aufmerksamkeitsökonomie. 

“Künstlerin zu sein bedeutet, Geschichten zu verkaufen, und Geschichten verkaufen ist Kommerz. Daran ist nichts alternativ”, lautet einer der Sätze in “Other People’s Clothes”, der so treffend einen Bogen schlägt zwischen Kunstwelt und Literaturbetrieb – und damit zurück zur Autorin selbst.

Calla Henkels Roman “Other People’s Clothes” ist beim Londoner Verlag Sceptre publiziert worden und kostet rund 18,00 Euro.