Kunst in Quarantäne #4
Goldene Eierkartons, MoMa zum Ausmalen und Tarot

7. April 2020 • Text von

Ausmalen wirkt ja bekanntermaßen sehr beruhigend. Wem daheim die Decke auf den Kopf fällt, der greife zum Griffel: Das MoMa hat Vorlagen parat. Wenn das die Zukunftssorgen nicht vertreibt, hilft vielleicht John Walter: Der legt euch nämlich Karten per Skype. Und das sind erst zwei unserer Ideen für mehr Kunst zu Hause.

Drei Stills aus dem IGTV-Video zur Serie "SMALL TALKS" der Sammlung Boros. Zu sehen: Juliet Kothe sowie goldene Eierkarton-Skulpturen des Künstlers He Xiangyu.

Juliet Kothe spricht im Rahmen von „SMALL TALKS“ über den Künstler He Xiangyu. Courtesy of Boros Collection / Collage: gallerytalk.net

Die Sammlung Boros ist eine der wichtigsten privaten Sammlungen zeitgenössischer Kunst weltweit. Mit maximalem Coolness-Faktor residiert sie in einem Berliner Bunker nördlich der Spree. Weil die 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für Besucher*innen derzeit geschlossen sind, hat sich das Boros-Team den Weg ins Netz gebahnt – genauer gesagt auf Instagram. Was gerade viele Galerien, Museen & Co. Versuchen, gelingt bei Boros mit einfachen Mitteln ziemlich gut. Verschiedene Mitarbeitarbeiter*innen erzählen, wie sie ganz persönlich auf Künstler*innen der Sammlung und deren Werke blicken. Da spricht also zum Beispiel Juliet Kothe über die güldenen Eierkartons von He Xiangyu. Die „SMALL TALKS“ der Boros Collection, das sind wenige Minuten persönlicher Ansprache, glossy aufgezogen für IGTV – das ist doch mal snackable Content für die Couch.

Der Tipp kommt von Anna Meinecke.

Das Buch "String Figures" von Jenny Schäfer vor dem Hintergrund eines Nests voller Eier und Dinos.

Jenny Schäfer „String Figures“, SUKULTUR. Foto: courtesy of the artist.

Ich meine, es waren ein  kleines Vorhängeschloss oder irgendwelche Nichtigkeiten im Plastikbeutel, mit denen sich Jenny Schäfer vor Jahren mal eine Platz in meinem Herzen reserviert hat. Vordergründig Einfaches lädt die Hamburger Künstlerin auf mit Poesie. Sie hat schon vor Jahren aus Prepping Kunst gemacht – das allein qualifiziert sie für eine Empfehlung auf dieser Liste. Es beweist auch: Die Frau hat in puncto Alltagsbeobachtungen einfach den richtigen Riecher. Gerade ist ihr neues Buch „String Figures“ erschienen. Es enthällt eine Menge Wahrheiten verpackt in grandiose Worte. Jenny Schäfer schreibt von Aufregung, Unruhe und Anfangspanik, von Daunenbetten und glatten Oberflächen, von Gulasch und Klassenunterschieden. Und von Hans. Ihr solltet „String Figures“ unbedingt lesen. Ihr könnt es direkt beim Verlag SUKULTUR bestellen.

Der Tipp kommt von Anna Meinecke.

John Walter, Tarot card reading session. Courtesy of John Walter.

„Abu Mamza ate my Hamster“ – er experimentiert mit Sprache, Form, Farbe. Je greller und expressiver umso besser. Der britische Künstler John Walter ist bekannt für seine farbenfrohen Bilder, Skulpturen und raumfüllende Installationen; Werke, denen es an Ironie selten fehlt. Für die Zeit des weltweiten Stillstands lädt der britische Künstler nun jeden Freitag ein, an einer, von ihm gehaltenen Tarot-Lesungen via Skype teilzunehmen. Walter sieht die Deutungen von Tarot als anpassungsfähige Mutationen ähnlich denen eines Virus. Die Auseinandersetzung mit Themen der Virologie bestimmt ironischerweise seit Jahren sein Oeuvre. Vor diesem Hintergrund bekommen die kostenlosen Sitzungen eine aktuelle Relevanz. Es geht Walter aber vordergründig um Gastfreundschaft – „it is in the spirit of this moment that we need to help each other out.“ Die Sitzungen sind kostenlos und dauern eine halbe Stunde. Für eine Teilnahme bittet Walter sich auf seiner Website http://www.johnwalter.net zum Versand des Newsletters einzutragen.

Der Tipp kommt von Teresa Hantke.

(Bunny) Sculpture and Painting (traced) (1999/2019) Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York.

Sie ist einer der großen Künstlerinnen der Appropriation Art. Ihre Werke hängen in den bedeutenden Museen dieser Welt. Die Amerikanerin Louise Lawler, bekannt für ihre Fotografien von Kunstwerken, erstellte 2013 gemeinsam mit dem Illustrator Jon Buller eine Serie von feinen Bleistiftzeichnungen, die ihre Fotografien in abstrahierter Form widergeben. Nun haben sich das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) und Lawler zusammengetan, um eine stressfreie Kreativitätsübung für die Zeit in Quarantäne anzubieten. Auf der Website des MoMA kann man nun zwölf Schwarz-Weiß-Kolorierungsblätter kostenlos herunterladen, die auf den Fotografien der Künstlerin basieren und Szenen aus Museen zeigen, die derzeit geschlossen sind. Ran an den Buntstift!

Der Tipp kommt von Teresa Hantke.

Press View of Andy Warhol Exhibition, Tate Modern, 2020 © Tate photography, Andrew Dunkley.

Um jede Ausstellung, die jahrelang vorbereitet wurde und deren Besuch dem Publikum nun aufgrund der Pandemie verwehrt bleibt, ist es bedauerlich – nicht nur für die Kuratoren und Kuratorinnen. So auch bei der aktuell geschlossenen Retrospektive „Andy Warhol“ in der Londoner Tate Modern. Ja, wieder Andy Warhol, aber diese Ausstellung mit einer Zusammenstellung von über 100 Werken verdeutlicht, wie dieser innovative Künstler sich vorgestellt hat, was Kunst in einem Zeitalter des immensen sozialen, politischen und technologischen Wandels bedeuten könnte. Da wir die Ausstellung nun zur Zeit des Lockdowns nicht in Persona besuchen können, launcht die Tate Modern nun zwei Online-Führungen mit den Direktoren des Museums sowie den Kuratoren der Ausstellungen.

Der Tipp kommt von Teresa Hantke.