Kunst in Quarantäne #3
Wolken, Web-Art und kluge Kunstkritik

31. März 2020 • Text von

Wann habt ihr das letzte Mal in die Wolke gestarrt? So richtig mit Leidenschaft und Formen erkennen? Eben. Und was ist trotz Kontaktbeschränkung noch erlaubt? Genau das! Wir haben für euch das passende Begleitbuch. Und einen Kunstfilm, zwei bombastische Kunstkritikerinnen und ein Konzert. Und noch mehr.

Credits: Sergej Parajanov, „The Colour of Pomegranates“, film still; Courtesy of the Parajanov-Vartanov Institute.

Film trifft Kunst trifft Surrealismus: Sergej Parajanov’s „The Colour of Pomegranates” ist ein Meisterwerk des Kunst-Films: Herausragende Bildkompositionen, faszinierende Musik und ein gebührendes Maß an Absurdität. Für alle, die ihn noch nicht kennen, ein Muss für die Quarantäne-Zeit; für alle, die ihn kennen: Man kann ihn auch zweimal (dreimal, viermal …) schauen. Der Film ist online über verschiedene Streaming-Dienste erhältlich. Wer es sich gönnen möchte, greift zur 2014 erschienenen überarbeiteten Blue-Ray DVD.

Der Tipp kommt von Christina-Marie Lümen.

 

MTAA, Simple Net Art Diagram, ca. 1997, creative commons.

Kunst im und für das Internet gab es auch schon vor der zeitweisen Schließung der Galerien und Museen. „Net-Art“ oder „Web-Art“ gibt es seit den Anfängen des Internets, sie blieb jedoch oft in einer Nische. Um dies zu verändern hat die New Yorker Kunstorganisation Rhizome das Projekt „Net Art Anthology“ ins Leben gerufen. Bestehend aus einer Ausstellung, einem Katalog und einer Webseite ist das Projekt der Versuch, einen möglichen Netzkunstkanon zu skizzieren. Für diese komplexe Aufgabe wurden 100 exemplarische Werke ausgewählt, um sie zu bewahren und zu präsentieren. Post-Internet-Ästhetik aus einer Zeit als es diesen Begriff noch gar nicht gab.

Der Tipp kommt von Quirin Brunnmeier.

Screenshot vom Instagram-Account der Kunst-Website "The White Pube". Zu sehen sind die Instagram-Bio sowie 12 Bilder aus dem Feed.

Instagram-Account von der Kunstkritik-Plattform „The White Pube“. Screenshot Instagram/thewhitepube.

Glaubt man, was man hört, befindet sich die Kunstkritik ja seit Jahren in der Krise. Und ganz egal, wie dramatisch die Lage nun wirklich ist, zwei die an der Front nicht nur alles richtig, sondern vor allem vieles neu und zukunftsweisend machen, sind Gabrielle de la Puente und Zarina Muhammad. 2015 haben die beiden „The White Pube“ gegründet: eine Plattform für Kunstkritik im weiteren Sinne. Inhaltliche Grenzen gibt es kaum. „The White Pube“ schreiben auch mal über eine Netflix-Serie („Sex Education“) oder einen Ausflug nach Disneyland. Texte werden nicht nur geschrieben, sondern auch eingesprochen, Diskurs läuft oft über Memes und Social Media. Doch nicht nur medial ist das Duo weiter als die meisten. Wo andere Schreiber*innen der etablierten Kunstelite Champagner ums Maul schmieren, machen sie Missstände öffentlich. Sie bemängeln die vornehmlich weißen Akteur*innen in Schlüsselpositionen der Kulturbranche und die miese Bezahlung von weniger einflussreichen Rädchen in deren Getriebe. „The White Pube“ selbst gehen dabei stets mit gutem Beispiel voran und legen auf ihrer Website zum Beispiel offen, wer sie wann wie für was bezahlt hat. Kein Wunder, dass die beiden per Instagram-PM mittlerweile unzählige Berichte von hinter den Kulissen erreichen. „Wir sind wie Gossip Girl“, haben die beiden der britischen „Vogue“ verraten. Ihre Reichweite hält „The White Pube“ nicht nur informiert, sie hat die Plattform einflussreich gemacht. Unbedingt lesenswert war „The White Pube“ schon immer.

Dieser Tipp kommt von Anna Meinecke.

Doug Wheeler, 49 Nord 6 Est 68 Ven 12 FL, 2011 –
2012, Installation view, Doug Wheeler, David Zwirner, New York, 2020 © Doug Wheeler. Courtesy Doug Wheeler and David Zwirner.

Die David Zwirner Galerie wird als der Online-Pionier der Kunstbranche gefeiert. Ganz zu recht – wo andere gerade ihre ersten Gehversuche in Sachen Online Viewing Rooms unternehmen, weiß Zwirner bereits mit einem Archiv aufzuwarten, das bis 2017 zurückgreift. Auf der Website der Megagalerie könnt ihr euch also gleich durch Jahre bestens aufbereiteter Ausstellungen klicken. Archiv Material, Podcasts, umfangreichen Beschreibungen der Künstler*innen werden kombiniert mit extrem anschaulichen Bildmaterial. Ein Vorbild für andere Galerien!

Der Tipp kommt von Lynn Kühl.

Simon Elson, Der Wolkensammler, Cover, Coverabbildung Stefan Vecsey, Copyright © 2020 Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg.

Beinahe täglich sehen wir sie. Ob wir sie immer bewusst wahrnehmen ist die andere Frage. Wolken, diese Ansammlungen feiner Wassertropfen, die mal in weißer Farbe einen blauen Himmel schmücken, von der Abendsonne angestrahlt sich rot färben oder aber in sattem Grau das Firmament bedecken. Wissenschaftler, bedeutende Dichter und Künstler arbeiteten sich an den Gebilden ab – Gerhard Richter malte sie, Jürgen Teller fotografierte sie, Iris Maria Nitzl zeichnete sie. In einem gerade erschienen Band stellt der Kunsthistoriker Simon Elson nun die 25 häufigsten Formen dieser Naturwunder in illustrierten Einzelporträts vor. Und weil das Corona-bedingte Home Office uns zu langen Spaziergängen ermuntern mag, empfehlen wir nach der Lektüre des „Wolkensammlers“ auch mal einen Blick nach oben zu werfen und die Himmelserscheinungen bewusst zu beobachten.

Der Tipp kommt von Teresa Hantke.

Screenshot Twitter/igorpianist.

Hauskonzert mal anders. Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit spielt eigentlich in den ganz großen Konzerthäusern der Welt. Das auch politisch aktive musikalische Ausnahmetalent lässt sich von der aktuellen Situation nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Levit will nicht komplett auf Konzerte verzichten. Damit sein Publikum ihn trotzdem live erleben kann, gibt er einfach Konzerte auf seinem Twitter-Profil. Mehrere Tausend hören ihm jeden Abend um 19 Uhr zu, auch hier ist seine Zuhörerschaft global und rückt in distanzierten Zeiten wenigstens virtuell zusammen. „Ich habe wahrscheinlich noch nie die tatsächlich lebensrettende Bedeutung von Musik und Klang gespürt – nicht in dieser existentiellen Dimension von heute. Alles fühlt sich neu an“, so Levit. „Danke, dass ihr mir erlaubt, dies mit euch zu teilen. Das ist es, was mein inneres Licht in diesen Tagen am Brennen hält. Wir sehen uns morgen.“

Der Tipp kommt von Quirin Brunnmeier.