Spendierhosen kann jeder tragen
Rene Spiegelberger spricht auf der AAF

11. November 2016 • Text von

Bereits zum fünften Mal öffnet die Affordable Art Fair ihre Türen, um Sammelleidenschaft und Kauflust bei einem breiten Publikum zu entfachen. Dafür soll neben der Preisobergrenze von 7500 Euro ein breites Angebot zur Kunstvermittlung dienen. Beim Art Talk wird der Sammler und Stifter Rene Spiegelberger über „Kunst für alle“ sprechen.

Ein besonderes Augenmerk legt die Affordable Art Fair mit der von Anne Simone Krüger kuratierten Hamburg Section auf die hiesigen Galerien. Damit wird eine Brücke zwischen dem Messerummel und den festen Institutionen in der Kunstszene der Hansestadt geschlagen. Die Messe bietet, beispielsweise im Rahmen der „Emerging Artists“, gerade auch junger Kunst eine Bühne, die sich preislich noch im Entwicklungsstadium befindet. Da darf Spiegelberger nicht fehlen, hat doch die von ihm gegründete und gleichnamige Stiftung seit nunmehr zehn Jahren die Förderung junger Künstler und die Kunstvermittlung an ein junges Publikum zum Ziel.

Installation von Laura Franzmann, eine der drei Emerging Artists 2016

Installation von Laura Franzmann, eine der drei Emerging Artists 2016

gallerytalk.net: Lieber Herr Spiegelberger, ist Hamburg ein Kunststandort?
Rene Spiegelberger: Ich bin leidenschaftlicher Lokalpatriot, ich liebe unsere Stadt. Ich stelle fest, dass es ganz viele überwiegend privat betriebene Initiativen gibt, die Hamburg einer Kunststadt immer näher bringen. Wenn man sich beispielsweise den salondergegenwart, addart oder die P/ART anschaut, strafen all’ diese Initiativen, die Aussage „Hamburg sei keine Kunststadt“ Lügen. Oder denken Sie daran, wie man sich bei der Eröffnung der Kunsthalle vor Besuchern kaum retten konnte nicht nur im ersten eintrittsfreien Monat. Es gibt zudem viele Galerien, die einen hervorragenden Job machen. Wir dürfen sicherlich darüber diskutieren, wieviel Kunst in Hamburg gekauft wird, doch die Sammler sind da und das Geld ist auch da. Und so entscheiden sich auch reine Unternehmer wie die Veranstalter der Affordable Art Fair dafür die Messe hier stattfinden zu lassen. Ich denke das Rheinland und Berlin müssen Hamburg auf dem Schirm behalten.

Neben diesen Initiativen steht auch ihre Stiftung: Was ist das Hauptanliegen der Spiegelberger Stiftung?
Spiegelberger: Mir ist sehr wichtig, dass wir, wie auch in anderen Bereichen von Gesellschaft, Nachwuchs brauchen und zwar auf allen Seiten: Wir brauchen Künstlernachwuchs, wir brauchen Sammlernachwuchs und wir brauchen vor allem Nachwuchs an Menschen, die sich für Kunst im weitesten Sinne begeistern – dafür muss man sie nicht sammeln. Das ist für mich Aufgabenstellung und Plädoyer zugleich, möglichst viele Menschen für Kunst zu begeistern. Wir haben zwei gemeinnützige Hauptaufgaben und eine dritte, die dabei unterstützend wirkt – die eine ist die Förderung junger Künstler, die zweite Vermittlung von Kunst an junge Menschen. Der Sammlungsaufbau ist der dritte Aspekt, den ich als Mittel zum Zweck betrachte. Wenn wir Schulklassen in den Räumlichkeiten der Stiftung zu Gast haben, ist es natürlich schön, wenn wir Arbeiten zeigen können, um am praktischen Beispiel darüber zu sprechen.

Felix Rehfeld und Rene Spiegelberger vor Rehfelds Unikat Relief-Reihe

Felix Rehfeld und Rene Spiegelberger vor Rehfelds Unikat Relief-Reihe

Wie sieht die Auswahl und Förderung der Künstler konkret aus?
Spiegelberger: Wir haben mit dem Stiftungsbeirat ein sehr gut besetztes Gremium, das über die Auswahl entscheidet. Der Beirat besteht aus wichtigen Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen des Kunstmarktes, auf deren Urteil ich mich verlassen kann. Ansonsten hätte ich Angst, dass in der Handschrift immer Rene Spiegelberger erkennbar ist und das soll es nicht sein. 
Wenn ein Künstler aufgenommen wird, gestalten wir einerseits gemeinsam eine Monographie, die Unikat, und er auf der anderen Seiten eine unikatäre Reihe seiner Arbeiten. Mir ist es extrem wichtig ist, dass der jeweilige Künstler jede Freiheit in der Gestaltung seiner Unikat-Reihe hat. Gerade auch wenn der Künstler sich in einem Werkkomplex komplett neu ausprobieret, empfinde ich das für alle Beteiligten als großen Mehrwert und habe auch den Eindruck, dass dies in der Zusammmenarbeit angenehm oft passiert. Das wichtigste ist jedoch, dass unsere Monographie nahezu allen Entscheidern von Museen über Kunstvereine, den wichtigen Sammlern und Kunstkritikern zugeht und wir mehr davon verbreiten, als es selbst die großen Kunstbuchverlage bei Ihren Bestsellern könnten.

Die Kunst funktioniert also über den Kunstmarkt?
Spiegelberger: Jeder, der morgen nicht mehr zu einem großen schwedischen Möbelhaus geht, um dort zusammen mit dem Sofa seinen Wandschmuck zu kaufen, sondern sich der Kunst öffnet und das überm Sofa als Raum für die Kunst erklärt, ist ein Gewinn für die Kunst. Derjenige, der sein erstes Werk kauft, egal, ob das von einem HfBK-Studenten beim Rundgang ist, oder in der Admiralitätstraße, oder eben auch auf der affordable art fair unterstützt am Ende irgendwo einen Künstler. Wir können einen Beitrag leisten, diesen Einstieg zu ermöglichen. 

Unikat-Künstler Simon Schubert: Kleiner Flur

Unikat-Künstler Simon Schubert: Kleiner Flur

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das spannungsreiche Verhältnis zwischen privaten Sammlungen und öffentlichen Institutionen, welche die Kunst einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen?
Spiegelberger: Es ist sicherlich kein erstrebenswerter Zustand, dass viele Werke der Kunstwelt in irgendwelchen Magazinen schmoren, ich glaube aber, dass sehr viele Sammler sehr viel Verantwortung übernehmen, ähnlich wie ein guter Jäger für Hege und Pflege zuständig ist und sich in erster Linie darum kümmert, dass es dem Wild gut geht. Mir fallen in erster Linie große Mäzene ein, die wunderbare Museen gebaut haben. Hier in Hamburg haben wir Professor Harald Falkenberg oder aktuell auch die Sammlung Viehof. Es lassen sich viele andere Beispiele nennen. Immer mehr Sammler bieten zudem die Möglichkeit ihre privaten Sammlungen in bestimmten Zeiträumen zu besuchen. Zum Beispiel beim Galleryweekend in Berlin. Ich denke, das ist eher ein Trend. Der übrigens auch in Hamburg funktioniert durch beispielsweise einen Initiator wie Hubertus von Barby mit der addart, wo auf tollste Art und Weise nicht nur junge Kunst gefördert wird, sondern auch große Sammlungen in Institutionen und Unternehmen dazu eingeladen werden, ihre Sammlungen nicht nur dem eigenen Kundenkreis und ihrer Mitarbeiterschaft, sondern eben auch der interessierten Öffentlichkeit zu zeigen.

Messe Impression © Affordable Art Fair

Messe Impression © Affordable Art Fair

Auf der affordable art fair werden Sie mit Prof. Dr. Hartmut Kraft über das Beuys’sche Postulat der Demokratisierung von Kunst sprechen – muss man es nicht kritisch beurteilen, wenn jemand ein Kunstwerk als Küchenregal verwendet?
Spiegelberger: Genau, wir kommen auf „Kunst für alle“ zu sprechen. Beuys hat seine Multiples als Träger von Ideen verstanden, 1964 sagte er: „Ich bin ein Sender, ich strahle aus.“ Den Beuys’schen Ansatz, die Intuitionsbox statt Blumen als Gastgeschenk mitzubringen, als ein Werk, mit dem man leben soll, finde ich sehr, sehr schön. Ich habe eher Angst vor einem zu starken Zustand des Entrückens, wie wir es häufig in Museen erleben. Wenn auf der einen Seite der Künstler mit seinem Werk in direktem Kontakt agiert und damit in einer intensiven physischen Auseinandersetzung lebt, wie beispielsweise Georg Baselitz mit der Kettensäge und eine solche Arbeit dann mit Handschuhen getragen wird und zwei Meter davor eine rote Linie angebracht wird, bei deren Überschreitung ein Alarmsignal losgeht. Damit hab ich viel mehr Schwierigkeiten, als wenn in einem privaten Wohnzimmer, mal etwas „vom Nagel rutscht“ und hoffentlich heil bleibt oder wenn eine kleine Skulptur auf dem Tisch steht und jeder Gast sie in die Hand nehmen kann. Klar ist das ein gewisses Risiko, aber ich gehe immer von der Wertschätzung aus, die das Kunstwerk auch verdient und hoffe, dass dann ein Leben mit der Kunst zu der Bereicherung führt, mit deren Auftrag das Werk mal in die Welt hinausgeschickt wurde. Beuys jedenfalls hätte kein Problem damit gehabt, wenn seine Intuitions-Box in der Küche als Aufbewahrungsstätte für inspirierende Teemischungen dient. 

WANN: Die Affordable Art Fair findet in Hamburg bis zum 13. November statt, den Abschluss für das Messejahr 2016 bildet Singapur vom 18. bis zum 20. November. Wann die Messe im nächsten Jahr zum Beispiel in Mailand, New York und Hong Kong gastiert, könnt ihr hier erfahren. Der Art Talk mit Herrn Spiegelberger findet morgen um 15 Uhr statt
WO: Ihr findet die Messe in Halle A3 der Hamburg Messe, Eingang Lagerstrasse, Tor A3.

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