Kritik in Neon
„Pop on Paper“ im Kulturforum

5. Juni 2020 • Text von

Bunt, schrill, brilliant! Die Ausstellung „Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“ im Kulturforum zeigt die Vielfalt der Pop-Art im Medium Papier und darüber hinaus. Realistisch-absurd, tragisch-komisch und hochaktuell!

„Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“, Ausstellungsansicht. © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker.

Die Ausstellung beginnt mit den Anfängen der Pop-Art. Die Collagen der „Bunk“-Serie von Eduardo Paolozzi, welche der Künstler ab 1948 anzufertigen begann, gelten als Markstein für den Einzug populärer Bildsprache in die Kunst. Die Arbeiten bilden geistreiche Kommentare auf die damalige Konsumgesellschaft. Die Arbeit „Real Gold“ verbindet Sex, ergo: Frau mit großen roten Lippen, mit Obst und Thunfisch; das Ganze in Knallfarben und unter weiser Anleitung von Minnie Mouse. Ein früher Siebdruck Richard Hamiltons, „Interior“, zeigt die ganze Bandbreite des Mediums: Schätzungsweise 12 Farben, also Druckgänge, in überaus präziser und komplexer Weise übereinander gefügt – ein wahrer Augenschmaus! Die Siebdrucke Robert Rauschenbergs und Jasper Johns‘ aus den frühen 1960er Jahren muten dagegen etwas grob und gewaltig an. Was jedoch bei dem Titel „Accident“ nicht sonderlich überrascht.

Richard Hamilton, „Adonis in Y fronts“, 1963. © Richard Hamilton. All Rights Reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Leihgabe aus Kölner Privatbesitz (Promised Gift) / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz.

Neben diesen Arbeiten brilliert – im wörtlichen Sinne – die frühe Werbegrafik Andy Warhols. Portraits überlegt mit Blattgold, vor einem Neon-Pinken Hintergrund; eine Schuh-Werbung mit Titel „Ruby-Shoes“ (ja, sie glitzern), oder eine bunte Eistüte mit einer Taube darauf. Die auf Federzeichnungen basierenden Drucke sind filigran, dabei leicht und schwungvoll und zeigen, dass der Meister das Handwerk beherrschte.

Andy Warhol, „Ohne Titel“, 1956. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jochen Littkemann.

Der Werbegrafik gegenüber stehen beeindruckende Hauptwerke des Künstlers im Siebdruckverfahren: Mit zehn Arbeiten ist nahezu das gesamte Sortiment der „Campbell Soups“ vertreten, Favorit: „Vegetable Made With Beef Stock“. Und schon damals fand sich der Hinweis „Gelatine added“. Ein früher Deut auf den Veganismus.

Die „Marilyns“ wären schon in Solo-Präsentation genug für eine Farbexplosion, ebenfalls zehnfach vertreten, gleichen sie dem farblichen Urknall. Jede der Arbeiten basiert auf mindestens fünf (Neon-)Farben, aus der Nähe betrachtet lässt sich der Arbeitsprozess nachvollziehen. Ein Siebdruck-Portrait Warhols zeigt den Künstler wie einen Autor. Dass sich in den bunten Bildern schrille Farben mit ernster Kritik verbinden, scheint auf einmal in keiner Weise abwegig.

„Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“, Ausstellungsansicht. © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Die Ausstellung ist überaus umfangreich und differenziert. Neben den Kapiteln zu den Anfängen, der Werbung und dem Siebdruckverfahren finden sich die Themen Comic, Erotik, Krieg, Europa und Female-Pop. So vielseitig wie die Sujets sind auch die Bildwerke. Neben den bekannten Namen – Warhol, Lichtenstein, Rauschenberg, Johns – finden sich unbekanntere wie Jim Dine, Peter Phillips, oder Antje Dorn. Claes Oldenburg als wichtiger Vertreter der Skulptur in der Pop Art, oder Maria Lassnig als frühe europäische Position innerhalb der Strömung überraschen ebenfalls. Unter dem Kapitel „Comic“ findet sich gefühlt das gesamte Spektrum Roy Lichtensteins: Siebdrucke, Collagen, Teller und eine Leinwand. Die Sprechblase mit den Worten „Sweet Dreams, Baby“ in Verbindung mit einer übergroßen auf einen Kopf schlagende Faust scheint ein Verweis auf die nach wie vor akute häusliche Gewalt. Das „Brushstroke“-Poster aus der Leo Castelli Galerie ist Provokation über ein Höchstmaß an Einfachheit.

Roy Lichtenstein, „Brushstroke“, 1965. © Sammlung Hans + Uschi Welle / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz.

Ebenfalls eindrucksvoll: James Rosenquists „F 111“. Der Titel ist der Name eines Jagdbombers des amerikanischen Militärs, die circa 8 Meter lange Arbeit verbindet Air Force, Baby Face und Regenschirme. Danach können nun noch Euphorie und Fandom sich einstellen. Die Arbeiten Mel Ramos‘ im Abschnitt Erotik sind vergleichsweise flach. Gemessen an heutigen Maßstäben sind sie jedoch durchaus originell. Die Arbeit „Señorita Rio“ zeigt eine im Comic-Stil gezeichnete Frau mit Revolver, daneben ein Gedicht, „America“:

„…red american as pumpkin
Black american as horse
Yellow american as sunflower
White american as fat woman
Fat woman cut pumpkin
Put sunflower in corner
Push horse in dark
Pumpkin dead
Sunflower sad
Horse angry
Fat woman afraid horse make love
She stay alone
With
A
Gun“

Sharp. Und nach über 50 Jahren brand-aktuell.

Mel Ramos, „Tobacco Rose“, 1965. © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider.

Eine absolute Neu-Entdeckung sind die Arbeiten Antje Dorns. Die aus Aachen stammende Künstlerin persifliert in ihrer Serie „Motorgirls“ die Sexualisierung der Frau in der damaligen Werbung. Kindhaft-naiv im Stil, peinlich-entlarvend die Botschaft. Nahezu alle Werke der Ausstellung entstammen der Sammlung des Kupferstichkabinetts. Die Papierarbeiten werden dabei durch weitere Stücke wie beispielsweise Kleidung der Pop-Art ergänzt. Damit zeigt sich ein weiteres Mal der Reichtum der Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin. Es lohnt sich, auch in Zukunft Hinzugehen und -sehen. Ein in der Ausstellung präsentiertes Zitat Andy Warhols lautet: „Ist das Leben nicht eine Serie von Bildern, die sich verändern, während sie sich wiederholen?“ – Die Aktualität der Themen und Bilder bestätigen diese Aussage. Und machen die Betrachtung jedes Bildes doch zu einer Erfahrung an sich.

Andy Warhol, „Marilyn“, 1967. © 2020 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

WANN: Die Ausstellung „Pop on Paper. Von Warhol bis Lichtenstein“ läuft noch bis zum 16. August 2020.
WO: Kulturforum, Staatliche Museen zu Berlin, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin.

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