Kommunizieren statt Posieren

27. Januar 2016 • Text von

Simon Williams führt lieber Konversationen, anstatt Interviews zu geben. Das ist uns nicht nur auf Anhieb sehr sympathtisch, sondern passt auch zu seiner Galerie „The Ballery“, in der sich jede Woche eine bunte Community aus Künstlern, Sammlern, Musikern, Theaterleuten und Neugierigen versammelt, um Kunst nicht nur anzuschauen, sondern auch darüber zu reden. Die Ballery ist mehr als nur eine Galerie – es ist Netzwerk und Heim zugleich für Berlins junge, divergente Kreativszene.

Normalerweise laufen Ausstellungseröffnungen ungefähr so ab: Man kommt an, entschließt sich, die Jacke erst mal anzulassen, angeblich wegen der Kälte, eigentlich, weil man eh weiß, man bleibt nicht lange. Man läuft ein, vielleicht zweimal durch die Räume, redet mit ein, vielleicht zwei Leuten, trinkt das obligatorische Glas Rotwein, dann eventuell noch eine schnelle Zigarette und ab ins wohlig, warme Körbchen. Wenn Simon zur Eröffnung in die Ballery lädt, ist das anders. Das Publikum ist eine bunte Mischung aus jungen Berliner Künstlern, Musikern, Modegurus, Theaterleuten und Sammlern, die nicht nur wegen des günstigen Biers, sondern tatsächlich wegen der Arbeiten und dem kreativen Austausch herkommen. Es wird Kunst geschaut, ja, aber es wird auch viel geredet, gelacht, geraucht und lange geblieben. Man merkt sofort: Hier kennt man sich. Und ein bisschen kommt einem die Galerie vor wie eine moderne Version der Pariser Bohème Cafes, die schon damals der jungen Kreativszene als Refugium dienten.

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Simon Williams in der Ballery.

Als wir Simon zu unserem Plausch in seiner Galerie abfangen, hängen gerade die Wasserfarbgemälde des Berliner Künstlers Rinaldo Hopf an den Wänden. Es sind figürliche, von Warhols, Pasolinis und Fassbinders Filmen inspirierte Malereien, die in ihrer Komposition eine äußerst eindringliche Wirkungskraft entfalten. Vor knapp zwei Wochen noch war die Ausstellung „My Gay Eye“ mit den Arbeiten homosexueller Künstler zu sehen, in jüngster Vergangenheit fanden in der Ballery schon Konzerte, Performances und Fashion Shows statt. Simons Offenheit gegenüber unterschiedlichsten, künstlerischen Ausdrucksformen macht einen Großteil des unverwechselbaren Spirits der Galerie aus. Nicht nach dem „Wie?“, sondern nach dem „Was?“ wird gefragt und genau deshalb gehen hier nicht nur Künstler, sondern eben auch Designer, Performer und Musiker – kurzum: Berlins gesamte, junge Kreativszene – ein und aus. „Die Leute fragen mich immer: ‚Was ist Kunst‘?“, erklärt Simon. „Für mich ist Kunst eine bestimmte Perspektive, die durch ein kreatives Medium artikuliert wird. Ich wollte einen Raum kreieren, in dem der Fokus auf dem liegt, was die Menschen machen. Mir geht es um kreatives Schaffen, wie auch immer sich dieses Schaffen äußert.“

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„The Ballery“.

Als Simon vor einigen Jahren aus Zürich nach Berlin kam, hatte er eigentlich gar nicht vor, eine Galerie zu eröffnen. Simon ist gebürtiger Engländer, er kommt eigentlich aus dem Theaterbereich, war erst Tänzer, dann Choreograf, produzierte schließlich seine eigenen Stücke. Von Kunst war er schon als Teenager umgeben; die Kreativszene quasi von Anfang an sein Zuhause. In Berlin angekommen, ereilte ihm zuerst einmal das typische Hauptstadtproblem: Geldnot. Tanzen kam nicht mehr infrage, das Künstlerumfeld verlassen wollte er aber auch um keinen Preis. Eine Galerie zu eröffnen, stellte gewissermaßen den verkraftbaren Mittelweg dar. Was 2013 als Pop-up Gallery und mehr als Experiment, denn als wohldurchdachter Geschäftsplan begann, wurde zwei Jahre später zur Ballery mit festem Sitz in Schöneberg. „Meine Zeit als Choreograf und Produzent hat mich die geschäftliche Seite neben der kreativen gelehrt. Ich glaube, in der Ballery haben wir eine gute Mischung aus Risiko und Professionalität und das gefällt mir. Ich sehe es gerne, wenn sich Dinge entwickeln.“

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Eröffnungsabend in der Galerie.

Die Frage, ob er nicht Angst gehabt hätte, in einer Stadt wie Berlin, in der Kunst zwar ganz groß geschrieben, aber eher klein gekauft wird, eine Galerie zu eröffnen, lässt Simon schmunzeln. „Darüber denke ich gar nicht nach. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Augen offen hält und vorbeiziehende Möglichkeiten ergreift. Berlin ist einerseits großartig, weil so viele kreative Menschen hier herkommen, um sich auszuprobieren und zu verwirklichen. Anderseits vergessen viele dabei die Geschäftsseite. Wenn Leute sich beschweren, in Berlin gäbe es kein Geld, dann sehen sie es nur nicht.“ Und die Künstler? Alles Freunde? Alte Bekannte aus der Kunst- und Theaterwelt? Simon schüttelt den Kopf, nicht nur. „Es ist eine Mischung aus finden und gefunden werden. Die Ballery ist mehr eine Community, als eine typische Galerie und in einem solchen Umfeld kommt man auf ziemlich natürliche Art ständig mit neuen Leuten aus der Kreativszene in Berührung. Manchmal sehe ich ein Gesicht öfter auf Eröffnungen und dann spreche ich die Person einfach an. Oder ich klaue Kontakte von den Facebook-Seiten meiner Freunde, das funktioniert auch ganz gut.“ Und wieder ein verschmitztes Lächeln.

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Rinaldo Hopf: Andy Warhol & Candy Darling. Courtesy Artist, The Ballery.

Wo man auf Eröffnungen gerne von dem Gefühl beschlichen wird, es ginge mehr ums Posieren, denn ums Kommunizieren und das Gesehenwerden in interlektuell-verruchten Kulturkreisen stelle die größte Priorität dar, erscheint die Ballery als erfrischend anderer Kunstraum. Die Eröffnungen lohnen sich nicht nur wegen der oftmals eigensinnigen, jedoch stets qualitativ hochwertigen Arbeiten junger, talentierter Künstler, sondern auch weil man den Eindruck hat, hier interessiert sich tatsächlich jeder für das, was an den Wänden hängt und vor allem auch füreinander. „Ich will, dass die Leute hier herkommen und ihren ganzen Alltag vor der Tür lassen. Sie sollen ihre Jacke anhängen, sich die Kunst anschauen und zwei Stunden lang Spaß haben. Und dann am Schluss, wenn sie wieder gehen – dann kann jeder machen was auch immer er will.“ Der Plan für dieses Jahr ist es, länger laufende Ausstellungen in der Ballery zu organisieren. „Der ständige Wechsel war perfekt für den Anfang, aber inzwischen ist das Netzwerk so gewachsen, dass es an der Zeit ist, alles etwas ruhiger anzugehen und sich mehr auf die Arbeiten einzelner Künstler zu fokussieren.“

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Arbeit aus der Ausstellung „My Gay Eye“. Künstler: Andreas Fux. Courtesy Artist, The Ballery.

Und am Ende des Gespräches geht es dann noch mal weg vom Business Talk, hin zu den ganz profunden Dingen: Was kann Kunst? Und: Kann sie das überall? Simon überlegt kurz, lehnt sich zurück, nimmt einen Schluck von seinem Tee. „Ich sage immer: Die Welt ist überall diesselbe. Menschen reagieren natürlich auf ihr Umfeld, aber schlussendlich ist jeder irgendwie auf der Suche nach etwas. Ich beschreibe dieses Etwas gerne mit dem Wort Weisheit. Alle sind auf der Suche nach einem tieferen Verständnis von sich selbst und gute Kunst kann dieses Verständnis überall wecken.“ Es ist inzwischen halb sieben, vor der Tür im Dunkeln stehen die ersten Leute und warten scheinbar auf Einlass. Heute Abend steht „Speak Easy“ auf dem Programm – ein Abend, der Menschen unterschiedlichster Nationalitäten an einen Tisch und zum Miteinandersprechen bringt. „Just Do It“ lautet die Attitüde und die bringt auch die energetische und intuitive Art auf den Punkt, mit der Simon seine Galerie führt. Der neue Slogan der Ballery lautet übrigens: „Introducing you to today’s new talents.“ Auf die sind wir sehr gespannt.

WO: Die Ballery findet ihr in der Nollendorfstr. 11-12, 10777 Berlin. Was demnächst so los ist, erfahrt ihr hier.