Den Blick umkehren
Körperbilder in Bewegung im Phoxxi der Deichtorhallen

7. Juli 2025 • Text von

Wie bewegen sich Körper im analogen und im digitalen Raum? Sehgewohnheiten und Machtverhältnisse prägen die Wahrnehmung von Körper und Bewegung. Die Ausstellung „States of Rebirth – Körperbilder in Bewegung“ im Phoxxi hinterfragt die Bildregime und eröffnet neue Perspektiven. (Text: Jana Winnen)

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Roxana Rios, Felipe Romero Beltrán, Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge.

Wie ein räumlich gewordenes Bildflackern schlängelt sich ein langer Vorhang aus Ketten durch den Ausstellungsraum im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen. Der große Raum wird aufgeteilt, doch die Werke hinter dem Vorhang sind durch dessen Transparenz nicht verborgen. Durch die Anordnung entstehen kleinere Nischen für einzelne Werke, ohne diese voneinander zu isolieren.

Einige Besucher*innen scheinen sich nicht sicher zu sein, ob der Vorhang selbst ein Kunstwerk ist oder berührt und durchschritten werden darf. Andere sind weniger vorsichtig und lassen ihre Hände an den vielen einzelnen Metallketten vorbeigleiten. Es entsteht eine kurze Bewegung und ein leises Geräusch, bevor die Ketten wieder still von der Decke hängen. Durch den halbtransparenten Vorhang, der die Laufrichtung nur lose vorgibt und ein freies Bewegen im Raum zulässt, wird das Konzept des White Cubes aufgebrochen.

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Roxana Rios, Figure, Form, 2020 – ongoing Copyright: © Roxana Rios. // Roxana Rios, Figure, Form, 2020 – ongoing Copyright: © Roxana Rios.

Diese Interaktion mit dem Umfeld durch Bewegung ist das zentrale Thema der Ausstellung. „States of Rebirth – Körperbilder in Bewegung“ untersucht die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Körpern im Raum. Wie erschließen Menschen sich physische und digitale Räume?

Wie unterschiedliche Körper, Haltung und Gestik im Raum wahrgenommen werden, betrachtet Roxana Rios in ihrer fortlaufenden Serie „Figure, Form“. Fünf Monitore, die an dem raumtrennenden Vorhang angebracht sind, spielen jeweils eine Folge von Porträts queerer Protagonist*innen ab. Die Porträtierten haben die Posen, teils verrenkt, teils kontemplativ, während des Schaffensprozesses selbstständig eingenommen. Die Fotografin selbst nimmt sich in ihrer Arbeit zurück, um eine objektifizierende Darstellung der fotografierten Körper zu vermeiden. Das soll eine selbstermächtigende Perspektive auf die Körper ermöglichen, die in der Gesellschaft und Blickregimen marginalisiert werden.

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Roxana Rios, Figure, Form, 2020 – ongoing, Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge.

Die offene Ausstellungsarchitektur ermöglicht es, die verschiedenen Positionen miteinander in Bezug zu setzen und den Blick schweifen zu lassen. Beim Betrachten von Rios Porträtserien beispielsweise lassen sich die umliegenden Arbeiten kaum ausblenden. Porträtaufnahmen anderer Künstler*innen wirken ebenso mit Rios Fotografien zusammen wie Bewegtbilder von Performances und Choreografien. So stehen die Werke nicht nur für sich selbst. Der umfassende Blick fordert die Betrachtenden dazu auf, die Bewertung von Körpern im größeren Kontext anzuzweifeln.

Die Ausstellung bildet das zweite Kapitel der Reihe „Viral Hallucinations“ und widmet sich somit auch der Frage, wie Körperbilder im digitalen Raum verzerrt, von Algorithmen hierarchisiert werden, und welche Auswirkungen das auf unseren eigenen Blick auf Körper hat. Dies geschieht in fotografischer, dokumentarischer, skulpturaler und performativer Form. Damit positioniert die Kuratorin Nadine Isabelle Henrich die Fotografie in Wechselwirkung mit anderen, auch dynamischeren Medien und öffnet die konventionelle Fotografie-Ausstellung.

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Farren van Wyk, Our Anthropological Golden Era. Mixedness Is My Mythology Series, 2021. Copyright: © Farren van Wyk. // Farren van Wyk, Mixedness Is My Mythology Series, Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge.

Die Exponate drängen sich geradezu in den dreidimensionalen Raum und die Gesamtinszenierung sorgt für eine neue Wahrnehmung der Fotografie. Die Vielzahl an Medien unterstreicht die vielen unterschiedlichen Methoden, wie Menschen sich den Raum zu Eigen machen können. Kollektive Performances, fotografische Selbstinszenierungen und raumgreifende Installationen setzen sich auf verschiedene Arten über gewohnte Körperdarstellungen hinweg. Ebenso wie der kuratorische Rahmen der Ausstellung versucht, durch die Raumgestaltung und die Werkauswahl mit Konventionen zu brechen, und ungewöhnliche Blickwinkel zulässt, werden auch in den einzelnen Werken Sehgewohnheiten kritisch hinterfragt.

Die Werkreihe „Mixedness is My Mythology“ der Fotografin Farren van Wyk besteht aus Aluminiumabzügen inszenierter Porträtfotografien, die sich einer kolonialen Bildsprache bedienen. Die Künstlerin lässt ihre Familienmitglieder Modell stehen und visualisiert damit die Verbindung ihrer eigenen Identität zur Geschichte Südafrikas und der Niederlande. Dem Werk von van Wyk wird die Geste des Posierens als zentrale Ausdrucksform zugeordnet. Es wird deutlich, dass bewusst und unbewusst eingenommene Körperhaltungen Geschichten erzählen und gesellschaftliche Hierarchien konstruieren können.

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Moshtari Hilal, Archivmaterial aus der Recherche für ihr Buch Hässlichkeit, Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge.

Auch Moshtari Hilal zeigt in ihren Arbeiten auf, wie der Blick auf den eigenen und auf fremde Körper durch gesellschaftliche Ideale getrübt wird. In einem eigenen Raum, der sich von der großen Ausstellungsfläche räumlich und farblich abhebt, findet sich ihre raumgreifende Installation „Plastic and Perfection“. In zwei Vitrinen in der Raummitte wird Archivmaterial auf nahezu wissenschaftliche Art präsentiert.

Der Verweis auf die klassisch institutionelle Inszenierung fällt vor dem Hintergrund der unkonventionellen Präsentation in den anderen Ausstellungsräumen besonders auf. Hilal eignet sich museale Praktiken an und verleiht somit ihren persönlichen Erfahrungen eine Form, die dokumentarisch anmutet. Dabei fällt besonders ins Auge: der ausgedruckte Screenshot eines Instagram-Bildes, auf den nachträglich ein flaumiger Bart und buschige Augenbrauen gekritzelt wurden.

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Moshtari Hilal, Plastik und Perfektion, Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg.

Nicht nur ihre Körperbehaarung, sondern auch ihre markante Nase sind ein wiederkehrendes Motiv in Hilals Arbeiten, so auch in ihrem 2023 erschienenen Buch „Hässlichkeit“. Beide Attribute gelten nach weißen und westlichen Schönheitsidealen als hässlich. Vor einer weißen Wand steht auf einem Sockel eine Büste der Künstlerin. Ein Spot strahlt das Gesicht an und wirft einen Schatten an die dahinterliegende Wand, der das Profil deutlich zeigt. Wenn sich jemand zwischen Lichtquelle und Büste stellt, verändert sich das Bild, der starke Schatten verschwindet und es erscheinen stattdessen die schemenhaften Umrisse der Person an der Wand.

Eine Intervention der Körper der Besucher*innen in der Ausstellung findet auch an anderen Stellen statt und vermittelt somit auf kuratorischer Ebene die Wirkkraft des eigenen Körpers im Raum. Die Werke von KhingWei Bai und Isaac Chong Wai etwa beinhalten Spiegel, die durch künstlerische Eingriffe verändert wurden und somit die Betrachter*innen in das Werk einbeziehen.

„Du bist ein Traummann“ von Bai besteht aus schwarz-weißen Selbstakten, die in Form eines Leporellos an der Wand angebracht sind. Ergänzend dazu finden sich kleine Spiegel auf Augenhöhe, auf die Chat-Nachrichten aufgebracht wurden, die der Künstler auf Dating-Plattformen erhalten hat. Beim Lesen der Textelemente sehen Betrachter*innen sich selbst zwangsläufig im Spiegel. In der Kombination der Fotografien und der Texte verbindet Bai den eigenen und den fremden Blick auf seinen Körper und offenbart seine Markierung als „Anderer“ im Raum des Online-Datings.

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Isaac Chong Wai, Self Portrait: The evening when I was beaten up by a stranger with a glass bottle, 2015. Courtesy of the artist. // Isaac Chong Wai, Falling Reversely – Support 1, 2022. Courtesy of the artist.

Als „Anderer“ wurde auch Isaac Chong Wai erkannt. Seine Arbeit „The evening when I was beaten up by a stranger with a glass bottle“ zeigt ihn nach einem rassistischen und homophoben Angriff mit dem Abdruck einer Flasche im Gesicht. Dieses Selbstporträt bildet den Ausgangspunkt für seine Serie „Falling Reversely“, in der sich der Künstler dem Motiv des Fallens zusammen mit Performer*innen annähert – der Akt selbst wird choreografiert. Die bewegten Bilder kratzt Chong Wai in der Werkgruppe „Rehearsed, Mirrored“ auf unterschiedlich große Spiegel, in denen die Spuren der Bewegungen die Spiegelung der Betrachter*innen stören.

Alle Positionen vereint, dass sie gesellschaftliche Spannungen und persönliche Erfahrungen als Ausgangspunkt nehmen. Zudem handelt es sich um die Darstellung „glokaler Körper“. Diesen Begriff prägte die Tanzwissenschaftlerin Elaheh Hatami, um Körper zu beschreiben, die an einem Ort anwesend sind, aber immer auch eine enge emotionale Verbindung zu einem anderen Ort haben. Im Begriff schwingen Erfahrungen von Migration, Diaspora und sozialer Ausgrenzung mit, die die neun Künstler*innen der Ausstellung inhaltlich miteinander verbinden.

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Ausstellungsansicht “States of Rebirth: Körperbilder in Bewegung” im Temporären Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, 2025. Copyright: © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge.

Die Ausstellung „States of Rebirth – Körperbilder in Bewegung“ widmet sich der Frage „Wer blickt auf wen?“ und zweifelt dabei Sehgewohnheiten, Schönheitsideale und Blickwinkel an, die stark auch im digitalen Raum geprägt werden. Die einzelnen Positionen verhandeln persönliche Erfahrungen und verlieren so nicht den Fokus darauf, was Menschen miteinander verbindet.

Perspektiven von neun Künstler*innen erinnern beim Gang durch die Ausstellung daran, dass Körper nie nur Objekt der Betrachtung, sondern auch handelndes Subjekt sind. Im Zusammenspiel der Exponate, das durch den kuratorischen Rahmen erzeugt wird, werden Besucher*innen herausgefordert, sich selbst kritisch zu hinterfragen und sich als Teil des Raums zu verstehen. So versucht die Ausstellung auf kuratorischer Ebene sowie in den einzelnen Positionen zu beantworten, wie der Blick umgekehrt werden kann.

WANN: Die Ausstellung „States of Rebirth – Körperbilder in Bewegung“ läuft bis zum 17. August.
WO: PHOXXI – Temporäres Haus der Photographie, Deichtorhallen, Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg.

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