Demokratie als Zumutung "Könnt ihr noch?" im Schloss Herrenchiemsee
6. August 2025 • Text von Quirin Brunnmeier
Kunst zwischen Freiheit, Erschöpfung und Partizipation. Auch dieses Jahr zeigt die Sammlung Moderne Kunst auf Schloss Herrenchiemsee in einer Sommerausstellung Arbeiten von internationalen Künstler*innen. In der Ausstellung “Könnt ihr noch?” werden die demokratischen Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit, die Würde des Menschen und ihr Verhältnis zur Kunst thematisiert.

Der Eingang zur Ausstellung ist ein bisschen versteckt auf der Nordseite des imposanten Schlosses, das sich König Ludwig II da auf die Herreninsel im Chiemsee hat bauen lassen. Umgeben von viel Wasser und Natur strahlt der Historismus der Fassade besonders intensiv, überall Gold und Stuck und Ornamente. Doch im Innern unterscheidet sich der nördliche Flügel des Schlosses durchaus vom Rest. Dieser Teil des am Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Gebäudes wurde nie fertig ausgebaut. Die hohen Wände sind unverputzt, die roten Ziegel und die hohen Fenster verleihen den Räumen fast etwas Industrielles, wie ein royales Loft.
Im Foyer des Ausstellungsraums wartet der nächste Kontrast und die erste Überforderung: Auf einem übergroßen Screen läuft das Video zum Lied “Könnt ihr noch?” der Techno-Rap-Formation Deichkind. Der dröhnende Bass und die abgehackten Liedzeilen evozieren diffuse Gefühle der Erschöpfung, Überforderung und eines kollektiven Burnouts. Mogеlpackung, Bildschirmzeit – Abrissbirne, Wirklichkeit. Hiermit öffnet die Ausstellung „Könnt ihr noch? – Kunst & Demokratie“ mit Arbeiten aus der Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Im Kontext der Ausstellung werden aus dem diffusen Gefühl der Überforderung grundsätzliche Fragen abgeleitet: Wie viel Freiheit für demokratische Mitgestaltung bleibt übrig in unseren überfordernden Zeiten mit all den Poly-Krisen und welche Rolle hat die Kunst in diesem Spannungsfeld?

Der Rundgang beginnt und endet mit Joseph Beuys, dessen Skulptur “Rose für direkte Demokratie” von 1973 wie ein Leitmotiv fungiert. Sein Anspruch, Kunst als gesellschaftliches Gestaltungsmittel zu denken, ist auch ein Grundgedanke des kuratorischen Konzepts. Dabei nehmen die Kurator*innen auch einen direkten Bezug auf den Verfassungskonvent, der im August 1948 auf Herrenchiemsee stattfand und die Grundlage für das deutsche Grundgesetz schuf, das nach der Zeit des Nationalsozialismus auch ein Garant für die Freiheit in der Kunst wurde. Für Interessierte ist im Schloss dauerhaft die Ausstellung “Der Wille zu Freiheit und Demokratie“ zu sehen.
“Könnt ihr noch?” umfasst über 50 Arbeiten internationaler Künstler*innen. Die gezeigten Werke reichen von expressionistischen Positionen der klassischen Moderne bis in die Gegenwart. Die Bandbreite ist beeindruckend, von Karl Schmidt-Rottluff oder Ernst-Ludwig Kirchner über Henry Moore, Francis Bacon zu Andy Warhol, Rosemarie Trockel und Maria Lassnig. Der Parcours ist in zehn thematische Sektionen gegliedert, unter Titeln wie “Schmerz und Erschütterung” oder “Kreativität und Spiel” entwickelt die Schau eigene Narrativen, die viele Themenfelder und Fragestellungen öffnen.

Ein Raum ist beispielsweise dem Kinderforum van de Loo gewidmet, einer 1970 vom Münchner Galeristen und Mäzen Otto van de Loo gegründeten Initiative für kindliche Kreativität. Andere Räume widmen sich feministischen Positionen oder unterdrückter gesellschaftlicher Traumata. Auch wenn man nicht jede Postion im Kontext des kuratonischen Konzepts versteht, entwickeln die gezeigten Arbeiten in den ungewöhnlichen Räumen eine spezielle Strahlkraft. Besonders eindrücklich gelingt dies beispielsweise bei Sheila Hicks, die einen Raum mit einer großformatigen textilen Installation bespielt. Ihre Arbeiten, die oft zwischen Kunsthandwerk und Skulptur verortet werden, oszillieren auf mehreren Ebenen, die großen Bälle wirken weich und straff zugleich, wie individuelle Charaktere in einer ihnen eigenen Ordnung.

Das kuratorische Konzept von “Könnt Ihr noch?” ist komplex und ambitioniert, erschließt sich aber nicht unbedingt intuitiv. Viele Fragen werden gestellt und unterschiedliche Themenfelder miteinander verbunden. Dennoch ist das Ergebnis eine sehenswerte Zusammenstellung hochwertiger Arbeiten an einem außergewöhnlichen Ort. Im Spannungsfeld zwischen königlichem Prunk und unverputzter Roheit haben die Werke einen speziellen Resonanzraum, der im klassischen White Cube nicht gegeben ist. Die Frage, welchen Platz die Kunst in einer Zeit hat, in der wir uns als Menschen überforderte fühlen, beantworten die gezeigten Arbeiten in ihrer Fülle und Vielseitigkeit selbst. Denn wie wusste schon Friedrich Schiller: Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.
WANN: Die Ausstellung “Könnt ihr noch?” läuft noch bis Sonntag, den 12. Oktober.
WO: Schloss Herrenchiemsee, Altes Schloß, 83209 Herrenchiemsee.