Der Apfel fällt nicht weit Ketuta Alexi-Meskhishvili und Georgi Alexi-Meskhishvili bei LC Queisser in Tbilisi
30. Oktober 2025 • Text von Julia Anna Wittmann
Bei LC Queisser in Tbilisi treffen zwei Künstler:innen und zwei Generationen aufeinander – die Kunst von Tochter und Vater im Dialog. Ketuta Alexi-Meskhishvili zeigt neue Arbeiten als Reaktion auf Collagen und Assemblagen ihres Vaters aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Georgi Alexi-Meskhishvilis eklektische Abbildungen balancieren zwischen Popkultur und Ernsthaftigkeit als Loslösung vom sozialistischen Realismus seiner Zeit.

Wie sehr prägen uns unsere Eltern? Ketuta Alexi-Meskhishvili erinnert sich noch gut an das Atelier ihres Vaters in Tbilisi, Georgien, in dem sie ihre Kindheit in den 1980er- und 1990er-Jahren verbrachte. Ihr Vater, Georgi Alexi-Meskhishvili, arbeitete dort an Gemälden sowie an aufwendigen Bühnenbildern und Set-Designs für Filmprojekte. Mit der Taschenlampe in der Hand experimentierte er mit Lichtsituationen, baute Modelle und entwarf Kostüme. Wie viele Künstler:innen seiner Generation ging er zum Theater und Kino, um den Zwängen des Regimes und des sozialistischen Realismus zu entkommen, da Georgien bis 1991 Teil der UdSSR war.

Ebenso wie ihr Vater hat sich Ketuta der Kunst zugewandt und lebt heute in Berlin. In ihrem Atelier erinnert sie sich an die Zeit in Tbilisi und den Einfluss, den ihr Vater auf sie hatte. Daraus sind neue Arbeiten entstanden, die nun im Dialog mit Werken ihres Vaters in den Räumlichkeiten von LC Queisser in Tbilisi zu sehen sind. Die gemeinsame Ausstellung “Mirroring” bringt eine gleichnamige Videoarbeit und Fotografien von Ketuta sowie Collagen und Assemblagen von Georgi in einen generationsübergreifenden Dialog. Der Moment der Reflexion wird dabei zum zentralen Motiv in Ketutas Werken, die – ebenso wie die ihres Vaters – von einer eklektischen Bildsprache und einem Hang zum Kitsch geprägt sind.

Georgis ausgestellte Collagen und Assemblagen entstanden ursprünglich als Illustrationen für Bühnenbilder und Kostüme, funktionieren jedoch als eigenständige Kunstwerke. Einige der Arbeiten schuf er auf Einladung von Sergei Paradschanow, der ihn 1988 als Art Director für seinen letzten Film “Ashik Kerib” engagierte. Die Collagen zeigen märchenhafte Szenerien, tierische Symbole und opulente orientalische Gewänder. Nicht alle Abbildungen sind gegenständlich; zahlreiche Collagen entziehen sich dem Realismus. “Ashik Kerib X” und “Ashik Kerib XI” beispielsweise setzen sich aus ornamentalen und dekorativen Stoffmustern zusammen und kreieren das abstrakte Bild einer Kostümskizze. Georgis Arbeiten sind vielschichtig: Sie sind voll, fantastisch und bunt. Gleichzeitig sind sie in ihrer Abkehr vom Realismus auch politisch – als Illustrationen und Studien konnten sie losgelöst vom ideologischen Kulturkampf der Sowjetunion existieren.

Ketuta versucht, diese Loslösung vom Realismus in ihren Werken aufzugreifen. Die Arbeiten der Künstlerin erinnern an Material- und Lichtstudien, in denen sie – ähnlich wie ihr Vater in seinem Atelier – unterschiedliche Situationen mit denselben Objekten durchspielt. Das Motiv des Spiegels findet sich in Form von gläsernen und reflektierenden Oberflächen in ihren Fotografien und der Videoarbeit “Mirroring” wieder. Gelatine-Augen werden teilweise von metallischen Formen aufgespießt und kullern über silberglänzendes Papier und reflektierende Glasplatten. Die Augapfel-Gummibärchen werden zu Akteur:innen, die die Betrachter:innen aus der Videoarbeit heraus anblicken und ein surrealer Moment entsteht. Auch in Ketutas kleinformatigen Fotografien spiegelt sich das Phantastische wider: bunt leuchtende, silberne Rosen und transparente Spiegeleier auf reflektierenden Oberflächen.

Die Collagen und Assemblagen von Georgi Alexi-Meskhishvili haben etwas Märchenhaftes: verträumte Szenerien zwischen Kitsch, Dekoration und Ernsthaftigkeit. Seine Arbeiten mögen heute gegenständlich wirken, waren in der UdSSR-Zeit jedoch eine klare Abwendung vom sozialistischen Ideologie. Die Freiheit, die diese illustrativen Studien boten, greift seine Tochter Ketuta fast vierzig Jahre später auf. In der gemeinsamen Ausstellung “Mirroring” bei LC Queisser wird die in Georgien geprägte kulturelle Ästhetik von Vater und Tochter deutlich – auch wenn sie sich über die Generationen hinweg verändert hat.
WANN: Die Ausstellung “Mirroring” läuft noch bis Sonntag, den 28. Dezember.
WO: LC Queisser Tbilisi, Mazniashvili Street 10, Tbilisi, Georgia.