"Was, wenn ich jemand anders wäre?"
Ken Nakahashi über Sorgen und Hoffnung in Tokio

20. April 2020 • Text von

Corona betrifft Menschen überall auf der Welt – trifft jedoch nicht alle gleich schwer und auch nicht auf dieselbe Weise. Ken Nakahashi betreibt eine Galerie in Tokio. Uns berichtet er von freiwilligem Verzicht, Zukunftsängsten und leiser Hoffnung.

Foto von einem blühenden Kirschbaum in Tokio, Japan.

gallerytalk.net: Ken, wie geht es dir? Und vor allem: Wie geht es dir mit der gegenwärtigen Situation?
Ken Nakahashi: Ich denke andauernd darüber nach, was ich tun und was ich lassen sollte. Außerdem versuche ich, die Ausbreitung des Virus im Blick zu behalten – und wie die Regierung darauf reagiert. Ich lese von morgens bis abends Nachrichten. Viele Menschen hier haben Angst. Das liegt auch daran, dass viele Japaner als Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Ängste von den Eltern nicht gehört wurden. Das Internet spielt auf einmal eine andere Rolle. Wir könnten neu über seine Funktion nachdenken.

Wie meinst du das?
Bei Technologie ging es zuletzt um Profit. Es ging um Ruhm und Reichweite für ein Unternehmen oder auch für die eigene Person. Aber das Internet bietet auch die Möglichkeit, die medizinische Versorgung oder das Bildungssystem zu verbessern. Technologie kann Selbstvertrauen geben, Weisheit vermitteln und Kommunikation ermöglichen – und damit das Überleben des Einzelnen sichern. Sollten wir als globale Gemeinschaft nicht jetzt darüber nachdenken, wie wir das Internet auf Basis ethischer Überlegungen gestalten können?

Installation "Trace—presence of absence/absence of presence" von Mihoko Ogaki und Masaharu Sato in der Galerie Ken Nakahashi in Tokio.

Installation view „Trace—presence of absence/absence of presence“, a duo exhibition by Mihoko Ogaki and Masaharu Sato, Photo: Jorgen Axelvall.

Hältst du das für realistisch?
Ich bin jedenfalls stark davon überzeugt, dass es eines neuen ethischen Bewusstseins bedarf. Jede einzelne Person sollte in der Lage sein, eine andere Perspektive einzunehmen. Alle sollten sich fragen: „Was, wenn ich jemand anders wäre?“. Wir werden keine Rettung erfahren, wenn wir egoistische Interessen verfolgen. Aber wir können versuchen, aus der Vogelperspektive auf die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu blicken.

Wer an Tokio denkt, hat zum Beispiel die überlaufene Kreuzung in Shibuya im Kopf. Die Stadt ist für volle Straßen und U-Bahnen bekannt. Wie hat sich das Leben dort seit der Pandemie verändert?
Am Dienstag, den 25. März hat Yuriko Koike, Gouverneurin der Präfektur Tokio, darum gebeten, an Wochenenden nicht mehr vor die Tür zu gehen. Museen und Galerien, aber auch Restaurants, Clubs und Bars haben freiwillig geschlossen. Ich wohne im Stadtteil Shinjuku. Am Wochenende und auch unter der Woche ist es hier noch voll, aber es sind schon deutlich weniger Menschen unterwegs. Es gibt allerdings bislang keine Unterstützung für unsere Kooperation seitens der Regierung. Wer unter finanziellem Druck steht, wird unter diesen Bedingungen weiterarbeiten.

Tokios Stadtteil Shinjuku bei Dunkelheit. Links und rechts der vollen Straße überall Leuchtreklame.

In Tokios Stadtteil Shinjuku ist weiterhin viel los auf den Straßen – wenngleich nicht so viel wie vor den freiwilligen Selbstbeschränkungen.

Wann hast du deine Galerie geschlossen?
Am Abend des Freitags, den 27. März. Nachdem Koike am Dienstag um die Schließung am Wochenende gebeten hatte, haben wir am Mittwoch erst einmal regulär geöffnet. Wir hatten geplant, unter der Woche um 17 Uhr Schluss zu machen und am Samstag gar nicht erst zu öffnen. Aber am Donnerstag haben wir entschieden, dass Freitag vorerst der letzte Tag in der Galerie sein würde. Es handelt sich hierbei um sogenannte freiwillige Selbstbeherrschung, die Regierung könnte nicht einschreiten, wenn wir uns anders entschieden hätten.

Und es gibt keine Unterstützung für Unternehmen, die freiwillig schließen?
Am 15. April wurden verkündet, dass es zusätzliche Mittel für Tokio geben soll. Kleine und mittelgroße Unternehmen sollen demnach einmalig 500.000 Yen (rund 4264 Euro; Anm. d. Red.) erhalten, wenn sie für insgesamt 20 Tage, vom 16. April bis zum 6. Mai, ihren Betrieb einstellen. Vielleicht bekomme ich dieses Geld. Aber ich würde mir unmittelbarere Unterstützung wünschen. Das Geld wird frühestens im Mai oder sogar später gezahlt.

Der Galerist Ken Nakahashi am Telefon.

Kenichi Nakahashi. Foto: Ren Hang.

Gibt es in Japan finanzielle Unterstützung für Künstler*innen?
Nein. Toshihiro Nikai, Generalsekretär der regierenden Liberaldemokratischen Partei hat am 14. April angedeutet, er werde die Regierung um eine Sofortzahlung von 100.000 Yen (rund 855 Euro) pro Bürger*in bitten – unabhängig vom Einkommen. Aber die Pandemie wird sich weiter ausbreiten und Künstler*innen befinden sich oft schon in einer prekären Lage. Die Künstler*innen sind wütend, weil die Regierung ihren Wert für die Gesellschaft nicht anerkennt.

Was müssen unsere Leser*innen aus Deutschland über die japanische Kunstwelt wissen, um die Auswirkungen der Krise besser zu begreifen?
Der Kunstwelt in Tokio ist stark kapitalistisch geprägt. Das Programm meiner Galerie wird thematisch dominiert von Gender und Identität. Es geht darum, in welchem Verhältnis Menschen und Kunst innerhalb der Gesellschaft stehen. Der Austausch mit meinen Künstler*innen ist ein philosophischer. Ich bin stolz darauf, dass wir in unseren Ausstellungen drängende gesellschaftliche Fragen thematisieren – und dass ich dabei einen kleinen Profit erwirtschaften kann. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bereite mich darauf vor, dass die nächsten ein bis zwei Jahre sehr hart werden.

Kannst du das noch etwas konkretisieren?
Ich muss weiterhin jeden Monat die Miete für die Galerieräume und für meine private Wohnung bezahlen. Mit Geld vom Staat kann ich nicht kalkulieren. Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft. Was, wenn es eine zweite Infektionswelle gibt? Es kann sein, dass ich meine Galerie nicht wieder öffnen kann.

 
 
 
 
 
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Wie arbeitest du im Moment?
Ich spreche jeden Tag mit meinen Künstler*innen. Es geht darum, ihr Einkommen zu sichern. Das vergangene Jahr über haben wir an einer Publikation des Künstlers Eiki Mori gearbeitet. Ende März habe ich dafür ein Crowdfunding initiiert. Keine zehn Tage nach Start der Kampagne hatten wir das nötige Geld zusammen, um in den Druck zu gehen. Es ist also auch in so einer schwierigen Situation durchaus möglich, Gelder einzuwerben. Eiki Moris Philosophie ist es, sich mit leiser Stimme an die Gesellschaft zu wenden. Damit berührt er viele. Für mich kristallisieren sich in seinem Foto-Essay Mitgefühl und Begeisterung. Das Buch transportiert Hoffnung.

Viele Galerien hierzulande konzentriere sich während der Schließungen auf ihre Instagram-Präsenz. Ist das auch in Japan ein Trend?
Ja, große Galerien mit vielen Followern machen Insta-Lives und zeigen Videos von ihren Ausstellungen. Da kommt man gar nicht hinterher! Es ist eine bequeme Möglichkeit, Kunstliebhaber auf dem Laufenden zu halten. Es besteht aber die Gefahr, dass dabei keine wirkliche Verbindung zwischen Sender*in und Empfänger*in aufgebaut wird, sondern lediglich der vielverbreitete Narzissmus einiger Akteur*innen Ausdruck findet. Das Ergebnis ist einseitige Kommunikation ohne jede Demut. Statt sich auf diese kommerziellen, werbenden Aktivitäten zu versteifen, sollten Museen, Galerien und Künstler*innen die Technologien nutzen, Kunst als intellektuelles Eigentum aller zugänglich zu machen.

Ein Foto des japanischen Künstlers Eiki Mori.

Key image for Eiki Mori’s upcoming exhibition „Shibboleth—I peep the ocean through a hole of the torn cardigan“.

Wie meinst du das?
Einem Kunstwerk wohnt ungemeine Kraft inne. Es nimmt Bezug auf die Gesellschaft oder ihm liegen philosophische Überlegungen zugrunde. Darüber sollten wir mehr sprechen. Kunst kann eine universelle Sprache dafür sein, ein gutes Leben, das auf Fortschritt ausgerichtet ist, zu entwerfen. Ein tolles Format ist zum Beispiel #Studio202X vom Goethe Institut Tokyo. Der Talk mit dem japanischen Journalisten Daisuke Tsuda wird über Facebook und Twitter ausgestrahlt. Verschiedene Expert*innen zeigen in Anbetracht der Krise Perspektiven auf. Ich finde das ein hervorragendes und vor allem sehr demokratisches Format.

Wenn du eine Prognose abgeben müsstest: Wie wird sich die Pandemie auf die Kunstszene in Tokio auswirken?
Ich denke, wir müssen in einem größeren Maßstab denken. Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist die Welt besessen von Globalisierung. Die Kunstwelt hat immer weiter expandiert. Es gab immer mehr Festivals, mehr Messen. So hat die Kunst auch ihren Anteil an den Eingriffen der Menschen in die Natur. Erderwärmung, Waldrodungen, bedrohte Arten in Tier- und Pflanzenreich – das sind die Probleme unserer Zeit. Manch einer hält das neue Coronavirus für die Strafe, die die Menschen aufgrund ihres zerstörerischen Handelns erleiden müssen. Ich glaube, die Geschichte der Infektionskrankheiten lehrt uns: Wenn wir unser Verhalten nicht ändern, werden sich die Dinge wiederholen.

Wo würdest du ansetzen?
Es ist an der Zeit, das Konzept des Kapitalismus infrage zu stellen. Die Welt gehört nicht nur dem Globalen Norden. Sie gehört nicht nur den Reichen, den Managern, denen mit Kapital. In vielen Ländern und Regionen – vor allem im Globalen Süden – ist es schwer, „Social Distancing“ umzusetzen. Wir müssen die Menschen dort schützen. Wir brauchen ein globales Bewusstsein für Probleme über die Grenzen von Nationalitäten und Kulturen hinweg.

Hier erfahrt ihr mehr über Ken Nakahashi und seine Galerie. Und hier geht es zum Crowdfunding für Eiki Moris Publikation „Letter to My Son“.