Kannst du mich mit deinen Ohren sehen?
Kazunori Kura über Realität und Wahrnehmung

19. März 2020 • Text von

Mit einem erstaunlichen Repertoire an Materialien, Techniken und Methodiken untersucht Kazunori Kura die Zusammenhänge von Fakten, Wahrnehmung, Realität und Glaube. Seine Arbeiten zeigt er in Japan und Deutschland. Ihr Ursprung ist introspektiv, zugleich erneuern sie sich mit jedem Betrachter. Mit gallerytalk.net spricht der Wahl-Hamburger über seine Inhalte, seine Inspiration und seinen Werdegang.

Kazunori Kura: For the Power to Believe, Juli 2016, München, Deutschland, Acryl, Holz, 7×7×2 m

Kazunori Kura: For the Power to Believe, Juli 2016, München, Deutschland, Acryl, Holz, 7×7×2 m.

Was existiert in der Welt, und wie? Es gibt wissenschaftlich erwiesene Fakten, aber erlangen sie in der Wirklichkeit nicht nur Bedeutung, wenn und weil Menschen an sie glauben? Kazunori Kura widmet sich diesen Fragen von seinem ganz persönlichen, introspektiven Standpunkt. Das geht auch gar nicht anders, denn der Künstler ist davon überzeugt, dass jedes Individuum seine ganz eigene Wahrnehmung und Realität hat. Was sind da schon klassische Wahrnehmungskategorien wie Hören oder Sehen? Seine Arbeiten sind also höchst subjektiv und doch auch verallgemeinerungsfähig, denn die Frage nach den Grundprinzipien des Daseins betrifft jeden gleich und doch ganz anders. Trotz der existenziellen Dimension seines Themas haben Kuras Arbeiten aber nichts Schweres, Beängstigendes. Sie strahlen Neugier aus, Vertrauen, immer wieder auch spielerische Leichtigkeit und eine Art von Perfektion. Mit gallerytalk.net hat der Künstler über seine Arbeit gesprochen.

gallerytalk.net: Wenn du einem Sechsjährigen deine Kunst erklären würdest, was würdest du ihm sagen? 
Kazunori Kura: Ich würde ihm sagen: Hast du zum Beispiel jemals gedacht: „Warum weht der Wind?“ Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, habe ich mich das gefragt und selbst eine Antwort gefunden. Du kannst natürlich auch jemanden fragen oder in Büchern oder im Internet nachsehen, aber überlege zuerst mal selbst. Es ist egal, ob die Antwort richtig ist. Selbst zu denken soll dir Spaß machen. Ich bin inzwischen erwachsen geworden, aber es gibt immer noch viele Dinge, die ich noch nicht weiß und über die ich nachdenke. Wenn ich eine interessante Antwort finde, möchte ich sie anderen mitteilen. Dafür sind dann alle Möglichkeiten offen, man kann Worte verwenden oder Bilder zeichnen, um zu erzählen. Ich schaffe meine Arbeiten immer so.

Kazunori Kura: Can you hear me with your eyes, can you see me with your ears, Jul 2018, München, Deutschland, Aluminum, Stahl, 2.7×6×2.7 m ⁄ 2.7×6×3.6 m (2-teilig)

Kazunori Kura: Can you hear me with your eyes, can you see me with your ears, Jul 2018, München, Deutschland, Aluminum, Stahl, 2.7×6×2.7 m ⁄ 2.7×6×3.6 m (2-teilig).

Deine Arbeiten kreisen um existenzielle Themen – welche Rolle spielen dabei metaphysische Positionen oder auch Religion? 
Mein Ausgangspunkt sind immer triviale Fragestellungen aus persönlichen Erlebnissen. Wenn ich dann ins Grübeln komme, helfen mir die Ideen großer Pioniere ganz oft. Philosophie, Mathematik, Physik, Geschichte, Religion, ich verstehe diese Disziplinen nicht immer akademisch und methodisch, aber ich lasse mich davon inspirieren. Ich selbst und meine Arbeiten basieren aber nicht auf einer bestimmten Ideologie, sondern ich mische interessante Ideen zusammen. Themen und Theorien aus verschiedenen Bereichen werden zitiert, von ihren Kontexten getrennt und kombiniert, um zu einer neuen Konstruktion oder Geschichte zu werden.

Kazunori Kura: The Power to Believe I „Vessels, Caves, Torsos“ Mai 2017, Hamburg, Deutschland, Wasserfarbe, Bronzepuder, Pigment auf Papier, 96×66 cm (10-teilig).

Kazunori Kura: The Power to Believe I „Vessels, Caves, Torsos“ (Detail), Mai 2017, Hamburg, Deutschland, Wasserfarbe, Bronzepuder, Pigment auf Papier, 96×66 cm (10-teilig).

Gibt es Reaktionen auf deine Kunst, die dir besonders häufig begegnen?
Die Reaktionen sind von Person zu Person sehr unterschiedlich und ich finde, da gibt es keinen Typ. Ich bin selbstverständlich sehr glücklich, wenn ich gute Resonanzen bekomme. Aber ich glaube, dass es nicht bedeutet, dass meine Arbeit schön ist, sondern die Welt, in der der Betrachter lebt, oder die Augen des Betrachters sind schön. Wenn man seine Reaktion auf eine Arbeit erzählt, spricht man doch durch die Arbeit über sich selbst. Deswegen ist es klar, dass die Reaktionen immer unterschiedlich sind.

Stichworte Fakten, Wahrnehmung, Realität: Wirkt sich die Digitalisierung (soziale Medien usw) auf deine Arbeit aus?
Ich erinnere mich, dass soziale Medien mit der Verbreitung von Smartphones stürmisch gewachsen sind, als ich als Designer bei einer IT-Solution-Company in Tokio arbeitete – es war 2009-2014. Die rapide Veränderung wirkte sich auf meine Wahrnehmung der Realität aus, die sich zwar in der großen Metropole Tokio, aber trotzdem in einer kleinen geschlossenen Welt abspielte. Es gibt so viele unterschiedliche Wahrnehmungen eines Ereignisses, wie es Menschen gibt, die es wahrnehmen. Es gibt nicht eine Wahrheit, sondern es gibt so viele Wahrheiten, wie es Wahrnehmungen gibt. Die Wirkung von Social Media hat mich zunächst verwirrt. Was bedeutet Realität, was sagen Fakten uns heute, wenn man so viele verschiedene Geschichten und Menschen in Echtzeit kennen kann? Letztendlich reichen nur Dinge zur Wahrheit, die geglaubt werden – ich denke so und vielleicht kommt diese Idee bei mir aus der heutigen Epoche, in der unzählige Ideologien auf individueller Basis etabliert sind.

Kazunori Kura: Th3, Januar 2020, Hamburg, Deutschland, Graphit auf Papier, 114×114 cm (8-teilig)

Kazunori Kura: Th3 (Detail), Januar 2020, Hamburg, Deutschland, Graphit auf Papier, 114×114 cm (8 Arbeiten).

Du arbeitest immer wieder mit unterschiedlichen Medien – das klingt anspruchsvoll. Geht es Dir auch darum, zugleich deinen individuellen Stil zu finden?
Es ist wirklich jedes Mal schwierig. Fast jedes Mal muss ich von Grund auf neue technische Studien antellen und neue Probleme bewältigen. Manchmal habe ich zum Beispiel geprüft, wie viel Zeit und Mühe es braucht, um im Boden zu graben, manchmal habe ich ausprobiert, verschiedene grafische Techniken zu kombinieren, und manchmal habe ich versucht, wie ich eine sechs Meter große Skulptur draußen über dem Kopf schweben lassen kann. Dazu musste ich mit einer Leiter auf 15 Meter hohe Bäume klettern. Ich taste also gewissermaßen jedes Mal im Dunkeln. Über meinen Stil habe ich noch nie nachgedacht. Ich beschäftige mich einfach jedes Mal mit einer Arbeit, bis ich zufrieden werde, dazu habe ich keine Strategie als Künstler. Wichtig für mich ist, mich auf mein jeweils aktuelles Thema aufrichtig zu konzentrieren und mich mit den Materialien und Techniken, die ich ausgewählt habe, mit voller Kraft zu befassen. Ich finde aber manchmal selbst, dass die Arbeiten nicht konsequent sind, wenn ich meine bisherige Arbeiten durchsehe. Aber wenn man in meinen Arbeiten einen Stil erkennen kann, denke ich, dass das vielleicht einfach Ich bin. Es ist in Ordnung, wenn ich mich in Zukunft an ein bestimmtes Medium halten will, aber jetzt gerade ist es einfach nicht so.

Kazunori Kura: EVEN IF, Oktober 2019, München, Deutschland, Gras, Erdreich, 6×12 m (2 Standorte)

Kazunori Kura: EVEN IF, Oktober 2019, München, Deutschland, Gras, Erdreich, 6×12 m (2 Standorte).

Zum Schluss: Du bist in Tokio geboren und hast dort auch studiert und gearbeitet. Was hat dich gerade nach Hamburg gebracht?
Ich habe in Tokio Grafikdesign studiert und dann ungefähr sechs Jahre als Grafikdesigner in dem Büro im Zentrum von Tokio gearbeitet. Der erste Anlass bestand darin, eine Studiogemeinschaft mit paar Freunden zu haben, die an derselben Kunsthochschule studierten. Es war eine alte Baracke, der etwa eine Stunde vom Zentrum Tokio gab. Zuerst versuchte ich, meine Arbeit im Studio mit dem Beruf im Büro zu vereinbaren, aber nach und nach fühlte ich, dass die Arbeit im Studio für mich wichtiger und wesentlicher wurde. Ich hatte damals das Gefühl, dass mein Leben gut lief, wenn die Arbeit als Künstler gut lief, und dass mein Leben schlecht war, wenn diese Arbeit nicht gut lief. Deswegen wollte ich nochmals studieren, was Kunst ist und was ich schaffen kann. 2015 traf ich dann Professorin Jorinde Voigt an der AdBK München, und im Oktober 2019 bin ich mit ihr von der AdBK an die HFBK Hamburg gewechselt. Ich mag die Stadtatmosphäre von Hamburg sehr, weil meine Heimatstadt auch eine offene Hafenstadt ist.

Planst du auch in Hamburg bald eine Ausstellung?
Aktuell ist meine nächste Ausstellung in Hamburg die Jahresausstellung der HFBK im Februar 2021, aber ich möchte gerne neue Arbeiten zeigen, wann immer ich die Gelegenheit dazu habe!

Mehr Informationen über Kazunori Kura und seine Arbeit gibt es unter www.kazunorikura.com

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