Zum Taumeln in den Keller
Julius Jodokus Palm bei Heit

7. August 2025 • Text von

In den Tiefen eines Berliner Altbaus wohnen Wesen. Sie tauchen aus der Dunkelheit auf, rekeln sich und tanzen auf schwarzen Wolken. Julius Jodokus Palm verwandelt das Kellergewölbe von Heit mit seinen großformatigen dunklen Leinwänden in einen mystischen, anrüchigen und nassen Ort. Dreck und Dekadenz liegen mit Palm im Heitschen Keller nah beieinander. Und es riecht nach Schlamm.

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Julius Jodokus Palm, “Reeling”, installation view. Photo: Gernot Seeliger

In Berlin-Mitte, dort wo die Gentrifizierung bereits wirkungsvoll um sich geschlagen hat steigt die Freude über ein wenig Dreck – ein Dreck, der überrascht, ist der beste Dreck. Ein kleiner Neonschriftzug hinter einer schönen Berliner Altbautür weist leise den Weg zu ihm. Der Produzentengalerie Heit bewohnt den Keller des Wohnhauses. Hinter dem Heizungskeller rechts geht es über einige wenige Stufen noch tiefer in das Gebäude hinab. Die Luftfeuchtigkeit steigt mit jedem Schritt. Weiße Wände wie auch die Neonröhren an der Decke erhellen das Gewölbe, während der graue Betonboden von unten rotzig gegensteuert.

Sieben großformatige Leinwände von Julius Jodokus Palm hängen hier unten, vielmehr wohnen sie hier, haben sich gar gänzlich mit dem Raum verbunden und bilden gemeinsam seine erste Solo-Ausstellung “Reeling” (dt. taumeln). Getragen wird dieser Eindruck der räumlichen Verschmelzung durch das schlammige Wasser, mit dem der Künstler den Ausstellungsraum geflutet hat. Er hat damit einen vergangenen Wasserschaden aufgegriffen, der seine Bahn aus einem Rohr von der Decke zum Boden zieht und ihn ausgeweitet. Es scheint, als wäre dem Rohr eine Wassermasse entsprungen, deren dreckigen Wellen ihre Gischt an den Wänden hat hochschlagen lassen. Inmitten dieser nassen Spuren rekeln sich Palms Schattengestalten und Nymphen werfen ihre langen nassen Haare schwungvoll spritzend in den Nacken. 

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Julius Jodokus Palm, “Reeling”, installation view. Photo: Gernot Seeliger

Aus der Dunkelheit, die jedes der Werke überschattet, brechen diese Wesen hervor. Eine Figur sitzt mit kreisrund geöffnetem Mund ähnlich dem einer erotischen Gummipuppe und mit hell leuchtender Haut in der unteren rechten Ecke einer Leinwand. Schreit oder stöhnt sie? Ihr gegenüber kriecht ein Schatten, der Umriss einer weiteren Figur, die sich gebückt anzuschleichen scheint. Ist hier eine Bedrohungslage dargestellt? Oder ein laszives Spiel? In den abgebildeten, nebligen Nicht-Orten ist das ein schmaler Grat.

Gebilde auf einer weiteren Leinwand erinnern an Froschlaich. Er hat sich, wie in den Tiefen eines dunklen Teiches an der Uferlinie zwischen einigen Wasserpflanzen in glibberigen Klumpen festgesetzt. Auf der dunklen Leinwand leuchten die hellen Laichklumpen mit ihren vielen schwarzen Punkten – sie könnten bald zu Kaulquappen werden. Aus der Distanz entwickelt sich das Bild und die hellen Flächen werden zu drei Schwänen, die auf einer vom Lichteinfall glitzernden Wasseroberfläche gleiten. Staunend immer weiter zurückschreitend, holt einen der Rempler gegen eine der dreckigen Säulen zurück in die Realität. 

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Julius Jodokus Palm, “Reeling”, installation view. Photo: Gernot Seeliger

Mit seiner Werkreihe greift Palm die großformatige Malerei “Dance” von Stefan Norblin aus dem Jahr 1941 zurück. Er druckte eine Schwarz-Weiß-Fotografie des Werkes aus, wodurch die ursprüngliche Farbgebung der Malerei nicht mehr zu erkennen ist. Dann fragmentierte und übermalte er sie.

Norblin floh nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit seiner Frau Lena Zelichowska vor den Nazis. Die beiden verließen ihre Heimatstadt Warschau und mit ihr das Leben als erfolgreiches und etabliertes Künstlerpaar. 1941 erreichten sie Mumbai und blieben einige Jahre. Hier entwickelte Norblin einen Stil, der zwischen Art Deco und indischen Götterbildern changierte. Für diese Schnittstelle, ihre mysteriöse Wirkung begeistert sich Palm und würdigt den trotz seiner Erfolge zu Lebzeiten wieder in Vergessenheit geratenen Künstler Norblin mit seinen Arbeiten, wie er gallerytalk.net im Gespräch erzählte.

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Julius Jodokus Palm, “Reeling”, installation view. Photo: Gernot Seeliger

Palm setzt mit seinen Übermalungen eine neue Dynamik frei, bringt sie in Fluss oder vernebelt sie. Mit neuem Aggregatzustand und der Dunkelheit entsteht ein rauer Ton, der perfekt zu Berlin; zum Gefühl wummernder Technobässe, zu schillernden Showgirls der 20er, zum Westberliner Underground der 90er und besonders zum nassen Sommer 2025 passt. Mit Palms Werken blickt man zurück, aber gleichzeitig auch in ein Orakel, eine Glaskugel, die Schnörkel und Schlamm, Dekadenz und Dreck vorhersagt.

Es ist eine Freude in Julius Jodokus Palms düstere Werke einzutauchen, im nassen Keller von Heit seinen vorbeipirschenden Raubkatzen, fliegenden Röcken, Kobolden und mysteriösen Stillleben gegenüberzustehen. Selten wurde das Zwielicht treffender eingefangen.

WANN: Die Ausstellung “Reeling” von Julius Jodokus Palm läuft noch bis Sonntag, den 14. September.
WO: heit, Eichendorffstraße 5, 10115 Berlin.

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