Tête-à-Tête mit Tiger
Johanna Dumet malt bedrohte Arten

1. Mai 2020 • Text von

Von Wisent und Eisbär bis Kabeljau – ursprünglich hätte Johanna Dumets Bildserie gefährdeter Tiere gerade beim Berliner Gallery Weekend zu sehen sein sollen. Nun wurde die Ausstellung nebst zahlreicher anderer Projekte der französischen Künstlerin verschoben. Wir haben mit ihr über Adidas und Artenschutz gesprochen – ein bisschen Gesellschaftskritik gab es on top.

Johanna Dumet “Endangered Animals”. Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Für das Projekt “XCHANGE – A Female Art Project” hast du eine Bildserie gefährdeter Tierarten begonnen, die beim Berliner Gallery Weekend gezeigt werden sollten. Du hast vorher schon Tiere gemalt, Pferde, Kamele und Hunde zum Beispiel. Wie kamst du nun auf die Idee mit den „Endangered Animals“?
Johanna Dumet: Ich bin in La Creuse aufgewachsen, einem kleinen französischen Dorf, in dem es nur drei Häuser gibt. Wir hatten keine Nachbar*innen und waren nur von Tieren umgeben. Wir hatten Hunde, Katzen, Fische, Ziegen, Enten, Gänse, Hühner und haben alle Tiere adoptiert, die wir finden konnten. Selbst wenn die meisten davon gegessen werden sollten, haben meine Eltern mir immer beigebracht, wie man auf sie aufpasst, sie liebt und respektiert. Das war mein Leben. Ich war den Tieren und der Natur näher als den Menschen.

“Wie sind die Tiere Teil deiner Kunst geworden?
Meine erste Ausstellung in Berlin fand 2016 in den ILL Galleries statt und hieß „holy friends“. Diese Freunde waren Füchse, Panther, Schafe, Krokodile, Katzen, Ziegen, Schwäne und so weiter. Selbst wenn ich jetzt in der Stadt lebe und keine Tiere besitze, fühle ich mich dennoch voll und ganz verantwortlich, sie zu schützen. Als Malerin ist es meine Verantwortung, sie darzustellen und das Bewusstsein für ihre Gefährdung zu schärfen. Ein Teil des Erlöses aus den verkauften Gemälden und Skizzen möchte ich an Vereine spenden, die zur Erhaltung der Arten beitragen.

Johanna Dumet. // Johanna Dumet “Endangered Animals”. Courtesy of the artist.

„XCHANGE” wird von Karen Boros, Maike Cruse and Marie Meyer kuratiert und ist eine Kooperation mit Adidas, ein Unternehmen, dessen Klimabilanz stark kritisiert wird. Wie passt das mit Artensterben zusammen?
Mit Sicherheit gibt es eine gewisse Kritik gegenüber Adidas oder allen anderen riesigen Unternehmen. Ich dachte mir: Adidas gibt mir die Möglichkeit, eine Ausstellung zu machen, eine große Anzahl von Menschen zu erreichen und erstaunliche Frauen wie Karen Boros, Maike Cruse, Marie Meyer und das gesamte Team rund um das Projekt zu treffen. So viele großartige Menschen! Wenn sie mir eine Stimme geben, möchte ich den Tieren eine Stimme geben.

Glaubst du, dass du als Künstlerin ein Umdenken anstoßen kannst?
Indem der Konzern meine Arbeit und die Idee dahinter promotet, übt er Kritik an sich selbst und ich hoffe, dass das Bewusstsein auch auf ihrer Seite geschärft wird. Ich habe den Chef von Adidas nie getroffen und ich frage mich, was er wohl dazu sagen würde. Eine große Marke wie Adidas könnte es sich leisten, in Europa zu produzieren. Man sagte mir, dass es in diese Richtung Versuche gegeben hätte, aber alle Fabriken nach Asien zögen und in Europa gebe es keine Fabrik, die so große Massen für sie produzieren könne. Vielleicht sollten sie anfangen zu recyceln und sich auf wenige Modelle konzentrieren.Es ist bereits ein großer Schritt, dass Adidas Deutschland beschlossen hat, mit Künstlerinnen zusammenzuarbeiten, und ich hoffe, dass sie mit ihren Statements bald noch weiter gehen werden. Jeder kennt oder trägt Adidas, das Unternehmen  könnte also einen großen Einfluss auf die Umwelt haben. Ich möchte wirklich etwas bewirken, wir sprechen hier über ein sehr ernstes Thema. 

Johanna Dumet “Endangered Animals”. Courtesy of the artist. // Johanna Dumet in her studio.

Besonders süß finde ich die Eisbären. Meinst du, die politische Botschaft der Werke rückt in den Hintergrund, wenn sich die Sammler*innen einfach niedliche Tiere ins Zimmer hängen wollen? 
Ich habe mich das auch gefragt. Übrigens habe ich die Eisbären mit Absicht extrem süß dargestellt, besonders die Babys. Eines der Tiere ist babyrosa und darüber steht in hellgelbem Öl “Gummibärchen”, sie sehen wie Haribo-Bären aus. Ich will sagen: Ja, sie sind wirklich süß. Ja, sie werden in deinem Wohnzimmer großartig aussehen – aber diese Kreaturen sind wild und mächtig. Die Bären sind wunderschön, aber sie sterben, wach auf!

Warum sind wir so fasziniert von Katzenvideos und Tiermemes?
Weil sie schön, süß oder geheimnisvoll sind, möchten wir sie gerne haben. Wir träfen uns am liebsten mit einem Tiger zum Tête à Tête. Wie besessen konsumieren wir ihre Fotos im Internet. In diesem Zusammenhang habe ich mit Karen Boros über Katja Novitskovas Arbeit „Pattern of Activation“ (2014) im Boros Bunker gesprochen. Dazu gehört der Pappaufsteller eines weißen Pferdes. Das Bild dieses schönen Tieres war das am meisten angeklickte Bild auf ihrer Internetseite, wie mir Karen Boros erzählt hat. Es ist eigentlich ziemlich traurig und tragisch, dass wir Tiere derart personifizieren und im echten Leben nichts tun. Die Tiere in der Internetwelt sind definitiv glücklicher als jene in der realen Welt. 

Boros: Katja Novitskova, „Pattern of Activation“ (2014), Foto: NOSHE.

Die so genannte „Rote Liste“ gefährdeter Tierarten ist erschreckend lang. Nach welchem Schema hast du die Porträtierten ausgewählt?
Ich war auch schockiert von den Ausmaßen und möchte nicht nur die „berühmten“ Tiere malen, sondern auch einige, über die wir nie sprechen. Zum Beispiel den Feuerhundertfüßer oder den Wisent (Anm.d.Red.: Der Feuerhundertfüßer ist giftig und in Asien und Afrika verbreitet. Beim Wisent handelt es sich um eine Rinderart, die in Deutschland mittlerweile ausgerottet ist.). Übrigens ist sogar der Kabeljau gefährdet, den ich kürzlich für ein zukünftiges Gemälde skizziert und „Fischstäbchen“ dazu geschrieben habe. Bisher habe ich den Eisbären, den Weißen Hai, den Esel von Poitou, den Wisent, den Bengalischen Tiger, den Sumatra-Orang-Utan, den Feuerhundertfüßer und den Kabeljau gemalt und plane, mehr Insekten zu machen. Nicht nur die Bienen sind in Gefahr – es gibt immer mehr Tiere, die mich zum Malen inspirieren.

Erzähl mir doch mal was über den Weißen Hai!
Weil der Weiße Hai einst ein Superstar im Spielberg-Film „Jaws“ war, bekamen die Leute Angst vor ihm und hielten ihn für eine echte Killermaschine. Das änderte ihr Verhalten gegenüber den Tieren. Nachdem Peter Benchley, der Autor, der die Vorlage zu „Jaws“ geschrieben hat, die Auswirkungen seines Buches bemerkt hatte, war er zutiefst beunruhigt. Er erfuhr auch, dass Menschen Trophäenhaie fingen. Deswegen verbrachte er einen Großteil seines restlichen Lebens damit, sich für den Schutz der Haie einzusetzen. Eine Untersuchung der Biologin Dr. Julia Baum legt nahe, dass zwischen 1986 und 2000 im Nordwestatlantik ein Bevölkerungsrückgang von 89% der Hammerhaie, 79% der Weißen Haie und 65% der Tigerhaie zu verzeichnen war.

Malerei Haifisch von Johanna Dumet.

Johanna Dumet “Endangered Animals”. Courtesy of the artist.

Deswegen hast du die Bildunterschrift “The Great White Shark Starring in ‚Jaws‘ Directed by Steven Spielberg” gewählt?
Genau! Auf jedes meiner Bilder schreibe ich etwas mit einem hellgelben Ölstift. Da die Tiere wirklich groß gemalt sind, konzentriert man sich zuerst auf ihr Porträt und stellt erst später fest, dass dort auch etwas geschrieben ist. Die Sätze schreibe ich auf Englisch, Französisch oder Deutsch, je nachdem in welcher Sprache ich die Bedeutung am stärksten finde

Und wie lautet die Geschichte hinter dem Esel?
Mein zweites Gemälde zeigt die älteste Eselsrasse der Welt, genannt “L’âne du Poitou”. Auf das Gemälde habe „Le Baudet du Poitou, la Rolls-Royce des ânes“ (dt.: Der Esel von Poitou, der Rolls-Royce der Esel) geschrieben. Diesen Satz habe ich im Internet unter dem Foto eines Esels gefunden und einmal mehr erkannt, wie wir Tiere behandeln. Weil dieser Esel wirklich stark und groß ist, können Landwirte mit seiner Hilfe schwere Arbeit verrichten und vergleichen ihn mit einem Auto oder einem guten Traktor. Wenn ich einen solchen Satz auf mein Gemälde schreibe, klingt er vielleicht zuerst lustig, aber dahinter steckt eine ernste Botschaft.

Könnte die Bildserie ein lebenslanges Projekt werden?
Ich denke ja, ich werde immer wieder darauf zurückkommen. Je mehr ich recherchiere, desto mehr Tiere finde ich. Im Internet stößt man auf Listen wie „Top 10 Animals in Danger“, die Topstars der bedrohten Tiere, wie der Gorilla, der Riesenpanda oder der Irawadidelfin. Vermutlich stellt der WWF sie ins Rampenlicht, weil sie zu den Lieblingstieren vieler Menschen gehören und so das Bewusstsein für ihre Gefährdung besser geschärft werden kann. Aber auf der offiziellen Liste der Naturschutzorganisation IUCN stehen mehr als 2000 Arten – genug Arbeit für mich!  

Johanna Dumet “Endangered Animals”. Courtesy of the artist.

Nach deinem Kunststudium hast du in Marseille 2011 auch einen Abschluss in  Modedesign gemacht. Wie hängen Mode und Kunst in deinen Augen zusammen?
Durch Mode und Kunst drücke ich mich aus. Ich lege großen Wert auf das, was ich anziehe, versuche, nur natürliche Stoffe zu tragen und habe keine Angst, darin zu leben und schmutzig zu werden! Wenn ich mich mit meinen Gemälden fotografieren lasse, sehen wir oft ähnlich aus: Die Farben und Muster der Bilder beeinflussen meine Mode. Ich habe auch kein Problem damit, ein Gemälde  auf ein Kleidungsstück übertragen zu lassen. Warum nicht Kunst tragen? Das Leben ist zu kurz, um langweilige Kleidung zu tragen.

Hast du eine Lieblings-Kunst-Mode-Kollaboration aus der Kunstgeschichte? Ich weiß nicht, ob es sich um eine Kollaboration handelt, wie man sie heutzutage findet, aber ich liebe den Schmuck, den Alexander Calder in den 30er und 40er Jahren designt hat. Davon hätte ich so gerne etwas! Außerdem gefallen mir die Kleider und Mäntel, die der Maler Raoul Dufy 1911 in Zusammenarbeit mit Paul Poiret und ein Jahr später mit der Firma Bianchini-Férier kreiert hat, mit der er über 20 Jahre zusammengearbeitet hat. Und zu guter Letzt die bunten Roben von Sonia Delaunay. Diese Künstler*innen haben Kunstwerke geschaffen, die man anziehen kann. In der Zusammenarbeit mit Modemarken ist das auch mein Ziel.  

Gibt es ein Brand, mit dem du in Zukunft gerne zusammenarbeiten würdest? Oder möchtest du lieber dein eigenes Modelabel gründen?
Mein eigenes Modelabel möchte ich nicht gründen. Das Malen nimmt meine komplette Zeit in Anspruch und die Freiheit, die ich in der Kunst habe, werde ich in der Mode nie finden. Von Zeit zu Zeit arbeite ich gerne mit Modemarken zusammen, wenn sie mir die Chance geben, alles zu kreieren, worauf ich Lust habe. Ich würde gerne mit Hermès zusammenarbeiten und einen Seidenschal für sie designen oder mit Dries Van Noten an einer seiner Kollektionen arbeiten – das wäre wunderbar!

Mehr von Johanna Dumet gibt es auf dem Instagram-Account der Künstlerin zu sehen.