Jesus 2.0 kommt aus Trinidad
Jorge César Sáenz Gómez in der Living Gallery

15. November 2018 • Text von

Die Holzskulptur einer kubanischen Jesusfigur heißt die neuen Europäer auf Lampedusa willkommen. Wir sprachen mit dem hierfür verantwortlichen Künstler Jorge César Sáenz Gómez darüber, wie es dazu kam, wie Religion und Symbolismus die kubanische Kunstwelt beeinflussen und wie Jesus auf die Straße trat. Text: Jan Fiedler und Denis Leo Hegic

Jorge César Sáenz Gómez, Die heilige Familie – Vater und Mutter

Als Skulptur wird Jesus hauptsächlich auf zwei ikonische Arten dargestellt: am Kreuz und auf seinem Richterstuhl. Aus der Kreuzdarstellung heraus entstand das Kruzifx und wurde zur zentralen Ikonografie der römisch-katholischen Kirche. Die Darstellungen von Jesus am Jüngsten Gericht wurden zu einem Merkmal der westlichen Portale christlicher Kirchen. „Die menschliche Natur Jesu abzubilden verleugnet seine Göttlichkeit nicht.“, sagt Jorge César Sáenz Gómez und zeigt uns seine Arbeiten, die die heilige Familie nicht nur raus auf die Straßen von Havanna gebracht haben, sondern den prominentesten Familienvertreter unter Ihnen, Jesus selbst, mit einer spektakulären Arbeit in den Vatikan und später auf die Insel Lampedusa gebracht haben.

Jorge César Sáenz Gómez in der Berliner Living Gallery

“Ich wusste nicht, dass die Skulptur dem Papst geschenkt wird. Erst als ich mit der Arbeit fertig war, erfuhr ich, dass ihm diese beim anstehenden Papstbesuch auf Kuba als offizielles Geschenk überreicht wird”, erzählt uns Jorge während er mitten in der Berliner Living Gallery steht und eine weitere Holzfigur bearbeitet. Jorge ist ein Macher, ein Doer. Selbst während seiner Einzelausstellung in Berlin hört er nicht auf und arbeitet wie selbstverständlich in die Ausstellung weiter hinein. Mit einem Meißel in der Hand und Zigarillo im Mundwinkel schafft es Jorge, die elitäre Ausstellungswelt Berlins ein wenig zu verwirren, zu entschleunigen und irgendwie menschlicher zu machen. Kuba tut der Berliner Kunst gut.

Jorge César Sáenz Gómez, Quiero mi espacio

Klaus-Peter Frey und Bernhard Wolf sind die beiden Kenner, wenn es um kubanische Kunst in Berlin geht. Die beiden Galeristen haben sich in den letzten Jahren als absolute Kubaexperten etabliert und arbeiten über das klassische Rahmenwerk Galerist-Künstler hinaus. So ist auch Jorge Teil der Living Gallery geworden, indem er sie nicht nur als Ausstellungsraum genutzt hat, sondern in eine Living Werkstatt verwandelte. Ein paar Wochen lang war der Künstler in Deutschland und trotz oder gerade wegen seiner ruhigen Art wirbelte er das Ausstellungspublikum in Berlin und Leipzig auf. Bevor es wieder zurück auf die Insel geht, schafft Jorge scheinbar ganz nebenbei noch einige Arbeiten und verbindet  dabei diverse Komponenten miteinander: die Urban Art mit Contemporary, Christen mit Atheisten – Jorge vermenschlicht.

„Humildad y Paciencia“ auf der Monumenta in Leipzig 2018, Foto: Antoine Te

Er entfernt sich von der klassischen Christus Ikonographie und setzt seine Figuren in den Kontext unserer Zeit. Die Mutter mit dem Handy am Ohr, der Vater mit Hipsterbrille und Heiligenschein, das Christus Kind tobt mit einem Spielzeugauto umher: rudimentärer Stall war gestern, heute bilden sowohl Designergalerien als auch kubanische Strassen das Setting für die sakrale Szenerie. Eines seiner bedeutendsten Werke “Humildad y Paciencia” zeigt einen desillusionierten, nachdenklichen Jesus. Diese Arbeit konfrontiert den Betrachter mit seiner eigenen (Un-)Religiosität. Sie steht nicht versteckt in irgendeiner Kirchennische, wo sie außer der mit Rosenkranz betenden Großmutter niemand jemals zu Gesicht bekommt. Sie steht im öffentlichen Raum, und dieser ist in tropischen Gebieten wie Trinidad ein viel organischerer Ort als im kalten Europa. Das Leben spielt sich draußen ab, oder genauer gesagt, an der Schwelle zwischen Innen- und Außenraum. So sind auch die Arbeiten von Jorge Teil der Ausstellung des “Organischen Museums” in Havanna – einer Institution, die Kunstausstellungen buchstäblich entlang der Häuserreihen im Straßenraum Havannas organisiert. Die Unterscheidung zwischen “Street Art” und “klassischer Kunst” verwischt. Sie wird zur Betrachtersache und weniger zur Defnitionsfrage.

Jorge César Sáenz Gómez, Die heilige Familie auf der Straße von Havanna

“Diese Zwischenwelten finde ich spannend”, sagt Jorge. “Die Religiosität Kubas ist von ganz vielen Einfüssen geprägt. Es ist eine spirituelle Welt, in der hispanische und afrikanische Wurzeln zusammentreffen. So lässt sich auch das kreative Schaffen charakterisieren. Ich empfinde das Arbeiten draußen, sowie das Ausstellen im Straßenbereich als selbstverständlich. So gesehen ist auf Kuba meine Heiligenfamilie Urban Art, in Europa wird sie zu Fine Art. Diesen Defnitionsdrang gibt es tatsächlich aber hier viel stärker. Das ‚organische‘ und der Drang, dem Kreativen zu folgen finde ich auf Kuba intensiver.” Egal ob Kuba, Berlin oder Lampedusa, jeder dieser Orte ist eine von der Migration geprägte Insel, und Jorge ist in allen präsent. Dieses örtliche Interesse kann kein Zufall sein, sondern ist der natürliche Weg, den seine Arbeiten gefunden haben. So auch seine Christusfgur, die als Kubas Gastgeschenk für den Papst seinen Platz auf der Insel Lampedusa bekam. Jeder andere würde Fanfaren ausfahren, Jorge César Sáenz Gómez nimmt es aber ganz natürlich und ohne Selbstinszenierung hin.

Detail: Stigmata work-in-progress

In einer Welt, in der immer mehr Mauern gebaut werden – seien es Trumps Illusionen (die von Mexiko finanziert werden sollen) oder europäische Inselfestungen der Migration wie Lampedusa – ist es beeindruckend, den bescheidenen kubanischen Bildhauer in einer kleinen Galerie in Berlin beim Arbeiten zu beobachten. In einer von Demagogie geprägten Zeit schafft es Jorge diese Mauern mit Kunst zu durchbrechen – der einzig wahren non-verbalen Kommunikation.

WANN: Die Skulpturen von Jorge César Sáenz Gómez ist noch bis Ende des Jahres neben den Werken von Alain Fernández Ferreira in Berlin zu sehen. Mehr Infos hier.
WO: Living Gallery, Kollwitzstraße 53, 10405 Berlin.

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