Jenseits der Verstandesgrenze
Ola Vasiljeva bei Supportico Lopez

20. Juli 2017 • Text von

Ola Vasiljeva ist spontan, intuitiv und verweigert die Norm. Für ihre Kunst kommuniziert sie mit dem Jenseits und spricht mit Bäumen und Göttern. Sie liebt die staubige Luft des Theaters und die brennende Libido von Glas. Ein kleiner Einblick in eine tiefe, verträumte Persönlichkeit.

Ola Vasiljeva, „Gold Is the Metal With the Broadest Shoulders“ Installation view at Supportico Lopez, 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

Die verspielten Zeichnungen und eklektischen Skulpturen der holländischen Künstlerin stammen aus einem Universum, das nach seinen eigenen Regeln funktioniert – regiert von Unfug und Unsinn, unbegreifbar für den logischen Verstand des Fremden. Bereits die Repräsentation folgt ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit, Zeichnungen sind in Weiß auf Weiß auf riesigen Leinwänden festgehalten und in einen Käfig gesperrt, geschweißte Versionen davon fungieren als Raumteiler oder sie liegen einfach auf dem Boden. Die einzelnen Objekte repräsentieren Phantasiewesen oder deren Paraphernalien: Da gibt es den wilden Dieb, Cincinnatus C., den Sohn des Bären oder den freundlichen Häftling. Sie alle formen eine Gemeinschaft, in der Andersartigkeit willkommen ist, ohne dass man sie verstehen muss oder auch wirklich begreifen kann.

Gallerytalk.net: Deine Ausstellung bei Supportico Lopez adressiert eine unkonventionelle Vorstellung einer „Gemeinschaft“. Sie inkludiert unter anderem Außerweltliches und sprechende Tiere. Wie sieht deine persönliche Definition von Gemeinschaft aus?
Ola Vasiljeva: Mein eigenes Verständnis von Gemeinschaft ist ähnlich zu dessen ursprünglicher Bedeutung des Wortes als Form des Zusammenlebens in gegenseitiger Verbundenheit. In der westlichen Welt wird das Konzept jedoch meist von rigiden und strengen Tendenzen dominiert. Ich glaube aber, dass die Öffnung zu einer mythischen Perspektive uns davor bewahren kann, ständig zu versuchen, die Situation des Zusammenlebens aus Sicht einer linearen, statistischen Zeitschaltuhr anzugehen.

In der Anordnung der einzelnen Arbeiten im Raum scheint sich ein implizites Narrativ zu entfalten. Bilden die Werke zusammen vielleicht selbst eine Gemeinschaft?
Ich versuche, konkrete Erzählungen in meiner Arbeit zu vermeiden, lasse aber den Interpretationsspielraum dafür offen. Sehr schätze ich die Logik und Unlogik des Traums, eines solchen, der alles und jeden begrüßt und nichts in Frage stellt. Alle dürfen mit dabei sein: Der sprechende Bär, der Baum als Botschafter, die Landschaft, die dich als wildes Kind erträumt und alte, brotstehlende Götter. Die Rollen können einfach ausgetauscht werden, Raum und Zeit spielen keine Rolle. Der Traum ist aber auch eine Quelle, von der man lernen und in der man sich austauschen kann. Der rationale Verstand weißt viele Aspekte seiner unterbewussten Erfahrungen zurück oder versucht verzweifelt, sie zu entziffern oder entsprechend der Traumdeutung zu erklären. Der Stress über die Notwendigkeit zu erklären, zu kategorisieren, zurückzuweisen oder auszuschließen ist sehr einschränkend. Wenn ich also meine Arbeiten als Gemeinschaft erachte, dann ohne jegliche Anordnung.

Ola Vasiljeva, „Gold Is the Metal With the Broadest Shoulders“ Installation view at Supportico Lopez, 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

In früheren Ausstellungen hast du mit antipädagogischen Lernmethoden experimentiert. Dies ging mit einer Ablehnung und Verweigerung der klassischen Bildung einher. Ist diese Ausstellung nun die Manifestierung einer Negierung von Gesellschaft im wirtschaftlichen Sinne?
Ja, doch möchte ich das weniger kritisch als anregend durch alternative Spuren nach Außen tragen.

Kannst du uns ein wenig über die Arbeit „Alcohol Inky Cap“ erzählen? Diese Installation ist besonders faszinierend, da sie einen eigenen Mikrokosmos innerhalb der Ausstellung zu formen scheint.
Es handelt sich hierbei um einen Bartresen, in dessen Inneren sich eine kleine Parallelwelt befindet. Inky Cap ist die Bezeichnung eines herkömmlichen Speisepilzes. Dieser kann jedoch giftig wirken, wenn er in Verbindung mit Alkohol gebracht wird. Mir hat die Idee eine Höhle gefallen, in der sich die Dinge einfach entladen und ein wenig entgleisen dürfen. Auch ist die Barkonstruktion ein Ort, an dem Jenseitigkeit willkommen ist. Sie kann ihren Ballast beherbergen.

Ola Vasiljeva, Alcohol Inky Cap, 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

Was hat es mit dem Titel „Gold is the metal with the broadest shoulders“ auf sich?
Er ist einem Album der britischen Band COIL von 1987 entlehnt. Ich sehe ihn nicht als Tribut an Gold als Material von politischem, ökonomischen und spirituellem Wert. Vielmehr inspiriert mich die Vorstellung einer Substanz mit einem komplett eigenen Körper und Kosmos, jenseits der schwer belasteten, gängigen Assoziation davon.

Welche Bedeutung sprichst du dem Material, das du verwendest, demnach zu?
Ich habe definitiv eine besondere Beziehung zu einigen Materialien, die ich in der Produktion meiner Werke verwende – zum Beispiel Glas. Die Menge an Leidenschaft, Feuer, Wasser und intensiven Energien, die es während seiner Herstellung in sich aufnimmt, machen es in meinen Augen zu einem absolut magischen Stoff. Wenn Gold die breitesten Schultern hat, dann hat Glas wahrscheinlich die stärkste Libido. Ich empfinde eine alchemistische Bewunderung für meine Rohstoffe. Andererseits arbeite ich aber auch gerne mit Fundstücken oder bereits verwendeten Materialien. Mit solchen, die bereits ihre eigene bescheidene Existenz führen und deren Zweck schon einmal bestimmt wurde.

Ola Vasiljeva, Cincinnatus C., 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

Im Zusammenhang mit deinen Arbeiten wird oft das Wort „prop“ – Requisite – verwendet. Ziehst du Inspiration aus Theater oder Film?
Ich würde sagen, dass ich mich eher von der Theaterwelt inspirieren lasse, als von dem Theater als Produktionsstätte. Wenn wir von Szenografie und Bühne sprechen, dann sind meine liebsten Momente die Intermission, die Hinterbühne, das Vestibül, der Gang, das Libretto, der Vorhang, das Kostüm, der Staub. Nicht das Stück selbst, weder die gesamte Aufmachung noch der einzelne Akt oder die Schauspieler, sondern das, was dazu führt und danach davon übrigbleibt. Während eines Theaterstücks interessiert mich vielmehr die Erfahrung der Sinne: der Geruch oder die Form der Stühle, das Licht oder die unordentliche Hinterbühne. Wenn ich ein Projekt angehe, tendiere ich dazu, ein Setting zu kreieren, in dem nicht der Raum das Ereignis oder Stück aufnimmt, sondern in dem das Happening von dem Raum eingefordert wird. Während der Pause ist die Lust noch immer schwanger von dem Stück, doch die Bühne trägt nur noch Spuren privater und suggestiver Referenzen. Diese Lust liebe ich.

Obwohl du mit unterschiedlichsten Medien und Materialien spielst, kommt deine eigene markante Handschrift immer wieder in Form von verspielten Zeichnungen zum Vorschein. Sie lassen sich in der ein oder anderen Form in den meisten deiner Arbeiten finden. Welche Rolle spielen sie in deiner künstlerischen Praxis als solchen?
Ich trenne die Zeichnung nicht wirklich von Skulptur oder jeglicher anderen Technik, die ich verwende. Ich sehe sie als einen von vielen Wegen, die meine Arbeit beschreitet. Eine Zeichnung kann für mich dieselbe Idee ausdrücken wie eine Keramik oder gar ein Fundstück oder Gedicht. Aber ich habe große Freude an ihrer Spontanität.

Ihr Stil ist aber dennoch sehr spezifisch.
Ja, meine Handschrift trägt ihre Wurzeln in meiner Affinität zur Karikatur, zu satirischen und kryptischen Illustrationen und kodierter Sprache.

Ola Vasiljeva, O‘ Clock, 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

Deine Arbeit ist ebenfalls kodiert, sie weigert sich jeglicher Definition oder Kategorisierung. Sie ist verträumt, regt die Fantasie an und ist im Wesentlichen anti-rational. Dennoch lässt sich eine subtile aber bestimmte Kritik an der sozial konfigurierten „Norm“ erkennen …
Die Idee von einer Norm ist einfach extrem limitierend, und es ist sehr traurig, ihren Triumph bezeugen zu müssen.

Wenn du also in deiner Arbeit so kohärent das Absurde und Unlogische zelebrierst, wie befreist du dich von deiner Vernunft, um produzieren zu können?
Ich arbeite sehr spontan, gewöhnlich habe ich eine Thematik im Kopf – eine Idee oder Empfindlichkeit, die ich gerne manifestieren würde. Aber die Produktion und Installation in ihrer Gesamtheit geschieht meist an Ort und Stelle. Ich lasse mich auf den Raum oder die Situation ein und kann mich dabei voll und ganz auf meine Intuition verlassen. Im Grunde genommen ist sie für meine gesamte Arbeit verantwortlich.

Ola Vasiljeva, The Feral Thief, 2017, Courtesy of the artist and Supportico Lopez, Berlin, Photo: Linda Fuchs.

WANN: Die Ausstellung „Gold is the metal with the broadest shoulders“ von Ola Vasiljeva läuft noch bis zum 29. Juli 2017. Nichts wie hin!
WO: Supportico Lopez, Kurfürstenstraße 14b, 10785 Berlin.

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