Von Tieren, Menschen und Systemen
Jahresausstellung 2025 der AdBK München

28. Juli 2025 • Text von

Vollgehängte Wände und ungemein viel Kunst. In der Jahresausstellung 2025 der Akademie der Bildenden Künste präsentieren Studierende aller Semester aktuelle Arbeiten und geben Einblicke in ihre künstlerische Prozesse. Zu sehen sind zahlreiche Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation, Performance, Fotografie, Video, Sound und Architektur. Das sind unsere Highlights.

AdBK Jahresausstellung 2025, Ausstellungsansicht: In der Wüste trinken Tiere Nebel, Klasse Tröger, Foto:  Stephanie Rössing.

Unter den Schuhen knirscht es, sobald die Räume der Klasse Tröger in der Akademie der Bildenden Künste München betreten werden und das gehäutete Kuscheltier von Ilka Sander auftaucht, das sich obendrein robotisch bewegt. Die Studierenden untersuchen in ihrer Präsentation Prozesse der Domestizierung, der Vermenschlichung und der Eingriffe ins Lebendige. Die Ausstellung, die ein schlüssig kuratiertes Projekt ist, fungiert als Reflexionsraum für Fragen der Anpassung, des Überlebens und der Umcodierung von Natur in Kultur. Tiere treten hier als Träger von Projektionsflächen, als Objekte der Kontrolle oder als Träger von Identität auf.

AdBK Jahresausstellung 2025: Klasse Pirici, Ausstellungsansicht: Lee Kern, Stephanie Rössing, Barbara Karrer; Foto Stephanie Rössing.

In der Klasse von Alexandra Pirici kann man sich einmieten. Auf www.akabnb.de werden Slots für ein Apartment angeboten, das in den Klassenräumen installiert ist. Im und um das Apartment herum sind Arbeiten von Nena Cermak, Noah Thalia Schoeller, Stephanie Rössing, Carla Vollmers zu sehen. Was vielleicht wie ein lustiger Kniff wirkt, bezieht sich aber auf systemische Probleme in der Struktur der Kunst. Der anhaltende Rückzug der öffentlichen Hand als Garant für Unterstützung für Bildung und Kultur zwingt die Akteur*innen zu marktfundamentalistischen und gewinnorientierten Modellen und Denkweisen. Öffentlich zugänglicher Raum wird zu einem quasi-privaten Raum, der nur nach vorheriger Buchung und Bezahlung betreten werden darf.

AdBK Jahresausstellung 2025, Ausstellungsansicht, Klasse Doberauer, Foto Stephanie Rössing.

Eine überlebensgroße Frauenfigur dominiert die Räume der Klasse Anke Doberauer. Die Figur von Panni Somody, mit einer Krone verziert, hängt von der Decke wie ein überdimensioniertes Hampelprinzesschen mit haarigen Beinen. Die Arbeit changiert zwischen fröhlichem Spielzeug und bedrohlichem Monster. Die übrigen Arbeiten sind in ein grün gefärbtes Environment eingebettet, das Gemeinschaftsprojekt bezieht sich auf das Kinderbuch “The Last Man Alive” des schottischen Schriftstellers und Pädagogen A. S. Neill, das 1938 erschien und 1971 unter dem Titel “Die grüne Wolke” in Deutschland veröffentlicht wurde. Die dystopische Erzählung skizziert den Versuch, eine neue, autonome Gesellschaftsordnung zu etablieren.

Li: Chuyun Meng, Sweyfossilis, 2025; Re: Jiwon Song: Daughter is reborn on mother’s tears, 2025. Courtesy the artists.

Ebenfalls als Produkt eines gemeinschaftlich durchlebten Gestaltungsprozesses ist die diesjährige Jahresausstellung der Klasse Christian Ertel zu verstehen. Unter dem berühmten Zitat “I would prefer not to” von Herman Melvilles Bartleby ist ein raumgreifendes All-over aus Grafiken im einheitlichen Plakatformat entstanden, ein Raum wurde aktiv bespielt, in reduzierter Form, mit zeichnerischen Setzungen direkt auf den weiß belassenen Wänden. Kollektive Praxis soll hier nicht als einheitliche Form, sondern als vielstimmiger Prozess materialisiert werden. Das funktioniert recht gut, die einzelnen Arbeiten ergänzen einander und bleiben doch autark.

Jahresausstellung 2025 -Janis Strobl: SSZ-Typ Kenn-Nummer RL 3 42 143.

Neben den Ausstellungen gibt es auch Performances und Führungen. Aus dem Seminar “(Un)Sichtbare Akademiegeschichten” ist ein Rundgang entstanden, bei dem an verschiedenen Stationen Ausschnitte der Akademiegeschichte vorgestellt werden. Unter anderem Aspekte zur Baugeschichte und Nutzung der Akademiegebäude sowie der Gartenanlagen werden thematisiert, was im Rahmen der 68er-Proteste an der Akademie passierte und welche Spuren aus der Zeit des Nationalsozialismus noch oder nicht mehr zu finden sind. Der Rundgang wird geleitet von Studierenden und einem Dozenten der Akademie und dauert etwa eine Stunde. Er findet am 30. und 31. Juli statt, Treffpunkt ist jeweils um 16 Uhr am Fuß der Haupttreppe vor dem Altbau.

WANN: Noch zu sehen bis Sonntag, den 3. August.
WO: Akademie der Bildenden Künste, Akademiestraße 2-4, 80799 München.

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