Ist da jemand? #5
Nicholas Warburg

27. April 2020 • Text von

Quarantäne im 5-Sterne-Hotel – man kann es schlechter treffen. Nicholas Warburg wurde positiv auf Corona getestet. Seine neue Werkserie ist in einer Suite mit Room Service entstanden. Mit gallerytalk.net spricht er über Kunst im Kommunismus und Freude am Tischtennis.

Eine Zeichnung aus der Reihe "Notizen aus der Edelquarantäne" von Künstler Nicholas Warburg. Auf einem Blatt vom Zettelblock des Hotels Frankfurter Hof steht geschrieben: "Weshalb seid ihr alle so stolz dasselbe zu sagen?".

Nicholas Warburg „Notizen aus der Edelquarantäne“, Finelinder and acrylic on paper, 15 x 10 cm. Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Bist du gerade allein?
Nicholas Warburg: Nein, nicht mehr. Ich bin gerade viel in Gesellschaft einer kleineren Gruppe von postinfizierten Freunden. Es wird getrunken, gelacht und getanzt. Wir kosten ein bisschen den Rausch des Epochalen aus und schauen alle hoffnungsfroh in die Zukunft, wie es sich für naive, linke Zweckoptimist*innen gehört.

Bist du gerade kreativ?
Ja. Gerade neulich kam mir folgender Gedanke: Laut dem vor drei Jahren verstorbenen Kulturwissenschaftler Mark Fisher leben wir in einer Zeit, in der Kapitalismus zu einem naturgegebenen Umstand geworden ist, zu dem wir uns gar keine Alternative mehr vorstellen können. Das Ende der Geschichte ist also eingetroffen. Dies führe unter anderem dazu, dass auch in der Kunst nur noch spukhafte Wiederkehr stattfindet, nichts Neues mehr entsteht. Das beobachtet Fisher vor allem anhand der 80er-Retro-Strömungen. So weit, so schlecht.

Eine Zeichnung aus der Reihe "Notizen aus der Edelquarantäne" von Künstler Nicholas Warburg. Auf einem Blatt vom Zettelblock des Hotels Frankfurter Hof ist die Skyline von Frankfurt am Main aufgemalt.

Nicholas Warburg „Notizen aus der Edelquarantäne“, Finelinder and acrylic on paper, 15 x 10 cm. Courtesy of the artist.

Aber stimmt es denn, was Fisher sagt?
Selbst wenn ich mir eine befreite Gesellschaft und Kommunismus vorstelle, eine Gesellschaft, in der die großen Auseinandersetzungen der Geschichte – also vor allem die klassenmäßigen – aufgehört haben, in der sich lediglich der Kampf des Menschen mit der Natur sowie ein konstruktiver Meinungsstreit unter freien Individuen fortsetzen: Wie soll dann die kommunistische Kunst gegen die heutige ankommen?

Wie meinst du das?
Wie sollen zum Beispiel sachliche Auseinandersetzungen über weitsichtige ökologische Planungen je mit Sujets wie Krise, Krieg, Völkermord oder Revolution konkurrieren? Gibt es ein gutes Kunstwerk ohne Konflikt? Können dann nur noch Geschichten im Präteritum erzählt werden? Wenn der Kommunismus, wie Marx sagt, das aufgelöste Rätsel der Geschichte ist, dann sind Krisen, Kriege und so weiter doch nur mehr schaurig-schöne Märchen aus der Vorgeschichte. Wir stehen als Künstler*innen also hypothetisch vor der Wahl: Kapitalistischer Realismus oder sozialistisches Kunsthandwerk? Beziehungsweise, würden wir lieber in einer Gesellschaft ohne Krieg oder in einer Gesellschaft ohne Kunst leben?

Eine Zeichnung aus der Reihe "Notizen aus der Edelquarantäne" von Künstler Nicholas Warburg. Auf einem Blatt vom Zettelblock des Hotels Frankfurter Hof steht geschrieben: "Notizen aus der Edelquarantäne".

Nicholas Warburg „Notizen aus der Edelquarantäne“, Finelinder and acrylic on paper, 15 x 10 cm. Courtesy of the artist.

Viele nörgeln mittlerweile lautstark über die Isolation, du sendest mit einer neuen Werkserie „Notizen aus der Edelquarantäne“. Wie kann ich mir die vorstellen?
Die Edelquarantäne kannst du dir wortwörtlich vorstellen. Meine Tante, die nicht in Deutschland lebt, musste kurzfristig wegen Corona ihren Flug nach Frankfurt stornieren. Ihre Buchung im Frankfurter Hof hat sie netterweise auf meinen Namen geändert. Also habe ich da zwei Tage gechillt. Dann bekam ich einen Anruf von einer Freundin, mit der ich kurz vorher noch zusammen war und die positiv auf Corona getestet wurde. Also habe ich mich auch testen lassen – mit dem gleichen Ergebnis.

Zurück in deine Wohnung musstest du nicht?
Ich habe gegenüber den Leuten vom Frankfurter Hof so getan, als hätte ich hier keine andere Unterkunft und so war ich am Ende zwei Wochen dort, ohne etwas zu bezahlen. In einer Suite mit Room Service. Alles kontaktlos natürlich. Ich habe ein bisschen gelesen und viel richtiges Fernsehen geguckt. Das war fast das Exotischste an der ganzen Situation. Und ich habe natürlich auch viel Insta geguckt und so sind die Zeichnungen alle sehr direkt und ohne große Umwege entstanden, einfach Reaktionen und Momentaufnahmen.

Nicholas Warburg „Notizen aus der Edelquarantäne“, Finelinder and acrylic on paper, 15 x 10 cm. Courtesy of the artist.

Mittlerweile hat ein großes Boulevard-Blatt über deine „Edelquarantäne“ berichtet und die ganze Aktion hat ordentlich Aufmerksamkeit erfahren. Hat sich Steigenberger schon beschwert?
Nein. Aber der Frankfurter Hof hat bei Christian Kölbl angerufen, der meine Serie gerade in seiner Instagram-Galerie CK_OffSpace zeigt. Es haben sich wohl schon mehrere Stammgäste beschwert, dass sie nicht umsonst in dem Hotel wohnen dürfen.

Was macht dich im Moment glücklich?
Wir haben hier eine Tischtennisplatte in unserer WG und spielen viel Rundlauf. Das erinnert mich an die großen Pausen in der Grundschule und ans Freibad.

Worauf freust du dich?
Ich habe mir heute Morgen bei Amazon einen Tischtennisschläger aus Carbon bestellt. Ich hoffe, er kommt bald an.

Die „Notizen aus der Edelquarantäne“ sind bis Samstag, den 9. Mai, im Rahmen der „Vermissage“ im Frankfurter CK_OffSpace zu sehen. Mehr von Nicholas Warburg gibt es zum Beispiel auf seinem Instagram-Account. Wir haben übrigens schon einmal mit ihm gesprochen, und zwar über seine Ausstellung „BRDigung“ in der Galerie Anton Janizewski.

Wir gehen nicht raus, bleiben ganz bei uns – so sehr, dass wir uns manchmal eine Runde zu viel um uns selbst drehen. Deswegen horchen wir nach, was draußen so los ist. In unserer Interview-Serie „Ist da jemand?“ sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeit die Gegenwart auf berührende Weise kommentieren.

Ist da jemand? #1 – Milen Till
Ist da jemand? #2 – Esther Zahel und Peter Feermann
Ist da jemand? #3 – Maximilian Arnold
Ist da jemand? #4 – Jess Goehring