Ist da jemand? #8
Lucy Bryant

8. Mai 2020 • Text von

Porzellanfiguren wirken selbst säuberlichst poliert immer auch etwas angestaubt. Doch die von Lucy Bryant sind eine Ausnahme. Die britische Künstlerin kleidet Kitsch ins Gewand alltäglicher Gegenwart. Mit gallerytalk.net spricht die britische Künstlerin über die Angst vor Lebensmittelengpässen und Straußen-Steak als Grundnahrungsmittel.

Zwei Porzellanfiguren der Künstlerin Lucy Bryant. Beide tragen Einkäufe und Masken.

Lucy Bryant: „Miss Selfish“. Courtesy of the artist. // Lucy Bryant: „Selfish Sally“. Courtesy of the artist.

gallerytalk.net: Bist du gerade allein?
Lucy Bryant: Nein, ich bin mit meinem Mann Jason und meiner Tochter Ava in Selbst-Isolation.

Bist du gerade kreativ?
Ja! Bis jetzt habe ich die Umstände als wahnsinnig inspirierend empfunden. Ich wache jeden Tag mit neuen Ideen auf. Natürlich erlebe ich auch lethargische Momente. Dann will ich einfach nur sitzen und bei einer Tasse Tee grübeln. Im Großen und Ganzen nutze ich die Zeit, um so viel kreativ zu arbeiten wie möglich – ich entwerfe Teller, mache Keramikfiguren oder lasse mir neue Konzepte für die Messen einfallen, die hoffentlich später im Verlauf des Jahres stattfinden.

Du versiehst kitschige Porzellanfiguren mit Attributen der Gegenwartskultur. Deine Charaktere tragen Hoodies, schauen „Game of Thrones“ – und jetzt gerade müssen Sie wie wir auch auf die Einschränkungen in Zusammenhang mit dem Coronavirus reagieren. Wie zeigt sich das?
Die Figuren tragen Masken und haben Klopapier dabei. Mich inspirieren bei meiner Arbeit immer alltägliche Situationen. Deswegen wollte ich auch unbedingt auf COVID-19 Bezug nehmen und darauf, wie das Virus unseren Alltag bestimmt. Am Anfang hat mich die Situation sehr verängstigt und auch wütend gemacht. Deswegen habe ich eine Figur angefertigt, die einen Hamsterkauf getätigt hat. Das sollte illustrieren, wie selbstsüchtig wir Menschen sind. Mittlerweile hat sich die Anfangspanik ja aber etwas gelegt. Andere Figuren von mir arbeiten zum Beispiel im Homeoffice, schauen Netflix oder singen Karaoke. Eine Figur war Grundnahrungsmittel einkaufen. Bei ihr habe ich mir einen Spaß erlaubt. Wer genau hinschaut, erkennt, dass sie nicht nur Brot und Milch, sondern auch Beluga-Kaviar, Straußen-Steak und Alpaka-Käse erworben hat.

Zwei Porzellanfiguren der Künstlerin Lucy Bryant. Eine präsentiert ihre Einkäufe, sie trägt eine Maske. Die andere schaut Pornos.

Lucy Bryant: „Essentials“. Courtesy of the artist. // Lucy Bryant: „Self Isolation“. Courtesy of the artist.

Was macht dich im Moment glücklich?
Es sind die einfachen Dinge, oder? In unserem Sainsbury’s gibt es seit letzter Woche wieder Mehl. Wir hatten Glück und konnten eine Packung ergattern, also habe ich einen „Boozy Fruitcake“ (Kuchen mit kandierten Früchten; Anm. d. Red.) gebacken, von dem ich seitdem jeden Tag ein Stück esse. Wir haben außerdem einen kleinen Garten. Draußen in der Sonne zu sitzen, macht mich gerade glücklicher als alles andere vor dem Lockdown! Und tatsächlich macht es mich glücklich, etwas zu erschaffen. Sobald ich an einer neuen Figur arbeite, fühle ich, wie mein Blutdruck sich senkt. Ich liebe es!

Worauf freust du dich?
Selbstverständlich auf meine Freunde und den Rest meiner Familie. Aber vor allem auch darauf, wieder einfach in einen Zug oder einen Bus zu steigen – sei es nur, um einen Kaffee trinken zu gehen. Langsam wird der Alltag doch sehr monoton.

Mehr von Lucy Bryant gibt es auf ihrer Website.

Wir gehen nicht raus, bleiben ganz bei uns – so sehr, dass wir uns manchmal eine Runde zu viel um uns selbst drehen. Deswegen horchen wir nach, was draußen so los ist. In unserer Interview-Serie „Ist da jemand?“ sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeit die Gegenwart auf berührende Weise kommentieren.

Ist da jemand? #1 – Milen Till
Ist da jemand? #2 – Esther Zahel und Peter Feermann
Ist da jemand? #3 – Maximilian Arnold
Ist da jemand? #4 – Jess Goehring
Ist da jemand? #5 – Nicholas Warburg
Ist da jemand? #6 – Rose Eken
Ist da jemand? #7 – Berkay Tuncay