Ist da jemand? #7
Berkay Tuncay

4. Mai 2020 • Text von

Alle Fenster sind geputzt, alle alten Freunde abtelefoniert, alle Bücher gelesen. Es ist nichts zu tun – jedenfalls kann einem das dieser Tage schon mal so vorkommen. Der türkische Künstler Berkay Tuncay hat eine Theorie, wieso wir diesen Zustand nicht genießen können.

Installationsansicht der Ausstellung von Berkay Tuncay im Sanatorium Istanbul. Auf der Wand ist eine "To-Do Liste" aufgemalt, darauf steht "Nothing" und das ist bereits durchgestrichen.

Berkay Tuncay: „To-Do List: Nothing“, 2020, Egg tempera, charcoal, spit and blow painting technique, 225 x 280 cm. exhibition view, Sanatorium, Istanbul.

gallerytalk.net: Bist du gerade allein?
Ich wohne seit Anfang der Quarantäne mit meiner Freundin zusammen.

Bist du gerade kreativ?
Es ist eine Herausforderung. Oft fühle ich mich hoffnungsvoll und kreativ, dann wieder stresst mich die Angst, die die ganze Welt aufgrund des Coronavirus ergriffen hat. Ich bin dann abgelenkt und mache mir Sorgen.

Deine Ausstellung im Sanatorium in Istanbul ist für den Moment geschlossen. Dort ist eine Arbeit zu sehen, von der sich viele angesprochen fühlen dürften: Es ist eine To-Do-Liste von immensem Ausmaß, darauf steht „nothing“ – und selbst das ist schon erledigt. Was steckt dahinter?
Ich möchte mit der Arbeit Lust am Nichtstun betonen. In unserem kapitalistischen System ist es fast unmöglich, diese Lust zu empfinden. „To-do List: Nothing“ ist Teil einer Serie, die auf meiner Auseinandersetzung mit Denkströmungen des vergangenen Jahrhunderts basiert – zum Beispiel Nihilismus, Existentialismus und Absurdismus. Mein Zugang zu den Inhalten erfolgt über Memes. In Memes werden Parodie, Imitation und Wirklichkeit komplett miteinander vermischt. Sie sind wie eine neue Sprache, sie vermitteln Wissen und kulturelle Stabilität. In der Hinsicht sind sie Höhlenmalerei gar nicht unähnlich.

Installationsansicht der Ausstellung "Human, how strange, so vulgar, such a masterpiece and yet so primitive" von Berkay Tuncay im Sanatorium Istanbul.

Berkay Tuncay: „Human, how strange, so vulgar, such a masterpiece and yet so primitive“, Exhibition view, 2020, Sanatorium, Istanbul.

Wie bitte? Das musst du erklären!
In Memes wie in Höhlenmalerei kommt das menschliche Bedürfnis nach kultureller Kontinuität zum Ausdruck. Um die Verbindung deutlich zu machen habe ich die Memes für „Human, how strange, so vulgar, such a masterpiece and yet so primitive“ mit Holzkohle und Tempera-Technik auf die Wände der Galerie übertragen. Ich habe die Farbe durch einen Strohhalm gepustet, so wie das die ersten Künstler*innen vor 40.000 Jahren mit ihren Handschablonen gemacht haben.

Was macht dich im Moment glücklich?
Der erste Schluck Kaffee am Morgen – und wenn es mir gelingt, mich auf ein paar Seiten Lektüre zu konzentrieren.

Worauf freust du dich?
Ich freue mich wahnsinnig darauf, die Menschen, die ich liebe, zu umarmen und zu küssen, wenn das hier alles vorbei ist.

Mehr von Berkay Tuncay gibt es auf seiner Website.

Wir gehen nicht raus, bleiben ganz bei uns – so sehr, dass wir uns manchmal eine Runde zu viel um uns selbst drehen. Deswegen horchen wir nach, was draußen so los ist. In unserer Interview-Serie „Ist da jemand?“ sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeit die Gegenwart auf berührende Weise kommentieren.

Ist da jemand? #1 – Milen Till
Ist da jemand? #2 – Esther Zahel und Peter Feermann
Ist da jemand? #3 – Maximilian Arnold
Ist da jemand? #4 – Jess Goehring
Ist da jemand? #5 – Nicholas Warburg
Ist da jemand? #6 – Rose Eken

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