Institution als Readymade
Iris Touliatou im Kunstverein München

2. Oktober 2025 • Text von

Mit “Shifts” verwandelt Iris Touliatou den Kunstverein München zu einem Ort institutioneller Selbst-Reflexion. Ihre Ausstellung untersucht die Infrastrukturen und Abhängigkeiten, die kulturelle Produktion ermöglichen und bedingen. Präzise und subtil zeigt Touliatou, wie Kunst zur Reflexion über Arbeit, Öffentlichkeit und die eigenen Verstrickungen wird. Die Einzelausstellung ist die bislang umfangreichste der Künstlerin in Deutschland.

Installationsansicht: Iris Touliatou, Exhibition copy (sublet, 13.09.2025), 2025, Konfetti, 7 Konfettituben, Zuckerpäckchen, Glocke, Papierkarten, Schürzen, Abfälle, Maße nicht verhandelt; Exhibition copy (bad cover), 2025, Holz, Metall, verschiedene Spenderinnen und Leihgeberinnen (Bayerische Schlösserverwaltung, Schloss- und Gartenverwaltung Nymphenburg, Residenzverwaltung München, Haus der Kunst München, Rathausgalerie), 1300 x 73 x 400 cm. In: Shifts, Kunstverein München, 2025; Foto: Sebastian Kissel.

Den Hauptraum des Kunstvereins dominiert eine großformatige Installation, die wie ein enormer Paravent wirkt. Auf der einen Seite dieser doppelseitigen Wand ergeben die Holzleisten der verwitterten Paneele ein dynamisches Muster, die andere Seite besteht aus Wandmodulen, die zu einem Ausstellungsdisplay zusammengefügt wurden, das jedoch unbespielt bleibt. In der Arbeit verbindet Iris Touliatou diese zwei Trägersysteme aus unterschiedlichen institutionellen Kontexten. Die ausrangierten Holzpaneele dienten ursprünglich als Winterabdeckungen für Skulpturen und Brunnen im öffentlichen Raum Münchens.

In einem komplexen und langwierigen bürokratischen Verfahren hat die Künstlerin mit dem Staatlichen Bauamt sowie mit der Bayerischen Schlösserverwaltung, die als rechtliche Eigentümerin der Paneele dem Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat unterstellt ist, korrespondiert und schließlich die Erlaubnis bekommen, diese Paneele auszustellen. Im Ausstellungsraum werden diese Abdeckungen für Skulpturen nun selbst zur Skulptur, das öffentliche Gebrauchsmaterial wird zum Readymade. Zudem ist die Bayerische Schlösserverwaltung gleichzeitig auch die Vermieterin der Institution Kunstverein. Der Kunstverein München ist als gemeinnütziger Verein eingebunden in ein Geflecht aus staatlicher Förderung, städtischen Zuschüssen und Abhängigkeiten vom Bayerischen Staat. Alles ist mit allem verwoben.

Installationsansicht: Iris Touliatou, Exhibition copy (sublet, 13.09.2025), 2025, Konfetti, 7 Konfettituben, Zuckerpäckchen, Glocke, Papierkarten, Schürzen, Abfälle, Maße nicht verhandelt; Exhibition copy (bad cover), 2025, Holz, Metall, verschiedene Spenderinnen und Leihgeberinnen (Bayerische Schlösserverwaltung, Schloss- und Gartenverwaltung Nymphenburg, Residenzverwaltung München, Haus der Kunst München, Rathausgalerie), 1300 x 73 x 400 cm. In: Shifts, Kunstverein München, 2025; Foto: Sebastian Kissel.

Touliatou legt offen, wie Besitz, Infrastruktur und kultureller Wert über Verwaltungsakte verhandelt werden und zeigt eindrucksvoll, dass auch kulturelle Institutionen keine neutralen Orte sind, sondern in einem Gefüge von Regeln, Abhängigkeiten und Verbindungen agieren. Für die gesamte Ausstellung nimmt Iris Touliatou Bezug auf die räumlichen, administrativen und sprachlichen Gegebenheiten und Prozesse, die mit dem Ausstellungsort Kunstverein zusammenhängen, die Institution ist dabei sowohl Hintergrund, wie auch Material.

Man kann Touliatous künstlerischen Ansatz in der Tradition der Institutionskritik sehen, bei der die Funktionsweisen, Hierarchien und Machtverhältnisse kultureller Apparate künstlerisch analysiert, offengelegt und verarbeitet werden. Doch wo andere Künstler*innen oft konfrontativ gegen die Institution gerichtet waren, verfolgt Touliatou eine eher dialogische Strategie. Sie bezieht Akteur*innen, Routinen und bürokratische Verfahren mit ein und zeigt die Institution als dynamisches Beziehungsgeflecht, das in Echtzeit neu ausgehandelt wird.  Der Kunstverein ist nicht lediglich Gastgeber, sondern zugleich Gegenstand und Material der Ausstellung.

Installationsansicht: Iris Touliatou, Exhibition copy (private opening, 17.09.2025, 7–9 pm), 2025, 300 Fotografien, Digitaldruck über Nacht auf Hochglanzpapier, Museumsglas, 7-teilig, jeweils 29,7 x 42 cm; Fotos: Hanno Dreyer. In: Shifts, Kunstverein München, 2025; Foto: Sebastian Kissel.

Diesen Feedbackloop nutzt auch eine im Treppensaal gezeigte Foto-Installation. Die Künstlerin lud vor der eigentlichen Eröffnung zu einer Preview-Veranstaltung. Statt wie sonst üblich nur die Fördermitglieder, waren zu diesem Anlass alle Mitglieder des Kunstvereins sowie Freunde und Familien eingeladen. Nach einem von der Künstlerin vorgegebenen Verfahren entstanden 300 Fotos dieser geschlossenen Veranstaltung, die auf Kontaktabzügen zusammengestellt und am nächsten Morgen – vor der offiziellen Eröffnung – im Ausstellungsraum installiert wurden. Auch diese Arbeit stellt Fragen bezüglich der gesellschaftlichen Verortung der zutiefst bürgerlichen Institution Kunstverein und der Mitglieder aber auch generelle Fragen bezüglich der exklusiven Natur des Kunstbetriebs und dessen Finanzierung.

Installationsansicht: Iris Touliatou, Exhibition copy (black), 2025, Möbeltausch, Geldbörse, Maße und Positionen variabel. In: Shifts, Kunstverein München, 2025; Foto: Sebastian Kissel.

Im letzten Raum des Kunstvereins wiederum nutzt Touliatou Strategien der Inklusion und Aneignung. Sie bindet das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kunstverein befindliche Deutsche Theatermuseum ein, doppelt und spiegelt es. Dessen aktuelle Ausstellung “making THEATRE” wird dabei selbst zum Readymade, das die Künstlerin in ihre eigene Ausstellung aufnimmt. Unter dem Titel the “doublecast scene”, ein Theaterbegriff, der beschreibt, wenn eine Rolle doppelt besetzt wird oder ein*e Schauspieler*in zwei Rollen gleichzeitig spielt, wird das Theatermuseum in die Räume des Kunstvereins erweitert, durch subtile Eingriffe, platzierte Möbel, Gastveranstaltungen oder appropriierte Drucksachen, wird die Identität und Ökonomie des Kunstverein München mit der des Theatermuseums gekoppelt. So vermengen sich die beiden Ausstellungen über gemeinsame Infrastrukturen wie Display, Gestaltung oder Tickets: Die Ausstellung “making THEATRE” wird zu einer ausgestellten Arbeit, die Kombi-Eintrittskarte, die Zugang zu beiden Institutionen erlaubt, wird zum Beleg dieser temporalen Verschränkung.

Installationsansicht: Iris Touliatou, Exhibition copy (tickets), 2025, 1073 gefälschte Tickets, Digitaldruck auf Standardpapier, Schublade, 22 x 19,8 x 10,7 cm. In: Shifts, Kunstverein München, 2025; Foto: Sebastian Kissel.

Die Ausstellung “Shifts” kombiniert mehrschichtige, subtile Arbeiten zu einem komplexen Gefüge, das dennoch auch eine sinnliche und poetische Dimension hat. Die Arbeiten basieren auf konzeptionellen Annahmen und reflektieren Prozesse der kulturellen Produktion, Präsentation und Rezeption. Als letzte Ausstellung des aktuellen Teams im Kunstverein München lassen sich Touliatous Arbeiten auch als kollektive Selbstreflexion begreifen: ein Innehalten, das die eigene Institution nicht nur analysiert, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt dokumentiert. Inmitten eines Prozesses der Transformation, in der neue Schwerpunkte gesetzt werden, markiert “Shifts” den Übergang – nicht als Abschluss, sondern als bewusste Anatomie. Touliatou inszeniert die Institution im Moment der Veränderung und zeigt, dass auch ihre Kritik selbst Teil der Kontinuität und des Wandels ist.

WANN: Die Ausstellung “Shifts” ist noch bis Sonntag, den 23. November zu sehen.
WO: Kunstverein München, Galeriestraße 4, 80539 München.

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