Der weibliche Körper als Erfahrung
Die Fantasien der Madeleine Roger-Lacan

27. Mai 2020 • Text von

Sexuelle Sehnsüchte, unbewusste Begierden und alltägliche Absurditäten mischen sich in ihren fantastischen Bildwelten zu obskuren Szenerien. Die Malerin Madeleine Roger-Lacan stellt die Komplexität menschlichen Verlangens und ihren weiblichen Körper Objekten der Populärkultur gegenüber und schafft damit einen spannenden Dialog in ihrem Oeuvre. Mit gallerytalk.net sprach die Künstlerin über Unberechenbarkeit, Francis Bacon und die Symboltracht der schwarzen Katze.

La femme montagne, Öl auf Leinwand, © Madeleine Roger-Lacan.

gallerytalk.net: Madeleine, in deiner figurativen Malerei kommen diverse Einflüsse zusammen. Neben der Farbe verwendest du Elemente wie Sprache und Schrift. Deine Bilder sind außerdem sehr detailreich. In Gemälden wie „Double P for Monster Woman“ könnte ich mich regelrecht verlieren. Das überdimensionale Monster oder auch Frau, die nach dem Rotwein greift und deren Stöckelschuh sich gleichzeitig in den Beinen des rechten Barhockers verhakt, finde ich herrlich. Gleichzeitig wird die Szene durch die beiden Männer mit den Erektionen regelrecht sexualisiert. Um was geht’s bei „Monster Woman“?
Madeleine Roger-Lacan: „Monster Woman“ ist die Darstellung einer Fantasie. Eine Komposition, die mir im Traum gekommen ist. Zwei Männer diskutieren in einem Café und haben gleichzeitig eine Erektion. Sie sind nicht homosexuell, es ist allein der Ausbruch von Sexualität in einer banalen Szene. Ich neige oft dazu, die Welt um mich herum zu sexualisieren. In diesem Bild drängt sich „Monster Woman“ einfach auf, indem sie sich auf die beiden Männer setzt. Im Prinzip ist es die Verbildlichung von Begierde. „Monster Woman“ besteht aus einer fetten Masse aus Öl, Pastell und ist gleichzeitig ein Craquelé. Das war nicht beabsichtigt, aber ich mag es. Es zeigt mir, dass es nicht gelungen ist, Realität und Projektion in einem Gemälde darzustellen.

Links ist das rose Interieur eines Hauses zu sehen, indem sich ein öliges weibliches Monster auf zwei Männer, die eine Erketion haben setzt. Rechts ist das Detail.

Madeleine Roger-Lacan, „Double P for Monsterwoman“, Öl auf Leinwand, © Thomas Lannes.

Die stilistische Mischung im Interieur dieses rosa Hauses gefällt mir. Das wirkt einerseits stilvoll, andererseits absurd mit der Girlande aus Herzen und dem rosa Teppich. Wie kommst du auf solche Szenerien?
Es gibt einige essentielle Elemente in diesem Gemälde, die verdeutlichen, wie ich mir ein Universum konstruiere. Ein Buzz Lightyear-Kostüm, eine Flasche Rotwein, eine Herzgirlande und das alles in einem Haus. Eine Mischung aus alltäglichen und festlichen Elementen, die zu einer spielerischen Fiktion gehören. Ich absorbiere ältere und moderne Unterhaltungskultur, die ich teilweise nach meinen Geschmack mische. Wie absurde Träume. Das wollte ich auch mit diesem Gemälde veranschaulichen: einen Traum, der Ungehöriges zum Vorschein bringt. Der Traum offenbart sich darin in Form von Elementen der Populärkultur, die mich nicht nur malerisch interessieren, sondern die auch die Sonderbarkeit meines Unterbewusstseins zu Tage bringen.

Die „Monster Woman“ wird in diesem Bild zur Projektionsfläche männlicher erotischer Sehnsüchte. Wie sinnlich die Frau auch immer in der Kunstgeschichte dargestellt wurde, ihr Bild scheint hauptsächlich aus der Sicht des Mannes entstanden zu sein. Wie siehst du das?
„Monster Woman“ ist eine Projektion meiner Sehnsüchte, nicht der von Männern. Eine Lesart der Kunstgeschichte ist in der Tat diese Überrepräsentation des sinnlichen und begehrenswerten weiblichen Körpers. Dies hat sich durch das Kino nochmal verstärkt. Die Frau wird zum Objekt. Wie auch in „The Favourite“ von Giorgos Lanthimos, der mir sehr gefallen hat. Zwei Frauen streiten sich um die Macht und zerstören sich gegenseitig. Diesen Hybris-Kampf kennt man eher von Cowboys oder Geschäftsmännern, und ich glaube, dass ich diese Art der Frauenrolle bislang vermisst habe. Generell versuche ich öfter Männer zu malen, einfach weil ich sie begehre. Die „Monster Woman“ ist die Materialisierung dieses Gefühls. Ich bin nicht sicher, ob ein Mann sie so hätte malen können. Ich habe wirklich versucht, sie aus meinem „madeleinschen“ Inneren zu holen und ihr diese fettige, ölige Erscheinung zu geben.

Installationsansicht, „J’aime je n’aime pas“, Galerie Eigen+Art in Leipzig © Galerie Eigen+Art in Leipzig.

Inwiefern wäre der weibliche Blick ein anderer?
Die Aussage, dass „das Bild der Frau in der Kunstgeschichte bisher hauptsächlich aus der Sicht des Mannes entstanden ist“, sehe ich ambivalent. Es macht mich aber nicht wütend. Wenn männliche Künstler besonders von Frauen inspiriert wurden, dann schlicht deshalb, weil sie sie begehrten. Das verstehe ich vollkommen. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich die ganze Zeit nackte, sexualisierte Frauen malen. Es ist nur schade, dass es bisher nicht mehr weibliche Blicke von Frauen auf Frauen gegeben hat. Wie in den Werken von Sylvia Sleigh! Die Überrepräsentation des weiblichen Körpers in ihren Arbeiten begeistert mich. Ich bekam einen sexualisierten Blick auf Frauen, obwohl ich heterosexuell bin. Vielleicht gibt es etwas ziemlich Narzisstisches in meiner Sicht auf Frauen.

 
Links ist ein kopfloser Harlekin zu sehen, ein Gemälde mit dem Titel "La femme Montagne qui monte", rechts ein Portrait der Künstlerin Madeleine Roger-Lacan.

Madeleine Roger-Lacan, „La Femme Montagne qui marche“, Öl, Erde, Staub, und Acryl auf Leinwand © Madeleine Roger-Lacan, Porträt © Titus Schade.

Viele deiner Arbeiten kreisen um das Thema Weiblichkeit. Da wäre die großartige „Femme montagne“, die „Maman“ und nicht zuletzt die Reihe von Selbstporträts wie „Tout ce qui coule hors de moi – TURN ME ON“. Was begeistert dich an diesem Thema?
Meine eigene Erfahrung. Daraus schöpfe ich, insbesondere aus meiner sexuellen Erfahrung. Was mich inspiriert, sind die Widersprüche zwischen dem, was ich fühle, und dem, was ich sehe. Francis Bacon sagte zwei Dinge, die mir sehr zusagen. Dass wir erstens die Scham überwinden müssen, wenn wir malen, und das zweite ist, dass ein Thema uns lange begeistern muss, ohne, dass es uns langweilt. „Femme montagne“, „Tout ce qui coule hors de moi“ und „Maman“ sind meine Gefühle, die im Dialog mit der Realität stehen. Die weibliche Figur ist dabei wiederkehrend, weil ich ein Mensch im Körper einer Frau bin. Sie ist meine Realität, meine tägliche Erfahrung, und das seit 26 Jahren, also diejenige, über die ich am meisten zu sagen habe. Sie ist Theater und Gegenstand meiner Erfahrung.

Vollkommen offen schneidest du wie in „Tout ce qui coule hors de moi – TURN ME ON“ Sujets wie Körperflüssigkeiten, Menstruation oder, wie du es selbst beschrieben hast, „meistens sexuelle Flüssigkeiten, die aus mir herausfließen“, auf. Es gibt einen Zyklus an Aquarellen „Les Uterus fleurissent“ der französischen Künstlerin Annette Messager, an den ich denken musste. Menstruation ist ja etwas vollkommen Natürliches und trotzdem wird dieses Thema weitestgehend tabuisiert. Wie siehst du das?
Das erste Mal, dass ich die weibliche Periode auf einem Gemälde dargestellt sah, war auf Balthus’ „Thérèse rêvant“. Ich war 12 Jahre alt, und es durchfuhr meinen ganzen Körper wie ein Stromschlag, als ich den Fleck auf dem Höschen dieses jungen Mädchens in dieser anbiedernden Pose sah. Diese alltägliche Szene in diesem warmen Licht und diesem Gesicht, das etwas Animalisches hat. Es gibt etwas Unkontrollierbares in den weiblichen Sexualflüssigkeiten und der Menstruation. Man weiß nie, wann es passiert und unsere Laken oder Unterwäsche befleckt. Ich mag das, diese innere unberechenbare Sexualität.

Links ist ein Bild in Form eines Tropfen mit dem Selbstbildnis von Madeleine Roger-Lacan vor deren nacktem Körper eine schwarze Katze sitzt.

Madeleine Roger-Lacan, „Tout ce qui coule hors de moi turn me on“, Öl, Acryl, Holz, Lack auf Stein © Thomas Lannes.

Dein Selbstporträt in „Tout ce qui coule hors de moi – TURN ME ON“ hast du hinter eine schwarze Katze gesetzt. Die Katze steht in der Kunstgeschichte für Unberechenbarkeit, Triebhaftigkeit und Freiheit. Ganz im Gegensatz zu einem weißen Schoßhündchen, das Treue symbolisiert. Geht es also auch hier um menschliche Begierden?
Die Katze ist wild und geheimnisvoll, auch wenn sie ein Haustier ist. Ich sehe eine Analogie zwischen den irrationalen tierischen Impulsen, die in uns zivilisierten menschlichen Wesen stecken. In einer Katze sehe ich gleichzeitig Ruhe, Faulheit und eine große Sinnlichkeit bei einem so weichen Fell. Haarig wie Pinsel. Wir neigen dazu, Attribute auf Tiere zu projizieren. Auf die Katze in diesem Bild habe ich diesen Text geschrieben: „I am liquid, I am soft and cat pussy. The black cat is a symbol that I paint since I am a child. One night when I was 10 years old I was looking from the window of my bedroom and I saw a black cat in the street. We looked at each in the eyes other for a long time, he stayed still. I thought he was making me a love declaration, that he was a man-cat who loved me passionately.“ Das Symbol der schwarzen Katze gefällt mir sehr gut, es ist ein Teil meiner persönlichen Mythologie.

Madeleine Roger-Lacan, „La Femme Montagne qui marche“, Detail, Öl, Erde, Staub, und Acryl auf Leinwand © Madeleine Roger-Lacan.

Auch in deinem Bild „La Femme Montagne qui marche“ geht es um Wünsche und Suche. Du schreibst dazu, es wäre, „a painter’s metaphysical selfportrait…. Not a clue where she is going. But she is walking there.“ Welche Rolle schreibst du dem Selbstporträt zu?
Das Selbstporträt erlaubt mir, meine Zweifel, Fragen und Empfindungen zu inszenieren. Aus einem bestimmten Zustand herauszukommen und ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Jedes Selbstporträt entspricht einem Zustand, ich male es, dann gehe ich zu etwas anderem über. Zumindest versuche ich das.

Eine Leinwand auf der ein Laken mit nackten Menschen und Mündern.

Madeleine-Roger-Lacan, Le Festin des bouches cannibales, Öl auf Leinwand, 2019 © Romain Darnaud.

Du hast bei Tim Eitel Malerei studiert und 2019 deinen Abschluss an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux Arts gemacht. Im Februar warst du neben der Gruppenausstellung „J’aime, je n’aime pas“ in der Galerie Eigen+Art in Leipzig auch in einer Gruppenausstellung in der Galerie Jousse Entreprise in Paris vertreten. Wie sehen zukünftige Projekte aus?
Ich bereite gerade eine Einzelausstellung in der Galerie Frank Elbaz vor, aber danach werden wir sehen. Ich würde gerne eine Residency machen, weil mich eine gewisse Zeit Abstand von Paris immer sehr erfüllt. Das ist auch notwendig, um in die Zustände kommen, die ich suche. Ich konzentriere mich aber erst auf die Ausstellung und dann wer weiß. Ich versuche, mich nicht auf ein Vorhaben zu projizieren, besonders in dieser Zeit, in der die Welt gerade so instabil ist.

Madeleine Roger-Lacan war in diesem Jahr Teil der Gruppenausstellung „J’aime, je n’aime pas“ in der Galerie Eigen+Art Leipzig. Die Künstlerin wird von der Pariser Galerie Frank Elbaz vertreten, wo sie demnächst eine Einzelausstellung präsentieren wird. Bis dahin kann man ihr Werk auf ihrer Website bestaunen oder auf Instagram verfolgen.

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