In diesen Räumen liegt sich's bequemer
Die Galerie Wentrup zeigt Gregor Hildebrandt

18. September 2018 • Text von

Ein Zimmer mit architektonischen Grenzen. Für Gedanken, Inspiration und kreatives Schaffen jedoch grenzenlos. Intimer Rückzugsort und Quelle für tägliche Energie. Mit der Ausstellung „Ein Zimmer im Raum“ begeht der Künstler Gregor Hildebrandt eine imaginäre Reise durch den Raum seines Schlafzimmers und eröffnet dem Besucher den Ursprung seiner auf Tonträgern festgehaltenen Gedankenwelt.

Gregor Hildebrandt, „Daddy, you and I (PAAR)“, 2018, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin.

„Reise um mein Zimmer“ – wie auch in dem Werk des französischen Schriftstellers Xavier de Maistre beschrieben, begibt sich Gregor Hildebrandt in seinem Schlafzimmer auf Entdeckungsreise durch seine Gedanken und das Unbewusste. Pur, weiß und scheinbar leer wirkt die Decke seines Schlafzimmers, die auf der Einladungskarte zu „Ein Zimmer im Raum“, der siebten Einzelausstellung von Hildebrandt in der Berliner Galerie Wentrup, abgebildet ist. Reisen innerhalb der vier Wände – eine Fantasieanregung durch die uns umgebende Sicherheit? Oder längst blind durch allzu vertrauten weißen Raum? Scheint nicht so. Denn betritt man das von Hildebrandt kreierte Gedankenzimmer im Galerieraum, öffnet sich zur Rechten eine Farbexplosion in Form eines, die volle Länge der Wand einnehmenden, mosaikartigen Wandbildes. Bunt, explosiv. Von weiß wenig Spur.

Gregor Hildebrandt, „Daddy, you and I (PAAR)“ (Detail), 2018, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin.

Betitelt und bespielt mit „Daddy, you and I (PAAR)“, einem Songtext der mit Hildebrandt befreundeten Münchner Band PAAR, erstreckt sich das monumentale Werk aus 7488 bunten Einzelteilen mit über acht Metern über die gesamte Galeriewand. 624 zerschnittene farbige Schallplatten ergeben ein unkontrolliertes Farbgemenge, das den Betrachter nicht nur durch seine intensive Musterung, sondern ebenso durch die starken Farbkontraste einzusaugen scheint. Die durchdringenden Farbkompositionen eines Ad Reinhardt oder Elsworth Kelly kommen in den Sinn. Vorgegebenes Muster oder zufälliges Fantasiegebilde? „Es gab keine Regel“, erklärt Gregor Hildebrandt, „außer, dass nicht die gleiche Farbe nebeneinander sein durfte.“

„Im Zimmer ein Raum“, Installationsansicht, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin.

Weiße, schwarze, aber vor allem bunte Tonträger prägen das Bild dieser Ausstellung. Tonträger wie Kassettenbänder oder Vinyl-Schallplatten sind integraler Bestandteil in Hildebrandts Oeuvre. Die analogen und heute obsolet gewordenen Datenträger bespielt er mit Musik oder Poesie und verarbeitet sie zu musterhaften, minimalistischen Werken auf Leinwand oder zu monumentalen Installationen. Musik wird unhörbar zu einem Bild aus Ton gefroren − eine unsichtbare Dimension wird dem Werk somit hinzugefügt, vollendet wird sie im Kopf des Betrachters.

„Im Zimmer ein Raum“, Installationsansicht, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin.

Diese Arbeitsweise findet sich auch in den weiteren Werken dieses Zimmers im Raum. Der Titel einer Leinwand mit zu Schallplatten aufgereihten Kassettenbändern „In den Adern des Holzes sehe ich Gesichter (Toco)“ stammt genauso wie der, des daneben hängenden Werkes „Ich habe mich auf den Boden gelegt (Toco)“, aus dem Lied „Free Hospital“ der deutschen Rockband Tocotronic. Bespielt mit letzterem Titel, ziehen sich die zu einem Muster gewobenen Kassettenbänder über eine mehr als zwei Meter hohe Leinwand. Dass die Bänder diesmal zu einem Muster gewoben und nicht gelegt sind, ist kein Zufall. Inspiriert wurde Hildebrandt durch die gewebten Tapisserien der Bauhaus Pionierin Anni Albers.

„Im Zimmer ein Raum“, Installationsansicht, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin.

Gemustert und bunt − so scheint die gedankliche Schlafzimmerdecke des Künstlers zu sein. Gegenüber des monumentalen Wandbildes sieht man ein, aus den Rückseiten von Kassettenhüllen, zusammengesetztes Foto, das Gregor Hildebrandt auf dem Rücken seines Bettes liegend, zeigt. Es ist das Gegenstück zur weißen Schlafzimmerdecke der Einladungskarte. „Im Zimmer die Decke betrachtend“ zeigt Hildebrandt umgeben von weißer Wand, die er auch auf den Galerieraum ausgeweitet hat. „Die Dinge um mich bilden ein Muster“ erstreckt sich als weiße Raufasertapete über den Raum. Man erhält Eingang in ein intimes Zimmer – sogar der Lichtschalter aus dem ehemaligen Schlafzimmer des Künstlers in der Auguststraße, ist als Attrappe mit dem Titel „mehr Licht“ neben der Eingangstür angebracht. Für seine kommende Ausstellung bei der Galerie Perrotin im November in New York soll dieses Konzept erweitert werden, wie er mir erzählt. „In meiner Wohnung gibt es viele Zimmer“ soll durch ein Labyrinth das Eröffnen mehrerer Räume – wohl auch Gedankenräume illustrieren. Die Begehung Hildebrandts Schlafzimmers im Galerieraum von Wentrup birgt jedoch schon farbige Freude und eine Entdeckungsreise zum Ursprung seiner Inspiration. Abschließend verrät er noch: „Mein Bett ist mein Lieblingsort. Es darf auch ein Hotelbett sein.“ Na Hauptsache man liegt bequem.

WANN: Die Ausstellung „Ein Zimmer im Raum“ ist bis 3. November 2018 zu sehen.
WO: Wentrup Galerie, Tempelhofer Ufer 22, 10963 Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin