Spiel als Methode
Iman Issa im Lenbachhaus

8. Januar 2026 • Text von

Iman Issa lädt zu einem Spiel der Bedeutung ein. Anhand der Heritage Series und weiterer Werkgruppen hinterfragt sie museale Autorität und historische Zuschreibung. Eine präzise Versuchsanordnung, die Aufmerksamkeit, Skepsis und aktive Mitwirkung fordert.

Ausstellungsansicht / Installation Shot, Iman Issa. Lass uns spielen, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München / Lenbachhaus Munich, 2025. Foto / Photo: Lukas Schramm, Lenbachhaus

„Lass uns spielen“ – der Titel der Ausstellung klingt beiläufig, fast harmlos. Tatsächlich markiert er eine präzise künstlerische Strategie. Spielen bedeutet hier kein freies Assoziieren, sondern ein kontrolliertes Verfahren der Bedeutungsverschiebung. Issas Arbeiten operieren mit Unsicherheit als Methode: Historische Referenzen werden aus ihren gewohnten Kontexten gelöst und neu montiert – ohne jemals fixiert zu werden.

Im Zentrum steht die Heritage Series, an der sich diese Praxis exemplarisch ablesen lässt. Seit Mitte der 2010er-Jahre arbeitet Iman Issa an dieser Werkgruppe, die als kritischer Umgang mit musealen Geschichtserzählungen verstanden werden kann. Statt Artefakte zu präsentieren, zeigt sie Stellvertreter: Objekte, Fotografien und Texte, die historische Exponate nur andeuten. Die Vitrine – klassisches Museumdispositiv – bleibt erhalten, doch ihr Versprechen von Authentizität wird gebrochen. Herkunft, Funktion und Bedeutung erscheinen nicht gesichert, sondern hypothetisch.

Ausstellungsansicht / Installation Shot, Iman Issa. Lass uns spielen, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München / Lenbachhaus Munich, 2025. Foto / Photo: Lukas Schramm, Lenbachhaus

Issa positioniert sich damit klar innerhalb einer postkolonial informierten Institutionskritik, ohne deren Sprache zu übernehmen. Die Autorität des Museums wird nicht frontal attackiert, sondern leise ausgehöhlt. Geschichte erscheint nicht als Besitz, sondern als Konstruktion, abhängig von Perspektive, Sprache und Kontext. Dass viele Referenzen auf das kulturelle Gedächtnis des Nahen Ostens verweisen, wird spürbar, aber nie festgeschrieben.

Neuere Serien wie “Das Spiel: Guess Which of the Given Captions Is the Correct One” von 2025 verdeutlichen, wie instabil Bedeutung sein kann. Jede Fotografie ist mit mehreren möglichen Bildunterschriften versehen, deren Korrektheit nur scheinbar sicher ist. Lesen, Sehen, Vergleichen – das Werk funktioniert erst im Zusammenspiel mit der Wahrnehmung der Betrachter:innen. Ähnlich verhält es sich mit “I, the Protagonist”: Form und Inhalt werden auf das Nötigste reduziert, sodass die eigene Interpretation zur Bedingung der Sinnbildung wird. Selbst frühere Arbeiten wie das Video “Car Wash” aus dem Jahr 2006 lassen sich als Versuchsanordnungen lesen, die Mechanismen kultureller Zuschreibung erproben.

Ausstellungsansicht / Installation Shot, Iman Issa. Lass uns spielen, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München / Lenbachhaus Munich, 2025. Foto / Photo: Lukas Schramm, Lenbachhaus

Issa versteht ihre Werke als relationales Geflecht: Texte, Objekte, Fotografien, Bücher und Videos treten nicht nebeneinander auf, sondern gehen in ein stummes Gespräch. Bedeutung entsteht nicht im Werk selbst, sondern zwischen den Elementen – und im Kopf der Betrachtenden. Die Ausstellung im Lenbachhaus verweigert didaktische Überwältigung und setzt auf Konzentration, Zeit und Aufmerksamkeit.

Die Wirkung entfaltet sich vor allem durch diese kontrollierte Zurückhaltung. Wer hier Bedeutung sucht, muss sie selbst herstellen, im Bewusstsein ihrer Vorläufigkeit. Lass uns spielen zeigt Kunst als präzise Versuchsanordnung: Geschichte erscheint nicht als gesicherter Bestand, sondern als instabiles Gefüge, dessen Sinn immer wieder neu ausgehandelt wird. Das Spiel, zu dem Issa einlädt, ist kein harmloses. Es verlangt Aufmerksamkeit, Skepsis und die Bereitschaft, Ungewissheit auszuhalten – und wirkt lange nach.

WANN: “Lass und spielen” läuft noch bis zum 12. April 2026.
WO: Die Ausstellung ist im Lenbachhaus, in der Luisenstraße 33, 80333 München, zu sehen.

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