Heimweh wonach?
Ruhrpott und DDR in der Villa Schöningen

17. Juni 2020 • Text von

„Heimweh“ in der Villa Schöningen ist eine visuelle Reise durch die DDR und das heutige Ruhrgebiet. Gerade in Zeiten von Covid-19 ist das Thema der Ausstellung aktueller denn je. In der gegenwärtigen Situation sind viele auf sich selbst zurückgeworfen und so stellt sich auch die Frage nach dem eigenen Ursprung. (Text: Pola van den Hövel)

Ausstellungsansicht aus der Villa Schöningen. Ein Raum mit Parkettboden und Kamin, an den Wänden Fotografien.

Ausstellungsansicht „Heimweh“ © Villa Schöningen, Foto: Noshe, 2020.

Die Villa Schöningen ist vielleicht nicht der erste Ort, der einem in den Sinn kommt, wenn man an Kunstorte in der Nähe von Berlin denkt. Doch wenngleich viele Besucher*innen das 1843 erbaute Haus nicht auf dem Radar haben, ist sein Besuch doch ungemein horizonterweiternd und die Existenz des Hauses wichtig für die Kulturlandschaft. Der preußische Prachtbau, erbaut im italienischen Villenstil, befindet sich am Jungfernsee, direkt an der Glienicker Brücke in den Sichtachsen zu den Schlössern Glienicke und Babelsberg. Eingebettet in dieses Ensemble liegen das Museum und sein wunderschöner Garten, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Schon als historischer Ort ist die Villa Schöningen einnehmend.

In der aktuellen Ausstellung “Heimweh” werden Fotografien des Jazztrompeters Till Brönner, Plakatdrucke von Klaus Staeck und Super 8 Filme der digitalen Sammlung von Schmalspurfilmen der DDR der Open Memory Box gezeigt. Die Kuratoren der Ausstellung, Harald Falckenberg und Bernd Dinter, haben sich ein großes Thema vorgenommen. Heimweh ist die Sehnsucht nach dem Vertrauten. Vielleicht ist Heimat ein Ort, vielleicht ein geliebter Mensch, bei dem man sich geborgen fühlt und den man vermisst. Durch die Ausstellung werden Besucher*innen dazu angeregt, zu hinterfragen, was sie als Heimat definieren. Ist es der Geburtsort oder doch der Ort, an dem man mittlerweile wohnt? Und wie viel hat Heimat mit den Menschen zu tun, die einem wichtig sind? Familie, Freunde oder auch der Bäcker von nebenan können in einer Person das Gefühl von Heimat und auch Heimweh auslösen.

Klaus Staeck, Parkordnung (Bitterfeld), 1991. © Villa Schöningen, Foto: Noshe, 2020. // Alberto Herskovits, Random Loop #4, Open Memory Box Collection, 2020. © Villa Schöningen, Foto: Noshe, 2020.

„Kommenserein“ begrüßt eine Fotografie Brönners Besucher*innen der Ausstellung bereits im Kassenbereich. Und schon ist man im Ruhrgebiet – hineinversetzt in eine Region per typischem Slang. Die Werkserie trägt den passenden Titel „Melting Pott“. Die Ausstellung erstreckt sich über das Erdgeschoss des Hauses und die erste Etage. Spannung erzeugt der Kontrast zwischen dem schönen Baustil des Hauses und den teilweise eher roughen Bildern von Ruhrgebiet und DDR. Doch auch mit der Unsicherheit der Betrachter*innen spielt die Show. Ist das heute oder damals? Ruhrgebiet oder DDR? Bei einigen Fotografien ist man überrascht, dass wirklich 40 Jahre zwischen deren Entstehung liegen.

Der Kurator Falckenberg hat schon vor zehn Jahren die erste Ausstellung in der Villa Schönigen gestaltet. Anlehnend daran wurde er anlässlich des Jubiläums des Hauses für die jetzige Ausstellung angefragt. In einer Zeit, in der wir dazu angehalten sind, an unserem derzeitigen Ort zu verweilen, eignet sich “Heimweh” bestens dazu, den Fragen nach Heimat und Heimweh nachzugehen.

Till Brönner, BVB-Südtribüne, Dortmund, 2018. © Villa Schöningen, Foto: Noshe, 2020.

Das Haus wird seit Jahresbeginn von Sonia González geführt. Der kuratorische Ansatz, zeitgenössische Kunst mit der Geschichte der Villa zu verbinden, liegt ihr besonders am Herzen. So sollen wertvolle Zugänge und Perspektiven für Besuchende geschaffen werden. Die 27-Jährige möchte weiterhin an der Zukunft des Hauses arbeiten und hat auch trotz Corona einige Pläne für das weitere Jahr. “Gerade arbeite ich viel am Online-Archiv und an unserer Web-Präsenz”, so die Kuratorin. Weitere Umsetzungen von ihr zeigen sich auch darin, dass sie beispielsweise Unisex-Toiletten eingeführt hat oder den Garten des Hauses für Yoga-Klassen öffnet. “So können wir durch nicht kunstfokussierte Veranstaltungen Besuchende anziehen und die ausgestellten Werke für alle zugänglicher machen.”

WANN: Die Ausstellung “Heimweh” läuft noch bis Sonntag, den 23. August
WO: Villa Schöningen, Berliner Straße 86, 14467 Potsdam