Peel-Off Räume
Heidi Bucher im Haus der Kunst

1. November 2021 • Text von

Mit ihren Raum- und Körperskulpturen aus Latex löste sich die Schweizer Künstlerin Heidi Bucher symbolisch von gesellschaftlich konstruierten Identitätskonzepten und patriarchalen Vorstellungswelten. Das Haus der Kunst widmet ihr mit der Ausstellung „Metamorphosen“ eine multimediale Retrospektive. (Text: Lisa Stoiber)

Heidi Bucher. Metamorphosen, Ausstellungsansicht, Haus der Kunst, 2021. Foto: Markus Tretter.

Raumgreifend breiten sich entkörperlichte Architektur- und Körperhüllen im Ostflügel des Hauses der Kunst aus. Wie abgestreifte Kokons hängen sie von den hohen Decken, erheben sich als geschlossene Räume über unseren Köpfen oder führen uns durch geöffnete Türen hinein in ihr semi-opakes Innenleben. Dass diese fluiden pergamentartigen Gebilde, auf denen sich Türen, Kacheln und Fensterrahmen detailgenau abzeichnen, nicht gemalte, sondern tatsächliche Abdrücke aus Latex von realen Räumen sind, kann man sich beim Betreten der weiten Ausstellungshallen im ersten Moment kaum vorstellen.

Ähnlich unserer Haut sind Gebäude Erinnerungsspeicher, in die sich sowohl individuelle als auch kollektive Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen einschreiben. Ebenso können sich in den Funktionen von privaten Räumlichkeiten gesellschaftliche Normen und biologische Kategorisierungen widerspiegeln. Kunstschaffen bedeutete für Bucher (*1926 Winterthur, † 1993 Brunnen, Schweiz) Identitätszurückgewinnung oder vielleicht noch besser: Identitätsfindung. Unter Einbindung aller Werkphasen sowie Fotografien, Videomaterial, Zeichnungen und Werkstudien dokumentiert die Retrospektive den Befreiungsakt der Künstlerin aus repressiven patriarchalen Strukturen.

Heidi Bucher beim Häutungsprozess von Herrenzimmer, 1978, The Estate of Heidi Bucher. Foto: Hans Peter Siffert.

Nach ihrem Studium in Mode- und Textildesign bei dem Bauhaus Pionier Johannes Itten in Zürich lebte Bucher gemeinsam mit ihrer Familie unter anderem in Kalifornien, wo sie mit der feministischen Kunstbewegung um Judy Chicago und Miriam Schapiro in Kontakt kam. Die in Los Angeles entstandenen Arbeiten der „Bodyshells“ (1972) markieren den Beginn ihrer Beschäftigung mit körperlichen und gesellschaftlichen Normierungen und bilden folglich auch den Ausgangspunkt der Ausstellung im Haus der Kunst. Bei den schaumstoffartigen Objekten handelt es sich um tragbare Körperskulpturen, die wie quallen- und muschelartiges Meeresgetier anmuten und anlässlich der Ausstellung anhand von Videos, Skizzen und Notizen rekonstruiert wurden.

Nach der Rückkehr in die Schweiz und der Trennung von ihrem Mann, fand die damals fünfzigjährige Künstlerin mit den „Latex-Häutungen“ ihre einzigartige, emanzipatorische Stimme. Dafür wählte sie Schauplätze und Fundstücke aus der eigenen Vergangenheit, in denen sich konservative Familienstrukturen offenbaren, wie beispielsweise im „Herrenzimmer“ (1978/1982). Dabei handelte es sich um Zimmer in gutbürgerlichen Häusern, die nur männlichen Familienmitgliedern als Rückzugsorte vorbehalten waren, während Hauswirtschaftsräume als Frauendomäne definiert wurden.

Filmstills aus Heidi Buchers Video Bodyshells, Venice Beach, Kalifornien, 1972. The Estate of Heidi Bucher.

Durch die ausstellungsbegleitenden Filme und Fotografien kann der Entstehungsprozess des Hauptwerks sehr eindrücklich und detailgenau nachempfunden werden. Darin ist Bucher zu sehen, wie sie einst bewohnte Räume mit flüssigem Kautschuk bestreicht und nach der Trocknung mit enormen, physischen Kraftaufwand von der Patina der Böden und Wände ablöst. Statische Gebäude werden in amorphe Gebilde transformiert, repressive Strukturen bleiben sinnbildlich an der Latexoberfläche kleben. Während Bucher zwischen den monumentalen Materialhüllen nahezu verschwindet, scheint sie gleichzeitig selbst zum Zentrum eines metamorphischen Prozesses zu werden.

Neben Schauplätzen mit persönlicher Bedeutung suchte die Künstlerin kollektive Erinnerungsorte auf, an denen Menschen brutalen Machtverhältnissen ausgesetzt wurden, wie im ehemaligen Grand Hôtel Brissago am Lago Maggiore. Der einstige Erholungsort für Intellektuelle wurde in den 1940er Jahren von den Nationalsozialisten zu einem staatlich organisierten „Interniertenheim“ für jüdische Kinder und Frauen umfunktioniert. Durch die Häutungsaktion der verlassenen Hotelanlage (1987) stellte sich die Künstlerin gegen das kollektive Nachkriegsschweigen und der bis heute immer wiederkehrenden Forderung, „einen Schlussstrich zu ziehen“.

Heidi Bucher. Metamorphosen Installationsansicht und Video, Heidi Bucher beim Häutungsprozess von Herrenzimmer, 1978, Haus der Kunst, 2021. Foto: Markus Tretter.

Weitere Raum-Häutungen fanden in der ehemaligen, psychiatrischen Klinik Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee statt (1988). Hier wurde unter anderem Bertha Pappenheim Ende des 19. Jahrhunderts als eine der ersten Hysterie-Patientinnen behandelt. Diese Häutungsarbeiten gelten als eine der Höhepunkte in Buchers Auseinandersetzung mit Körpersystemen, die nicht als normativ definiert und gewaltsamen, körperlichen und psychischen Machtgefügen ausgesetzt wurden.

Buchers Raum- und Körperskulpturen verweisen in ihrer monumentalen Gesamtwirkung im Haus der Kunst darauf, dass private und gesellschaftliche Strukturen in permanenter Korrelation stehen und sich Identität nicht autonom bildet, sondern von vielen, äußeren Faktoren geprägt wird. Nach der monografischen Ausstellung „frontier“ der britischen Bildhauerin Phyllida Barlow führt das Haus der Kunst mit dieser, von Jana Baumann kuratierten Retrospektive die Ausstellungsreihe über Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts fort, die lange Zeit aufgrund männlicher Geniemythen im Kunstkanon übersehen wurden.

WANN: “Heidi Bucher. Metamorphosen” läuft bis zum 13. Februar 2022.
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München.

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