Was die Welt im Innersten zusammenhält
Oscar Murillo im Kunstverein

20. Januar 2020 • Text von

Oscar Murillo gewann als einer von vier Künstler*innen 2019 den renommierten Turner-Preis. In seiner Installation im Hamburger Kunstverein geht es um die Frage, welche Werte uns in unserer globalisierten Welt miteinander verbinden. Immer wieder lässt Murillo dabei die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Zeichnung verschwimmen und wirbelt Orte, Räume und Zeit durcheinander.

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Oscar Murillo: Horizontal Darkness in Search of Solidarity © Hamburger Kunstverein/Fred Dott

Für Oscar Murillo lief es in den letzten Jahren ziemlich gut. Die großen Galerien vertreten ihn. Er jettet zwischen China, London, Kolumbien und Berlin hin und her und ist auf den großen Biennalen zu Gast. Das war nicht immer so. Zuerst arbeitete Murillo, der in Kolumbien geboren und in London aufgewachsen ist, als Teaching Assistant, um sich als Künstler zu finanzieren. Dann hatte er die Idee, sein Geld als Putzmann zu verdienen. Und das war für ihn eine Befreiung, liest man im „Guardian“. So konnte er früh morgens für seinen Lebensunterhalt sorgen und hatte den Rest des Tages viel Zeit, um sich mit seinen künstlerischen Werken zu beschäftigen. Das ist lange her. Aber vielleicht erklärt es die Sensibilität des Künstlers für sozialkritische und transkulturelle Themen. Er kennt beide Welten. Und er lebt in verschiedenen Kulturen.

In seiner Ausstellung im Hamburger Kunstverein „Horizontal Darkness in Search of Solidarity“ schafft Murillo eine Agora, einen Verhandlungsort mit Tribünen, eine Art begehbare Arena. Auf diesen Tribünen sitzen seine „Effigies“. Es sind fast lebensgroße Figuren aus Pappmaché, die mit ihren Gummistiefeln und Overalls symbolisch für die einfachen Leute aus dem Ort La Paila in Kolumbien stehen.

Als Besucher*in kann man direkt neben den Figuren Platz nehmen. Die „Effigies“ starren erwartungsvoll mit aufgerissenen Augen ins Leere. Aber nichts passiert. Horizontale Dunkelheit. Keine Solidarität. Und wo ist die politische Elite, die an den gesellschaftlichen Gegebenheiten etwas ändern könnte? Oder ist man das selbst? Solche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man dort mit den Figuren sitzt. Und schon befindet man sich inmitten der großen Fragen unserer globalisierten Welt.

Doch nicht nur auf die aktuelle sozio-politische Situation bezieht sich Murillo. Auf den Bänken verstreut liegen Auszüge des 1933 erschienen Romans „Industrial Park“ von Patrícia Galvão. Das Buch skizziert das Leben der Arbeiter*innen im Brasilien der Dreißigerjahre aus der Sicht von drei Frauen. Marxistischer Aufruhr, eine Arbeiterklasse, die aus europäischen Einwanderern bestand, ärmlichste Verhältnisse, Ausbeutung als Folgen der Industrialisierung. Der Triumph des Proletariats lässt auf sich warten. Und dennoch halten die Menschen zusammen, solidarisieren sich und kämpfen trotz Niederlagen für ein besseres Leben. Während man den Text liest, fragt man sich, was sich seitdem in Brasilien verändert hat. Und in der Welt. Und man stellt natürlich fest, dass die Diskussion brennend aktuell ist.

DEU, Hamburg, 2019, "Horizontal Darkness in Search of Solidarity" - Exhibition of Oscar Murillo at Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Oscar Murillo: Horizontal Darkness in Search of Solidarity © Hamburger Kunstverein/Fred Dott

Die geschnitzten orientalisch anmutenden Holzfenster, die an vielen Stellen als offene Architektur im Raum hängen und tonnenschwer wiegen, hat Murillo in Aserbaidschan fertigen lassen. Erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man, dass die in traditioneller Buntglastechnik gefertigten Arbeiten nicht etwa mit Glas, sondern mit rostigem Blech hinterlegt sind. Der Titel der Serie lautet: „Fragments from a now bastard country“. Das Blech stammt aus zerfallenen Fabriken der heutigen Grenzregion des benachbarten Russlands.

In einer Videoinstallation aus zwei Bildschirmen („Conditions unknown“ und „Letter from America“), die man zwischen von der Decke hängenden schwarzen Leinwänden in einer Ecke entdeckt, picken mehrere Krähen in der freien Natur in einer Tüte herum. Oder ist es ein Kadaver? Direkt auf dem Bildschirm darunter sieht man, wie der Künstler selbst vor der Walthamstow Trades Hall in London unter eine ebendieser schwarzen, aus vielen verschiedenen Stücken zusammengenähten leinwandartigen Decken kriecht. Um die schwarze Decke herum versammeln sich Passanten, genauso wie die Krähen in der Videoinstallation im oberen Bildschirm sich um die Tüte versammelten.

Den Ort in London wählte Murillo nicht zufällig: Die Trades Hall ist ein Gemeindehaus in London, das von Gewerkschaftsmitgliedern in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gegründet wurde. Ähnliche schwarze speckige Leinwände wie in dem Video hängen auch im Kunstverein von der Decke. Mit subtilen bildästhetischen Mitteln wie diesen stellt Murillo Bezüge zwischen Orten, Medien und Material her. Auf diese Weise sprengt er, der primär in der Malerei beheimatet ist, die Grenze zwischen den Genres: Seine Installation bewegt sich zwischen Malerei, Videoarbeiten, Zeichnungen und Skulptur.

An transparenten Schnüren baumeln Murillos „Flight-Drawings“. Er fertigt sie auf den vielen Langstreckenflügen seiner Reisen. Ohne zu reflektieren, zeichnet er skribbelartig halbautomatisch darauf los. Diese Kugelschreiberzeichnungen repräsentieren einen dem Fliegen ähnlichen „Zwischenzustand“. Unkonkret, frei, schwer greifbar. In den Arbeiten wiederholen sich Wortfetzen wie „Strike, Strike, Strike“ oder „Proletariat, Proletariat, Proletariat“ und „I am, I am, I am“.

Murillos Installation ist durchzogen von der Fragen nach Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt über geografische Grenzen und Zeiträume hinweg. Die Agora, der Verhandlungsort ist der hellste und luftigste Platz im großen Saal des Kunstvereins. Es ist ein Ort der Hoffnung. In Murillos vielschichtiger Ausstellung schwebt trotz aller Finsternis über allem die Aufforderung: Lasst uns reden. Gerade in diesen Zeiten. Wir müssen reden und uns solidarisieren. Es ist das, was die Gesellschaft zusammenkittet.

WO: Kunstverein Hamburg, Klosterwall 23, 20095 Hamburg.

WANN: Am 24. Januar um 20:15 Uhr gibt es zum Finissage-Wochenende ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Gespräch zwischen den Turner-Preisträger*innen Oscar Murillo und Tai Shani sowie anschließender Performance des Künstlers. Die Ausstellung läuft bis zum 26. Januar. 

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