Haltung zeigen
Konzeptkunst in der Sammlung haubrok

27. April 2017 • Text von

Anlässlich des Gallery Weekends zeigt die Sammlung haubrok mit der Ausstellung „Collected Attitudes“ Konzeptkunst der ersten Stunde. Die nüchterne Präsentation ermöglicht eine intime Auseinandersetzung mit den Werken. Leider steht dieser Ansatz teilweise dem Verständnis der Arbeiten im Weg.

Als Konzeptkunst werden künstlerische Werke bezeichnet, bei denen nicht das tatsächliche Objekt, sondern das dadurch vermittelte Konzept im Vordergrund steht. Das Kunstwerk definiert sich nicht durch das handwerkliche Geschick, sondern die künstlerische Haltung. Eben diese ist für den Sammler Axel Haubrok das entscheidende Kriterium für die Auswahl einer Arbeit. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Collected Attitudes“ beschreibt somit einerseits die Sammlung haubrok an sich, die seit 2013 in Berlin-Lichtenberg residiert, und benennt andererseits das Thema der Schau: „Bei dieser Ausstellung geht es um künstlerische Haltung, die sich in der Regel auch in der Biografie niederschlägt.“
Die Verbindung des privaten Lebens eines Künstlers und den von ihm geschaffenen Werken ist keine Erfindung der sechziger und siebziger Jahre, sondern inhärenter Teil der modernen Kunst. Es ist der Rezipient, der durch die Verschiebung, weg von einem objekthaften Werk hin zu immateriellem künstlerischen Handeln, auf die Probe gestellt wird. Wie kann man ein Kunstwerk verstehen, das in seiner fleischlichen Substanz nur noch Träger von Gedanken und Ideen ist?

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Installationsansicht „Collected Attitudes“, Charlotte Posenenske: Vierkantrohre Serie D, 1967-2017. Copyright: Sammlung Haubrok, Courtesy of the Gallery Mehdi Chouakri.

Im Keller eines der Gebäude auf dem ehemaligen Fuhrpark des Zentralkomitees der SED, welches heute neben der Sammlung Haubrok Künstlerateliers, Start-Ups und einen Gewerbehof mit verschiedenen Handwerken beherbergt, sind sieben Skulpturen von Charlotte Posenenske arrangiert. Wie ein Chamäleon verstecken sie sich in dem weitläufigen zweigeschossigen Heizungsraum. Auf dem Boden stehen oder liegen, zuweilen auch an der Wand befestigt, handelsübliche Lüftungsrohre mit romantischen Titeln wie „Quadratrohr“, „Übergangsstück“ oder „Rechteckrohr“. Die Intention der Künstlerin, Jahrgang 1935, ist, dass diese alltäglichen Objekte als ästhetische Gegenstände wahrgenommen werden. Eingeweihten kommt die minimalistische Formensprache und Duchampsche Haltung sofort vertraut vor. Der neutrale Betrachter läuft allerdings Gefahr die Kunst zu übersehen oder kopfschüttelnd den Raum zu verlassen. Posenenske hat sich bereits vor ihrem Tod aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen und die Installation ihrer Werke ganz den Besitzern und Kuratoren überlassen. Bei Bedarf kann ein fehlendes Teil auch im Baumarkt um die Ecke nachgekauft werden.

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Installationsansicht „Collected Attitudes“, On Kawara: One Million Years, 1999. Copyright: Sammlung Haubrok.

Zwischen den einzelnen Ausstellungsräumen, die auf drei Gebäude verteilt sind, bespielt eine Arbeit von On Kawara den Innenhof. In monotoner Stimme, mit einer bedeutsamen Pause zwischen den einzelnen Wörter, lesen eine männliche und eine weibliche Stimme die Jahreszahlen von 1996 bis 1.001.995 vor. Die Arbeit „One Million Years“ aus dem Jahr 1993, wird auch auf der diesjährigen Venedig Biennale performt – freiwillige Vorleser und Vorleserinnen werden gesucht. Der japanische Konzeptkünstler befasste sich sein Leben lang mit der Untersuchung des Phänomens Zeit. So existieren über 2000 Gemälde, auf denen nichts als  das Datum des Tages abgebildet ist, an dem Kawara sie malte. Wie viele Jahre verstreichen während wir den nächsten Ausstellungsraum besuchen?

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Installationsansicht „Collected Attitudes“, Jerry McMillan: Ed Ruscha with six of his books balanced on his head (links), Ed covered with 12 of his books (rechts), 1970. Copyright: Sammlung Haubrok.

Dieser ist Künstlern der amerikanischen Westküste gewidmet. Jerry McMillan fotografierte seinen Highschool Freund Ed Ruscha 1970 mit dessen Büchern, „Ed covered with 12 of his books“ und „Ed Ruscha with six of his books balanced on his head“. Als humoristische Darstellung der Verbindung zwischen Künstler und Werk mokieren die Fotografien gewissermaßen die Fragestellung der gesamten Ausstellung.
Eine vergleichbare Arbeit von Julian Wasser und Marcel Duchamp – dem Vater jeder Konzeptkunst, vielleicht jeder Kunst nach 1917 – ist in einem anderen Ausstellungsraum zu sehen. Eine kleinformatige Fotografie der ersten Retrospektive von Marcel Duchamp 1963 zeigt im Hintergrund das Große Glas und die Fontäne, während im Vordergrund der Künstler mit Hornbrille, Zigarre und Anzug einer nackten Frau beim Schachspiel gegenübersitzt. Die Szene selbst erscheint als ein dadaistisches Objekt, ein objet trouvé, eine Addition von zwei disparaten Gegenständen, die zu einem harmonischen Ensemble verschmelzen.

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Installationsansicht „Collected Attitudes“, Ed Ruscha: Artist Books, 1962-1978. Copyright: Sammlung Haubrok.

Auf einem gläsernen Tisch liegen mehrere Bücher von Ed Ruscha, deren Farben ausgeblichen und Blockschrift veraltet erscheint. Die Titel der in hohen Auflagen erschienenen Werke beschreiben deren Inhalt: „Twentysix Gasoline Stations“, „Thirtyfour Parking Lots“, „Nine Swimming Pools“, etc. Obwohl die bloße Benennung der darin enthaltenen Fotografien dem Charakter des Werkes entspricht, ist es unmöglich die Bilder wertzuschätzen ohne sie gesehen zu haben. Ruschas fotografische Untersuchung des amerikanischen Alltags ist nicht-hierarchisch, nicht-spektakulär und nicht dafür gemacht hinter Glas verschossen zu sein.

Eine private Kunstsammlung ist nicht in derselben Art und Weise wie ein Museum dafür verantwortlich Werke zu zeigen und zu erklären. Im Gegensatz zu einer Galerie müssen die ausgestellte Kunst weder plakativ, noch niedrigschwellig sein. Der Verzicht auf eine Beschriftung der Arbeiten unterstützt die persönlich-emotionale Auseinandersetzten mit den Werken, welche in einer Privatsammlung ein wesentlich entscheidendere Rolle spielt als in anderen Kontexten. Bei der Ausstellung von Konzeptkunst tritt diese Ebene jedoch hinter das intellektuelle Begreifen der künstlerischen Arbeit zurück.
In der Regel sind die bekanntesten Kunstsammlungen Berlins nur im Rahmen einer Führung zugänglich, in welcher die erklärende Rolle von den Mitarbeitern der Sammlung übernommen wird. Es gilt dennoch zu bedauern, dass der Besuch der Sammlung haubrok und Anderen, die während des Gallery Weekends meistens öffentlich zugänglich sind, Interessierten ohne Vorwissen, aber mit Neugier nicht leichter gemacht wird. Denn es gibt dort viel zu entdecken.

WANN: Die Ausstellung ist bis zum 15. Juli immer samstags um 15:00 Uhr im Rahmen einer Führung zu besuchen. Im Rahmen des Gallery Weekends ist die Sammlung haubrok von Samstag bis Montag, zwischen 12 und 18 Uhr, geöffnet.
WO: Sammlung haubrok, FAHRBEREITSCHAFT, Herzbergstraße 40 – 43, 10365 Berlin-Lichtenberg. Und online.

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