Gute Laune #9
Vito Baumüller

24. Oktober 2021 • Text von

Vito Baumüller ist ein Tüftler. Und er erzählt ganz fabelhafte Geschichten. Heißt ja nicht, dass die immer hundert Prozent wahr sein müssen. Wir sprechen über ein Tyrannen-Abstech-Utensil und das richtige Maß an Ernsthaftigkeit.

Blick in den Kunstraum Sternschuppen, drinnen Arbeiten von Vito Baumüller, draußen zwei weiße Plastikstühle. Rechts: mehrere Reisepieken.
Vito Baumüller: “Art ain’t science”, Installationsansicht, Sternschuppen, 2021. Foto: Anna Meinecke. // Vito Baumüller: “Reisepieke”, Holz (Walnuss), Stahl. Foto: Anna Meinecke.

gallerytalk.net: Was hat dich zuletzt amüsiert?
Vito Baumüller: Das ist insofern schwierig zu beantworten, als ich wirklich jeden Tag meines Lebens ziemlich amüsiert durch die Gegend laufe. Ich will deshalb schummeln und mir was Besonderes aus dem Hut ziehen, anstatt mich aufs Letzte zu beziehen: Ich habe da so einen Freund, einen besten Freund sogar. Schon sehr lange. Und der hat schon so viele lustige, kluge und amüsante Sachen gesagt in seinem Leben, dass ich ihm, schon wenn er nur ansetzt oder wartend oder überlegend schaut, irgendetwas mich zu Tode Amüsierendes in den Mund lege. Wir haben da schon eine sehr gedeihliche Ära hinter uns. Das Wort “gedeihlich”… Auch sehr amüsant. Finden wir beide. Emmanuel und Ich.

Mich amüsieren ja zum Beispiel die Flanierpieke und ihr handliches Geschwisterchen, die Reisepieke. Was sind das für historische Artefakte, von denen anscheinend nur die Wenigsten wissen?
Das sind die Ururururenkel des “spitzen Stockes”. Während sich der Faustkeil darwinistisch in alles mögliche zwischen Schweizermesser und Gemüsebeil entwickelt hat, sind alle anderen Werkzeuge, die wir sonst so kennen, ebenfalls durch Selektion und Präferenzen von Milliarden unserer Vorfahren zu den Gegenständen gewachsen, die wir heute verwenden.  Eine Flanierpieke ist ein mit einem Stahlkern versehenes Penetrationswerkzeug, das durch mangelnden Sexappeal in Vergessenheit geriet.

Links Arbeiten von Vito Baumüller im Kunstraum Sternschuppen. Rechts eine Reisepieke.
Vito Baumüller: “Flanierpieke”, Holz (Walnuss), Stahl; “Heavy Shit”, Nutella, Zugwaage, Draht, Karabiner. Installationsansicht, Sternschuppen, 2021. Foto: Anna Meinecke.

Wie meinst du das?
Es gibt ja den bekannten Satz, der da lautet: Die Geschichte wird von ihren Siegern erzählt (Sieger in dem Fall bewusst maskulin gehalten). Wir sprechen von Schwert schwingenden, Pfeil schießenden, Granaten in des Nachbars Garten werfenden Kriegshelden und deren Feder statt Schwert führenden Groupies, die der Nachwelt alles niederschrieben. Nicht ohne Grund ist der Pieke Cousin, der Speer, um Lichtjahre berühmter als das olle Landwirtschaftsgerät der Leibeigenen und Sklaven, die als absolute Systemverlierer auf verhältnismäßig wenig Dokumentation aus den eigenen Reihen zurückblicken können. Die Pieke hat sich aber, und das weiß man, weil es weiße wahnsinnige Männer wie Humbold und Göthe verschriftlicht haben, als Tyrannen-Abstech-Utensil hervorragend geeignet und ist es alleine dadurch wert, immer wieder und wieder rekonstruiert und spazieren getragen zu werden.

Wie viel Humor verträgt die Kunst?
Die Kunst verträgt, wenn wir in metrischen Kilo rechnen, extrem viele Kg Humor. Vielleicht ist es sogar so, dass unendlich viele Kubikmeter Humor Platz haben, ohne dass das Biotop „Kunst“ zu kippen droht. Ich bin ja in meinem Tun ein Dumme-Produkte-Entwickler, ein „Spielsachen für Erwachsene, ohne von Sex-Toys zu sprechen“-Erfinder. Ich denke, meinen Werkskörper als eine Sammlung guter Witze. Da muss Wahrheit drinstecken. Unerwartete Richtungswechsel. Twists. Unverständnis am richtigen Fleck und dann natürlich auch guter, schlagkräftiger Killerhumor und am besten nicht zu knapp.

Links zwei Skulpturen von Vito Baumüller, rechts der Künstler grimmig dreinblickend mit Flanierpieke.
Vito Baumüller: “Abtreter & Sollbruchhaube”, Stoff, Stahl; “Pipidecke”, Plastikschlauch, Plastikfolie, Zahnpasta, Urin. Installationsansicht, Sternschuppen, 2021. Foto: via Vito. // Vito Baumüller mit Flanierpieke. Foto: via Vito.

Wer oder was nimmt sich zu ernst?
Ich denke, sich im richtigen Ausmaß ernst zu nehmen, ist ein großer Schritt in Richtung Erleuchtung. Klingt blöd, ist aber glaub ich echt so. Ich kenne es gut von mir selbst, mich übertrieben ernst zu nehmen – während ich fürchterlich entrüstet bin zum Beispiel. So entrüstet würde ich niemals werden, würde ich einerseits die Unernsthaftigeit meines Seins und dann auch noch die Unernsthaftigeit meiner Lage immerzu richtig erkennen. Gleichzeitig muss man auch auf sich schauen. Da muss man sich dann wieder ein wenig ernst nehmen. Die Balance erlangten bis jetzt aber nur Jesus und Buddah, glaube ich … Buddah sieht halt immer aus wie frisch nach einem Schlaganfall und Jesus wollte am Ende auch keiner mehr haben.

Wo hört der Spaß auf?
Vielleicht bei Scherzen über Schlaganfälle. Aber ab da ist die Grenze, wenn noch nicht überschritten, bestimmt nicht mehr weit.

In unserer Interview-Reihe “Gute Laune mit” sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeit uns Freude macht, weil sie clever und humorvoll ist – vor allen Dingen nicht so unangenehm egal, wie vieles, dass wir vor Publikum mit wissendem Nicken bedenken und privat zum Gähnen finden.

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