Schlechte Zeiten, gute Gesellschaft Abschlussausstellung der Kunsthochschule Weißensee und Ostkreuzschule für Fotografie
21. Juli 2025 • Text von Carolin Kralapp
Der Juli gehört den Berliner Kunsthochschulen. Neben den Rundgängen lohnt sich ein Abstecher nach Wilhelmsruh: Erstmals machen die Kunsthochschule Berlin Weißensee und die Ostkreuzschule für Fotografie gemeinsame Sache. Mit “Gute Gesellschaft” zeigen die Absolvent*innen in den Wilhelm Studios Auseinandersetzungen mit Formen des Miteinanders und des Menschseins in global herausfordernden Zeiten. Wir werfen einen Blick auf einige der jungen Positionen.

Etwas ab vom Schuss, in den weiten Hallen der ehemaligen Eisengießerei Winkelhof, befinden sich die Wilhelm Hallen, genauer gesagt die Wilhelm Studios. Hier zeigen bis Monatsende die Abschlussklassen für Malerei und Bildhauerei der Kunsthochschule Berlin Weißensee sowie der Jahrgang neunzehn der Ostkreuzschule für Fotografie ihre Abschlussarbeiten. Eine Premiere! Denn obwohl sich die beiden Hochschulen in Weißensee in direkter Nachbarschaft zueinander befinden, ist dies ihre erste Kooperation. Die Ausstellung “Gute Gesellschaft” wurde mit viel Engagement, wenig Budget und großem Entgegenkommen des Veranstaltungsorts auf die Beine gestellt. Und das Ergebnis? Kann sich definitiv sehen lassen.

Beim Eintritt in die Ausstellung trifft man auf rund 45 Positionen der Kunsthochschule Weißensee, kuratiert von Erik Swars, Künstler und Gründer von 47m Contemporary in Leipzig, mit Unterstützung durch die Absolvent*innen Mathilda Augart, Leevke Succow und Fred Unruh. Das Konzept ist wabenartig angelegt, die Arbeiten stehen nebeneinander, aber nicht in direktem Austausch miteinander. Manche Künstler*innen bespielen den Raum offen, andere ziehen klare Grenzen, schotten sich ab oder zäunen sich regelrecht ein.
Die finanziellen Mittel der Hochschule waren sehr begrenzt, viele Kompromisse mussten eingegangen werden. Eine Kunstauktion der Absolvent*innen half dabei, die Ausstellung überhaupt realisieren zu können. Die Ostkreuzschule hatte sich den Ort für ihre Abschlusspräsentation gesichert, die Weißenseer Klassen konnten sich anschließen. Dass hier eine staatliche Hochschule auf eine private trifft, zeigt sich stellenweise in der Ausstellungsarchitektur, was der Qualität der Arbeiten jedoch keinen Abbruch tut.

Mathilda Augart zeigt in der Abschlussausstellung ein Puppenhaus ihrer Großmutter aus den 1930er Jahren, in das sie eine Vierkanal-Videoinstallation integriert hat. Die Arbeit ist zutiefst persönlich und berührend, das Ergebnis eines Langzeitprojekts. “Nicht gut verkäuflich, aber für mich sehr wichtig”, sagt sie im Gespräch mit gallerytalk.net. Ihr Interesse an Freuds Psychoanalyse fließt mit ein. Augert vergleicht den Menschen mit Architektur, mit Räumen, die Emotionen, Erinnerungen und Traumata in sich tragen und verarbeiten. Manches davon kann auch auf dem Dachboden landen. Die Videos im Puppenhaus hat sie in ihrer Familie gedreht. Alles, was zu sehen und zu hören ist, hat eine besondere Bedeutung für sie. Sie denkt Architektur und Leben zusammen und stellt sich Fragen wie: Welche Traumata prägen uns? Und wie gehen wir mit Erbe um?

Fred Unruh hat zunächst Soziologie und Psychologie studiert und sich der Kunst theoretisch und konzeptuell genähert. Er hat sich in seinen Kokon zurückgezogen, Bücher gewälzt und viel nachgedacht. Zunächst war er frei von einem bestimmten Medium, eigentlich gibt es kaum etwas, das er im Laufe seiner künstlerischen Praxis nicht ausprobiert hat. Inzwischen ist seine Wahrnehmungsrecherche beim Material angekommen. Die Malereien und Skulpturen fordern konventionelle Sehgewohnheiten heraus. Selbstgebaute Rahmen, teils behauen, teils mit Stoff bezogen, dienen als Versuchsfeld für maximale Materialität und Tiefenperspektive. Die Arbeit mit Rohleinwänden, die teils von hinten mit Öl bemalt sind, betont das Unperfekte, das Poröse, letztlich das Menschliche – all das, was etwa der traditionellen Farbfeldmalerei fehlt. Die Menschlichkeit zeigt sich in der Arbeit mit dem Material, im Lückenhaften, in der die Verletzlichkeit zur Stärke erhoben wird.

Michael Fink setzt sich mit dem Verhältnis von Mensch, Technologie und nicht-menschlichem Leben auseinander. Ausgangspunkt seiner Arbeit sind visuelle und sprachliche Codes aus Alltagskultur und Kunstgeschichte, vom Hochformat als klassischem Porträt bis zur Ästhetik von Reklam-Heftchen und typografischen Platzhaltern wie “Lorem Ipsum”. Diese Konventionen dienen ihm als Projektionsflächen, um Bedeutungen zu verschieben und gewohnte Zuschreibungen in Frage zu stellen. Wo sonst der Mensch im Mittelpunkt steht, treten in seinen Bildern auch nicht-menschliche oder speziesfluide Akteur*innen auf. Entstehen soll eine erweiterte Bildwelt, die sich festen Kategorien entzieht.

Schließlich im Ausstellungsbereich der Ostkreuzschule angekommen, ist es Zeit, sich der Fotografie zuzuwenden. Dem Medium geschuldet bleibt der Aufbau hier vergleichsweise streng. Jede Position erhält exakt gleich viel Wandfläche, alles ist vermessen, hier und da setzt ein farbiger Anstrich kleine Akzente. Die kuratorische Leitung haben die drei betreuenden Professor*innen Peter Bialobrzeski, Sibylle Fendt und Ina Schoenenburg übernommen. Bei der Umsetzung unterstützt hat aus dem Jahrgang neunzehn der Absolvent Jan Kraus.

Chiara Herrmann widmet sich in ihrem Projekt “Something About Us” dem Thema Freundschaft und der Bedeutung von Freund*innen, die wie Familie sind. Ein Thema, das in der Fotografiegeschichte schon häufiger aufgegriffen wurde und doch nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat, gerade in Zeiten von Krieg, Inflation und digitaler Entfremdung. Ihre Serie betont menschliche Verbundenheit, zelebriert die kleinen, leisen, lauten und leichten Momente mit Menschen, die das Leben lebenswert machen: am See, auf der Gartenparty, auf dem Küchenboden, lümmelnd im Bett.
Maria Bolz setzt sich in “My nipples get harder than your dick” mit der eigenen geschlechtlichen Identität und persönlichen Entwicklung auseinander. Die Bilder erzählen auf humorvolle Weise vom Alltag einer nicht-binären Person, von kleinen Hürden und einem großen Einschnitt mit positivem, befreiendem Ausgang: der Brustentfernung im Jahr 2023. Von welcher Welt träumt Maria Bolz? Von einer, in der Geschlecht keine zentrale Rolle mehr spielt und jede Person einfach die sein kann, die sie sein möchte.

Dieser Text kann nur Schlaglichter auf die Ausstellung werfen. Was sich dennoch festhalten lässt: Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt mit Haltung, um junge künstlerische Positionen, die klar Haltung beziehen und künstlerische Antworten finden auf Fragen der Gegenwart, auf Werte und das Zusammenleben in einer komplexen Welt. Von Oberflächlichkeit keine Spur. Was eine Gesellschaft letztlich gut macht, darauf gibt es – wenig überraschend – keine eindeutige Antwort. Die Abschlussarbeiten präsentieren eine Vielstimmigkeit, geprägt von persönlichen Einschlägen und Geschichten. Im Zusammenspiel entsteht hier keine Utopie, eher ein Entwurf, der beispielhaft eine Gesellschaft skizziert und den Eintritt in eine Welt markiert, in der Kunst mehr denn je gebraucht wird. Oder, um es mit den Worten der Präsidentin der Kunsthochschule Weißensee, Dr. Angelika Richter, während der Eröffnung zu sagen: “Die Ausstellung ist kein Endpunkt, viel mehr ein Ausgang.”
WANN: Die Abschlussausstellung “Gute Gesellschaft” läuft nur noch bis Sonntag, den 27. Juli.
WO: Wilhelm Studios, Kopenhagener Str. 60-68, 13407 Berlin.