Gestrandet
Böhler&Orendt im Neuen Museum

25. Februar 2019 • Text von

Umzingelt von fünfhundert Heißkleberfiguren liegt ein halbtotes Wesen auf dem grauen Boden des Neuen Museums. Es scheint, als hätte sich das Monument der Institution ergeben. Oder wird sich hier gerade erst zum Kampf vorbereitet?

Böhler und Orendt, Give us, Dear, 2013 © Böhler und Orendt

„Give us, dear!“ ist eine sechseinhalb Meter lange Skulptur, die wir durch die ikonische Glasfassade des Neuen Museums erblicken können. Um den großen Körper tummeln sich fünfhundert kleinste Figuren aus Heißkleber. Sie können aus ihrer Perspektive wahrscheinlich niemals das Wesen als Ganzes erblicken. Für sie bleibt der Körper ein riesiges Gebilde aus Material, welches sie durch das reine Abarbeiten kennenlernen können. Denn die Miniaturarbeiter bauen fleißig das Blut, die Haare und Schleimhäute des riesigen Wesens ab und transportieren das Gewonnene in die Wandfassade des Museums.


Böhler und Orendt, Give us, Dear, 2013 © Böhler und Orendt

Matthias Böhler und Christian Orendt sind das Kollektiv Böhler&Orendt. Seit mehreren Jahren arbeiten die Beiden zusammen und nutzen bei der gemeinsamen Arbeit, genau wie die Figuren in ihrem Werk, die ökonomischen Vorteile der Arbeitsteilung. Das Zusammenarbeiten bedeutet für sie immer wieder gemeinsam zu Diskutieren und vor allem zu Entscheiden.


Böhler und Orendt, Give us, Dear, 2013 © Böhler und Orendt

Die Künstler zeigten die „Give us, dear!“ zum ersten Mal im Jahr 2013 im Museum Schloss Moyland (Bedburg-Hau), woraufhin die Sammler*innen Elke Schloter und Volker Koch die Arbeit kauften. Im Rahmen einer Sammlungspräsentation im Neuen Museum wurde die Skulptur zum vierten Mal aufgebaut und gezeigt. Dass das Museum der richtige Ort für das Werk ist, da ist sich Thomas Heyden, der stellvertretende Direktor, sicher. Es sei eine künstlerische Arbeit, welche die Rhetorik des Musealen aufgreift.

Und tatsächlich erkennt man einen regen Dialog zwischen dem vermeintlich halb toten Körper und dem Museum als Ausstellungsort. Es scheint allerdings eher so, als hätte sich das Wesen der Institution und den anderen Kunstwerken um es herum ergeben. Oder bereitet es sich gerade erst auf einen Kampf vor? Die Miniaturfiguren zumindest sind noch mitten bei der Arbeit. Sie sind fleißig am Sammeln und fahren die gewonnenen Rohstoffe zwischen die Wände des Ausstellungsraums. Die Architektur des Museums wird zum Resonanzkörper der Arbeit. Das Einsammeln von Stoffwechselprodukten steht dem Sammeln von Kunstwerken gegenüber. Was innerhalb der Kunst ein autoritärer Akt ist, wird hier zur kollektiven Arbeit. Der Bezug zum Kunstbetrieb und seinen Produktionsbedingungen ist real existent, denn eine solche Skulptur zu konservieren oder auszustellen macht ebenfalls Arbeit.

Gleichzeitig werden wir immer wieder mit einer gewissen Unbestimmtheit konfrontiert. Ob wir es hier mit einem Tier oder einem Menschen zu tun haben bleibt offen. Für wen oder was wird hier gearbeitet? Wir bekommen eine Geschichte erzählt, die wir gleichzeitig selbst schreiben müssen. Ob es einen Anfang oder ein Ende gibt, bleibt unklar, denn hier wird nicht linear erzählt. Durch die Form der Skulptur haben Böhler&Orendt eine komplexe Narration freigelegt, die sich in verschiedenste Richtungen denken lässt.


Böhler und Orendt, Give us, Dear, 2013 © Böhler und Orendt

Die Materialität ist entgegen der üblichen Ästhetik eines Monuments eher leicht und zerbrechlich. Das Fell des riesigen Körpers besteht aus schwarz bedrucktem, geschreddertem Kopierpapier. Neben den Materialien Kleber, Streichhölzern und Draht erinnert vor allem das Kopierpapier an monotone Büroarbeit. Es entsteht ein spannendes Verhältnis zwischen Behauptung und Banalität, zwischen Monumentalität und Zerbrechlichkeit.

WANN: Zu sehen seit Dienstag, dem 05. Februar 2019 – Am 21. Februar eröffnete in München eine weitere Ausstellung von Böhler&Orendt unter dem Titel „You sent me ahead, now it’s your turn to follow“.
WO: Neues Museum, Luitpoldstraße 5, 90402 Nürnberg – Galerie knust x kunz, Theresienstraße 48, 80333 München 

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