Realität trotzen
Gruppenausstellung in der Galerie Sperling

23. Juli 2025 • Text von

Die Wirklichkeit verschwimmt vor nostalgischen Bildern, humanoiden Büsten und traumgleichen Szenerien. Die Gruppenausstellung “Dear Reality” in der Galerie Sperling versammelt Arbeiten von ASMA, Jose Bonell, Michele Cesaratto, Veronika Hilger, Isaac Lythgoe und Isabel Nuño de Buen, die multiperspektivische Realitäten abbilden und zum Fabulieren einladen.

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Ausstellungsansicht, Dear Reality, Sperling, 2025, Foto: Sebastian Kissel.

In den neuen Räumlichkeiten der Galerie Sperling stehen sich zwei ungewöhnliche Köpfe gegenüber. Mit einem ernsten, leicht überraschten Gesichtsausdruck blicken die beiden Büsten einander an. Isaac Lythgoe hat seine zwei humanoiden Figuren mit nostalgischen Science-Fiction-Attributen versehen. Die Arbeit “Wherever you go there you are” trägt eine Art futuristische Kopfbedeckung, die an überdimensionale Comic-Ohren erinnert.

“Through rose tinted glasses all the red flags look like flags” dagegen hat ihren Arm lässig aufgestützt und hält eine silberne Sonnenbrille in der Hand. Beide Skulpturen erinnern an bereits vergangene Zukunftsvisionen mit den spezifischen Kopfbedeckungen, den hohen Kragen und der Andeutung von Schläuchen am Kopf – eine Vergangenheit, in der ein technischer Fortschritt noch fantastisch aussah und hoffnungsvoll herbeigesehnt wurde.

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Isaac Lythgoe: “Through rose tinted glasses all the red flags look like flags”, 2025, carbon fibre, epoxy, fibreglass, yak horn, cast, aluminium, PETG, acrylic, pigments, automotive finishes, stainless steel, lacquers, 52 × 49 × 50 cm. // Isaac Lythgoe: “Wherever you go there you are” 2025, carbon fibre, epoxy, fibreglass, cast aluminium, PETG, acrylic, pigments, automotive finishes, stainless steel, lacquers, 42 × 42 × 22 cm. Photos: Sebastian Kissel.

Im Moment sieht diese Zukunft nicht so rosig aus – statt utopischer Sci-Fi-Fantasien bestimmt die Angst vor Umweltkatastrophen und Kriegen die Gegenwart. In unsicheren Zeiten tendiert der Mensch zum Eskapismus und flüchtet sich in Traumwelten. Besonders heute, wenn die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und es immer schwieriger wird, die Fakten zu erkennen. Diesen Zustand der sich wandelnden Welt versuchen die Künstler*innen der Gruppenausstellung “Dear Reality” in der Galerie Sperling einzufangen. ASMA, Jose Bonell, Michele Cesaratto, Veronika Hilger, Isaac Lythgoe und Isabel Nuño de Buen tasten sich visuell an fluide Wirklichkeiten heran und zeigen größtenteils eigens für die Ausstellung erstellte neue Malereien, Skulpturen und Installationen.

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ASMA, .RAR (Wallpaper) Red, 2022, silicone, 28  × 47 × 3 cm, Foto: Sebastian Kissel.

Traumlandschaften sind in den Arbeiten des Künstler*innenduos ASMA, bestehend aus Matias Armendaris und Hanya Beliá, zu finden. In ihren gemeinsamen Werken spinnen die Künstler*innen fiktive Erzählungen zu psychoaffektiven Bildern voller allegorischer Verweise. “.RAR (Wallpaper) Red” zeigt eine surrealistische, aus Silikon gegossene Landschaft. Die Akteure der Abbildung: ein Totenkopf, ein Hirsch, ein Spiegel, eine Körperhülle und ein Auge. ASMA spielt mit verträumten Bildern und Querverweisen auf die eigene Vergänglichkeit an, der Totenkopf als Vanitas-Motiv des Barocks. Weniger morbide, aber ebenso romantisch ist ihre Arbeit “Felt a spider”, die aus verschiedenen Quilts zusammengesetzt wurde. Darauf zu sehen sind die skizzenhaften Umrisse einer Spinne und einiger Blumen, die illustrativ das großformatige Textil bedecken.

Michele Cesaratto, Bebè super Saiyan, 2025 , Egg tempera on wood, 19.5 × 12 cm, Foto: Sebastian Kissel // Michele Cesaratto, Bora, 2025 , Egg tempera on wood, artist frame, 54.5 × 28 × 3 cm, Foto: Sebastian Kissel.

Der Hang zur Nostalgie zeigt sich auch in Michele Cesarattos Malereien. Der Künstler kombiniert Momente der frühen italienischen Renaissance mit der spirituellen Ästhetik der chinesischen Landschaftsmalerei. Es entstehen figurative Abbilder ausdrucksstarker Persönlichkeiten. “Bebè super Saiyan” zeigt eine orangefarbene Katze mit gesträubten Haaren, weit geöffneten Augen und erhobenem Schwanz, die die Betrachter*innen mit ihrem Blick hypnotisiert. In seiner Arbeit “Bora” porträtiert der Künstler eine Person, deren langes, gelocktes Haar unbändig im Wind weht. Die kleinformatige Leinwand hat Cesaratto in ein dunkles Holz eingelassen, angelehnt an die Altarbilder der Renaissance.

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Ausstellungsansicht, Dear Reality, Sperling 2025, Foto: Sebastian Kissel.

Während einige der in der Ausstellung versammelten Arbeiten figurativ eindeutige Abbildungen darstellen, öffnen die Werke von Veronika Hilger breite Assoziationsräume für fantastische Fabulationen. Auf Hilgers Leinwänden verschmelzen organische Formen in gedeckten Farben zu biomorphen Welten, in denen Betrachter*innen gegenständliche Andeutungen zu erkennen versuchen: ist das ein rennender Baum, eine Muschel oder ein Kopf?

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Ausstellungsansicht, Dear Reality, Sperling 2025, Foto: Sebastian Kissel.

Die in der Gruppenausstellung “Dear Reality” gezeigten Arbeiten regen die Vorstellungskraft der Betrachter*innen an und trotzen der ernüchternden Realität der Gegenwart. ASMA, Jose Bonell, Michele Cesaratto, Veronika Hilger, Isaac Lythgoe und Isabel Nuño de Buen schaffen eine phantasmagorische, nostalgische Landschaft in den Räumlichkeiten der Galerie Sperling – ein kurzer Versuch des Eskapismus und eine Ausstellung, die zum Fantasieren einlädt.

WANN: Die Ausstellung “Dear Reality” ist noch bis Samstag, den 13. September, geöffnet.
WO: Sperling, Enhuberstr. 6, 80333 München.

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