Krise kann auch geil sein
Mary-Audrey Ramirez, Zoë Claire Miller und Lukas Liese in der Galerie Parterre Berlin

18. Juli 2022 • Text von

Tote Vögel, dicke Bäuche und ein brennendes Stadtschloss empfangen einen in der Galerie Parterre Berlin. Die Kombination aus schimmernd, spielerisch und schrecklich verdeutlicht die altbekannte Ambivalenz zwischen schön und schlimm, hässlich und anziehend.

An einer Wand hängen zahlreiche Stoffvögel, die von goldenen Stoffpfeilen aufgespießt wurden. Aus ihnen quillt rotes Kunstblut.
Installationsansicht It’s Brutal Out Here, Galerie Parterre Berlin, 2022: Mary-Audrey Ramirez, Pls don’t die, 2019 / Im Hintergrund: Mary-Audrey Ramirez, Zwei gelangweilte Frauen in einer krassen Szene, 2015, Foto: Marjorie Brunet Plaza.

Mit dem absurden Ausspruch „Krise kann auch geil sein” manövrierte sich Fynn Kliemann in die Herzen allderjeniger, die Kapitalismus richtig super und Nächstenliebe nicht so wichtig finden. Seine Einstellung verdeutlicht, wer in Krisenzeiten profitiert und dass man sich sogar die schlimmste Situation schönreden kann, wenn man am längeren Hebel sitzt. Die Ausstellung „It’s Brutal Out Here” in der Galerie Parterre Berlin legt den Finger direkt in die Wunde: Die von Björn Brolewski kuratierte Schau zeigt dreidimensionale Arbeiten von Mary-Audrey Ramirez, Zoë Claire Miller und Lukas Liese und thematisiert Missstände, mit denen wir irgendwie zu leben gelernt haben.

Die raumgreifende Installation „Pls don’t die” der Künstlerin Mary-Audrey Ramirez zeigt einen kompletten Schwarm schwarzer Stoffvögel, die offensichtlich von gold-glänzenden Pfeilen niedergestreckt wurden. Die Kadaver sind über Wand und Boden verteilt, Kunstblut verklebt ihre leblosen Körper. Die grausige Szenerie bewahrt einen nicht davor, die gefiederten Tiere irgendwie niedlich und die tödlichen Geschosse ziemlich glamourös zu finden. Ein iPad an der Wand lädt die Besucher*innen zum Spielen ein: Hier hat man die Möglichkeit, den letzten Vogel dieser Art vor dem Tod zu bewahren – allerdings mit eher mäßigem Erfolg.

Drei dicke Bäuche aus Stein thronen auf Metall-Gestellen. Sie sehen aus wie Bäuche.
Installationsansicht It’s Brutal Out Here, Galerie Parterre Berlin, 2022: Lukas Liese, Satt (Calvin, Tommy & Giorgio), 2019 / Im Hintergrund: Stickbilder von Mary-Audrey Ramirez, 2018-2020, Foto: Marjorie Brunet Plaza.

In seinen Marmorarbeiten verarbeitet Lukas Liese zeitgenössische Phänomene. Durch das traditionsbehaftete Material entsteht so eine spannende Ambivalenz. Etwa dann, wenn der Künstler die popkulturelle Relevanz der Marmor-Ikone Michelangelo thematisiert: Kleine Marmorreliefs, die mit farbigem Marker bemalt sind, zeigen die Begeisterung der DDR für den Renaissance-Bildhauer. Im Nebenraum dösen drei dicke Steinbäuche aus Travertin auf liegestuhlartigen Gestellen. Die Arbeit „Satt (Calvin, Tommy & Giorgio)” erinnert an Völlerei, Trägheit und Überfluss und steht im krassen Gegensatz zu den Unterwäschemodels von Calvin Klein, Tommy Hilfiger und Giorgio Armani, nach denen sie offensichtlich benannt ist.

Ein keramisches Architekturmodell von Zoë Claire Miller thematisiert die Verdrängung des Kunsthaus Tacheles, einem ehemaligen alternativen Berliner Kunstraum. An dessen Stelle entsteht aktuell das Stadtquartier „AM TACHELES”, das neben „kosmopolitischer Architektur” auch Raum für Wohnen, Arbeiten, Kunst und Kultur verspricht. Ein klassischer Fall von Verdrängung durch Gentrifizierung. Apropos Verdrängung: Auch die Sorgen individueller Mieter*innen verarbeitet Miller. Die Arbeit „Letter from the landlord” zeigt Personen, die gerade Informationsbriefe über steigende Mietkosten oder eine Eigenbedarfskündigung erhalten haben. Ob die Säulen der freien Marktwirtschaft, an die sie sich lehnen, diese Last tragen können?

Zwei keramische Figuren lehnen an dicken Säulen und lesen kleine Briefe.
Zoë Claire Miller, Letter from the landlord (eviction notice/ rent raise), 2022, Foto: Marjorie Brunet Plaza.

Vergangenes Jahr sang Olivia Rodrigo in ihrem Song „brutal” die folgenden Zeilen: „They say these are the golden years / But I wish I could disappear / Ego crush is so severe / God, it’s brutal out here!” Der Popstar beschreibt darin eine teenagereske Erschöpfung und den absoluten Unwillen, dem eigenen Umfeld auch nur ein winziges Stückchen Positives abzugewinnen. Die Ausstellung „It’s brutal out there” ist eine Hommage an Rodrigos Song und macht ihrerseits zahlreiche zeitgenössische Missstände sichtbar: Überfluss, Artensterben, Wohnungsknappheit und das Patriarchat sind nur einige gesellschaftliche Auswüchse, die einem in der Galerie Parterre begegnen.

Raumansicht der Galerie Parterre in Berlin. Es sind Arbeiten von Lukas Liese und Zoe Claire Miller zu sehen.
Installationsansicht It’s Brutal Out Here, Galerie Parterre Berlin, 2022: Lukas Liese, Problem (mit Dachbegrünung), 2022 / Im Hintergrund: Lukas Liese, Kartenhaus, 2022 und diverse Keramiken von Zoë Claire Miller, 2017-2022, Foto: Marjorie Brunet Plaza.

Allerdings – und darin besteht die Ambivalenz dieser Ausstellung – sind die Erscheinungsformen verdammt niedlich. Drollige Penis-Mobilees, die sanft im Wind schwingen, goldene Pfeilgeschosse, die im Sonnenlicht schimmern und dickbäuchige Steinklötze, denen man gerne mal in den Bauchnabel piksen würde. Nur, damit wir uns nicht missverstehen: An Krise ist nicht das kleinste bisschen geil. Aber wenn sie in solchen Werken mündet, dann fällt die Akzeptanz zumindest nicht ganz so schwer.

WANN: Die Ausstellung „It’s brutal out here” ist noch bis 18. September zu sehen.
WO: Galerie Parterre Berlin, Danziger Straße 101, Haus 103, 10405 Berlin.

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