Für die Tonne? #1
Irwan Ahmett & Tita Salina

26. Juni 2020 • Text von

Wir produzieren Unmengen an Müll und wir sollten es besser wissen. Aber es ist eben nicht so einfach, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Oder den gesamten Wirtschaftskreislauf auf nachhaltige Ressourcen-Nutzung umzukrempeln. Wie Künstler*innen dem Thema begegnen, zeigt die Ausstellung „ZERO WASTE“ im Museum der bildenden Künste Leipzig.

Die Künstlerin Tita Salina steht auf einer Insel aus Müll, die im Wasser eines Hafens treibt.

Tita Salina: „1001st Island – The Most Sustainable Island in Archipelago“, 2015. Video, 14:11 min. Installation view ​“The Time is Out of Joint“, SAF Art Spaces, 2016. Courtesy of Sharjah Art Foundation. ​Photo​ Alfredo Rubio © Tita Salina.

In unserer Interviewreihe „Für die Tonne?“ sprechen wir mit Künstler*innen, deren Arbeiten im Rahmen der Schau zu sehen sein werden. Wir wollen wissen, wie sie Nachhaltigkeit leben, denken und in ihre Praxis integrieren. Los geht es mit dem indonesischen Künstlerduo Irwan Ahmett & Tita Salina.

gallerytalk.net: Was habt ihr als Letztes weggeworfen und warum?
Irwan Ahmett & Tita Salina: Einwegartikel. Um die erhöhten Hygienestandards im Kontext der globalen Pandemie einzuhalten, sind wir gezwungen, biologisch nicht abbaubare Wegwerfprodukte zu benutzen. Es ist ein Dilemma.

Wie sehr lebt ihr „zero waste“ – auf einer Skala von „fünf Jahre Müll in einem Einmachglas“ bis „Wohnzimmer voll leerer Amazon-Kartons“?
Salina: Wir produzieren pro Woche nicht mehr als einen Kubikmeter Müll. Ich wünschte, der ließe sich entsorgen wie am Computer – Kommando „empty trash“!

Jemand hält einen kleinen Fisch in den Händen. Im Hintergrund sind verschmutztes Wasser und Müll zu sehen.

Irwan Ahmett & Tita Salina: „Very Very Important Fish“, 2013 Video, 4:22 min. Credit to Logout Corps, Jakarta 32o © Irwan Ahmett & Tita Salina.

Wieso ist die Ausbeutung des Planeten sowie von Teilen seiner Bevölkerung in den Fokus eures künstlerischen Schaffens gerückt?
Es gibt da diese paradoxe Schönheit von Zerstörung und Ausbeutung …

Für eure Videoarbeit „Very Very Important Fish” habt ihr zu außergewöhnlichen Mitteln gegriffen, um die Lebensbedingungen eines Fischs zu verbessern. Was hat es damit auf sich?
Wir haben einen kleinen Fisch in einem der dreizehn Hauptflüsse, die durch Jakarta fließen, gefangen. Die Wassereinzugsgebiete sind stark beschädigt, derweil schreitet die Siedlungsentwicklung kontinuierlich voran. Das führt dazu, dass es während der Regenzeit jedes Jahr zu starken Überschwemmungen kommt. Die Menge an Müll ist so unkontrollierbar, dass sich der Zustand des Flussbetts verschlechtert hat. Unsere Mission war es, den Fisch flussaufwärts in saubereres Wasser zu transportieren. So einen Aufwand für einen Fisch zu betreiben, ist natürlich völlig unverhältnismäßig und im Grunde nutzlos. Die Aktion beschreibt unsere moderne Zivilisation beim Versuch, ökologische Schäden zu begrenzen. Es ist eine Sisyphusarbeit!

Die Kuratorinnen von „ZERO WASTE“, Hannah Beck-Mannagetta und Lena Fließbach, haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Ausstellung nachhaltiger zu gestalten, als es ansonsten üblich ist. Inwiefern hat sich das auf eure Arbeit im Vorlauf oder die Präsentation eurer Werke ausgewirkt?
Manchmal zeigen wir neben unseren audiovisuellen Arbeiten auch physische. Aber der Transport verbraucht wahnsinnig viele Ressourcen. Das ergibt im Kontext dieser Ausstellung keinen Sinn. Wir werden nach Leipzig reisen, aber nicht nur zur Eröffnung. Im Rahmen der Ausstellung wird ein Talk mit uns stattfinden und wir nutzen die Gelegenheit, andere Projekte in Europa umzusetzen. So handhaben wir unseren CO2-Verbrauch effizienter.

Zwei Personen auf einem Motorroller. Die hintere Person hält etwas in der Hand (den Fisch).

Irwan Ahmett & Tita Salina „Very Very Important Fish“, 2013 Video, 4:22 min. Credit to Logout Corps, Jakarta 32o © Irwan Ahmett & Tita Salina.

Was habt ihr sonst schon unternommen, um ein nachhaltigeres Leben zu führen?
Wir haben unser Auto verkauft und planen auch nicht, wieder eins anzuschaffen.

Was habt ihr als Nächstes vor?
Wir sind gerade in der Recherche für eine neue Arbeit über den Homo Erectus, eine Hominidenart, die erdgeschichtlich am längsten existiert hat. Sie lebte im indonesischen Teil des Malaiischen Archipels. Wir untersuchen die Überbleibsel einer Gattung, die sich über einen langen Zeitraum immer wieder an neue klimatische Bedingungen anpassen musste.

WANN: Die Ausstellung „ZERO WASTE“ läuft bis zum 8. November.
WO: Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10, 04109 Leipzig.

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