Für adäquate Solidarität
"Arts of the Working Class" im Corona-Kontext

1. April 2020 • Text von

Menschen in prekären Situationen treffen Krisen besonders hart. Die Macher*innen von „Arts of the Working Class“ sind nah an ihnen dran. Ihr mehrsprachiges Straßenmagazin wird von obdachlosen Menschen verteilt. Wir sprechen darüber, woher jetzt Hilfe kommt und ob es richtig wäre, Hotelbetten für Menschen ohne Unterkunft freizumachen.

Einblick in die Zeitung "Arts of the Working Class". Zu sehen sind Text, eine IKEA-Tüte und ein Selfie von Kim Kardashian.

„Arts of the Working Class“ Issue 10.

gallerytalk.net: Bei „Arts of the Working Class“ habt ihr auf die veränderten Bedingungen schon reagiert, was kommt denn da so alles an Corona-Content?
María Inés Plaza Lazo: Wir wollen gerade nicht noch mehr Corona-Content verbreiten, es gibt dazu schon viel zu viel! Vielmehr geht es darum, zu reflektieren, was es jetzt eigentlich bedeutet, eine Webseite zu haben, sich zu der Krise zu verhalten und zu schauen, wohin eine gesellschaftliche Veränderung führen könnte, wenn alle jetzt wirklich angeschaltet sind, gezwungen dazu, täglich die Nachrichten zu lesen. Denn Health Crisis bedeutet heute auch Housing Crisis, Climate Crisis, Ideology Crisis und Reality Crisis.

Trotzdem gibt es jetzt lauter neue Inhalte von eurer Seite.
Alina Kolar: Innerhalb eines Tages haben wir acht neue Features entwickelt. Darunter sind „Daily Strolls“, die Kunst im öffentlichen Raum besprechen, „Artists in Quarantine“, ein Feature bei dem Künstler*innen in Quarantäne über ihre Arbeit und ihre Arbeitsverhältnisse berichten, Survival-Poetry unserer Mitstreiter*in Dalia Maini – „to keep each other sane“. Last but not least: Unsere erste Merch Collection ist da. Sie besteht aus recycelten Produkten und wurde von unserem Team selbst bedruckt.

Hallie Frost: We’ve bolstered our online platform to get more current content out that still serves our community of artists and thinkers by way of prioritizing support and inspiration in quarantine.

Screenshot von Spotify. Angezeigt wird die Playlist "Alone at Home, With You" von "Arts of the Working Class".

Playlist „Alone at Home, With You“ von „Arts of the Working Class“. Sceenshot Spotify.

Wie klingt zum Beispiel die perfekte Corona-Playlist?
Chris Paxton: In the coming weeks we’ll be working with artists and activists from around the world to create a series of playlists responding to our current moment. Our first playlist in this series „Alone at Home, With You“ was created by the „Arts of the Working Class“ team as a collaborative playlist that anyone can add to with the intention of finding novel ways to come together and build solidarity in times of self-isolation and social distancing.

Ihr arbeitet eng mit obdachlosen Menschen zusammen. Wie erlebt Ihr ihre gegenwärtige Situation in Berlin?
Alina Kolar: Die Berliner Obdachlosenhilfe e.V. sowie weitere soziale Institutionen haben alle desinfizierten Hände voll zu tun. Es gibt neue Hygienemaßnahmen bei der Essensverteilung und bei Notübernachtungen. Wir sind selbst keine Sozialarbeiter*innen sondern prekär lebende Kulturarbeiter*innen. Die Leute von der Obdachlosenhilfe e.V. sind unsere Nachbar*innen im Wedding. Unsere Zeitungen werden von Verkäufer*innen immer noch abgeholt, aber der Verkauf gestaltet sich natürlich um einiges schwieriger. Deshalb überlegen wir auch, die kommende Ausgabe als E-Paper zu publizieren und die Einnahmen bestmöglich an Verkäufer*innen zurückzugeben.

Chris Paxton: In recent weeks, we’ve seen an upswell of support in Berlin for people experiencing homelessness or otherwise living in precarity. There have been a number of initiatives to establish Gabenzäune – „giving fences“ – around the city, where people can leave bags of essential supplies for anyone who may need them. Similarly, we’ve been responding by leaving supplies outside of our office in Wedding in an effort to support our street vendors in any way we can.

Jacke aus der Merch-Kollektion von "Arts of the Working Class". Das Kleidungsstück ist schwarz, darauf steht "The wrong Amazon is burning".

Jacke aus der Merch-Kollektion von „Arts of the Working Class“. Paul Sochacki, Karina Rovira & Irina Konyukhova.

Und über Berlin hinaus?
María Inés Plaza Lazo: Obdachlose Menschen und auch andere Menschen, die in Not leben – trotz Wohnung und/oder Arbeitslosengeld – sind offensichtlich die, die am härtesten von der Krise betroffen sind. Sie sind die Letzten, die von den Rettungsplänen des Landes profitieren. Im griechischen Flüchtlingslager Moria, in Italien, Brasilien oder Indien ist die Situation der ärmsten Bürger*innen und der Geflüchteten aber noch viel dramatischer als in Deutschland. Ohne damit die Situation in Berlin relativieren zu wollen: Auch das betrifft unsere Arbeit. Wir sind eine Redaktion, die aus Menschen aus der ganzen Welt besteht, die sich nichts anderes wünsche als faire Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Haltet ihr es für sinnvoll, zum Beispiel Hotelbetten für obdachlose Menschen freizumachen, wie es in einigen Petitionen gefordert wird?
Alina Kolar: Ja. Es sollte überhaupt mehr Wohnunterkünfte und auch Quarantänezentren geben, die eine bestmögliche Versorgung von Obdachlosen in diesen speziellen Krisenzeiten sicherstellen.

Chris Paxton: This is also clearly not just a COVID-19 issue, but rather an underlying issue of access to equitable housing that has been exaggerated by the conditions of the Corona Pandemic. So yes, of course it would be possible to house more people in our cities, in places such as hotels for example, but if the underlying conditions aren’t addressed then this will simply be a temporary band-aid on an already existing problem of homelessness and housing access.

Cover der Zeitung "Arts of the Working Class". Darauf zu sehen sind Text, Fotos und in rot der Titel "Oops, you are part of the problem".

„Arts of the Working Class“ Issue 10.

Was wurde bereits unternommen, um obdachlose Menschen in der gegenwärtigen Situation zu unterstützen?
Alina Kolar: Wir sprechen hier erstmal von Berlin, wo es ein tolles Sofortprogramm für Obdachlose des Vereins Karuna gibt. Ab sofort ist 24/7 eine berlinweite S.O.S.- Corona Hotline für Obdachlose (+49 (0) 157 80 59 78 70) geschaltet. Sie wird dieser Tage im Stadtzentrum plakatiert. Vor dem Karuna-Café Pavillon auf dem Boxhagener Platz in Berlin, hat vor zwei Tagen eine kostenfreie Essensausgabe für Obdachlose eröffnet. Neben Essen und Getränken bekommen alle Bedürftigen ohne Voraussetzung eine Soforthilfe von 10 Euro ausgezahlt. Spenden gibt es von vielen Seiten und die Obdachlosenhilfe e.V., die weiterhin ihre Touren macht, wird bald auch in jedem Berliner Bezirk eine Spendenannahme- sowie eine Ausgabestelle haben.

Welche Hilfsangebote sind noch wichtig?
Alina Kolar: Als „Arts of the Working Class“ sind wir aber auch ganz besonders auf Künstler*innen und Freischaffende fokussiert, die sich an der Armutsgrenze befinden, deren Job gekündigt wurde, oder die keine Arbeit mehr haben, weil alle Kulturveranstaltungen abgesagt und viele Projekte auf Eis gelegt wurden. Für all diejenigen empfehlen wir momentan, sich auf die Corona-Überbrückungsfonds zu fokussieren; dazu gibt es gerade tägliche Updates. Die Link-Liste der BBK Berlin ist dazu auch sehr hilfreich. Bei Rechtsschutzfragen empfehlen wir, sich bei Arbeiterkammern und Gewerkschaften zu melden. Wir wünschen uns und plädieren für adäquate solidarische Maßnahmen der Staaten und der Privatwirtschaft.

Hallie Frost: If you have stable income right now please consider donating to those who were already precarious, those who have lost their jobs, and those whose work depends on a social economy!

„Arts of the Working Class“ ist ein mehrsprachiges Straßenmagazin. Es erscheint alle zwei Monate sowie online. Hier geht es zur Website. Hier könnt ihr euch für den Newsletter anmelden.

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