Französische Fabelwelt
Mythe en Place in Paris

4. April 2018 • Text von

Suchen, Glauben, Reformieren – Unter diesem Motto fügen die drei Münchner Künstler Regine Rode, Susi Gelb und Niko Abramidis & NE ihre künstlerischen Welten zusammen und erschaffen vis à vis der Ile de la Cité in Paris ein gelungenes Wechselspiel zwischen ihren Arbeiten.

Niko Abramidis &NE: Delta Horse, spray paint, neon lights, rope, canvas Global Shield, 2018, spray paint, embroidery, canvas

Niko Abramidis &NE: Delta Horse, spray paint, neon lights, rope, canvas Global Shield, 2018, spray paint, embroidery, canvas

Die drei Künstler kennen sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit an der Akademie der bildenden Künste in München und haben in der Vergangenheit bereits für Ausstellungen des Offspaces easy upstream zusammengearbeitet. Im Rahmen eines Residence-Programms hat sich ihnen nun die Möglichkeit geboten, an der „Nomad“ Ausstellungsreihe der ENSAPC’s Ygrec Gallery in Paris teilzunehmen. Noch bis Ende April 2018 leben und arbeiten Niko Abramidis und Regine Rode an der Cité Internationale des Arts. Der Aufenthalt wird ihnen durch Stipendien ermöglicht. Während er vom Freistaat Bayern an die Cité entsandt wurde, wird sie von L.A. gesponsert, wo sie ihren Master gemacht hat.

Regine Rode: Source Material No.1, 2018, aluminum, wood, paint, soil

Regine Rode: Source Material No.1, 2018, aluminum, wood, paint, soil

In „Mythe en place“ zeigt das Dreiergespann vornehmlich Skulpturen. Deren Auswahl, Anordnung und Farbigkeit wirken, als hätten sich die Künstler vorab en détail abgesprochen. Angereist sind sie hingegen jeweils mit eigenen Kunstwerken und einer individuellen Vorstellung davon, wie sie den Ausstellungsraum der Cité Internationale des Arts bespielen wollen. Ohne es beabsichtigt zu haben, nehmen die Arbeiten wie vorab intendiert Bezug aufeinander.

Mythe En Place, installation view, 2018, v.l.n.r: Susi Gelb - upstream(t) No. 60, 2017, polyester resin, wood; Regine Rode -Source Material No.2, 2018, aluminum, iron chain, soil: Niko Abramidis &NE - Empire of the Second Sun, 2017, embroidery, textile, rope, bambus

Mythe En Place, installation view, 2018 (v.l.n.r.): Susi Gelb – upstream(t) No. 60, 2017, polyester resin, wood; Regine Rode -Source Material No.2, 2018, aluminum, iron chain, soil: Niko Abramidis &NE – Empire of the Second Sun, 2017, embroidery, textile, rope, bambus

So zeigt Abramdidis & NE die Flagge „Empire of the Second Sun“ und verschiedene kleinformatige besprayte Leinwände, die jeweils mit den für ihn typischen Identitätsbezügen bestickt sind. Sei es ein maskottchenhaftes Krokodil oder sein Global-Shield-Logo. Rodes Arbeit „Source Material No.1“ scheint diese Eigenart mit dem integrierten Unendlichkeitszeichen aufzunehmen. Die verwendete Erde stellt wiederum spielerisch die Verbindung zu Gelbs von der Natur inspirierten Arbeiten her. Ein ähnlicher Effekt ist zwischen Rodes Skulptur „Source Material No.2“ und Gelbs Arbeit „undisclosed evidence“ zu beobachten. Sie wirken in ihrer schablonenhaften Ästhetik wie aus einer Hand geschaffen, sind durch die Wahl der Materialien – hartes Metall im Gegensatz zu weichem Schaumstoff – doch grundverschieden.

Susi Gelb: undisclosed evidence, 2018, elastic polyurethane casts, plastic, aluminium, oc, lead, polyester resin, foam, canvas, spray paint, detail

Susi Gelb: undisclosed evidence, 2018, elastic polyurethane casts, plastic, aluminium, oc, lead, polyester resin, foam, canvas, spray paint, detail

Zu sehen ist außerdem Susi Gelbs Videoarbeit „No such things grow here“, die sie im vergangenen Sommer anlässlich ihrer gleichnamigen Ausstellung am Münchner Opernvorplatz zeigte. Wie schon unter freiem Himmel, zieht die Arbeit den Betrachter auch hier wie magnetisch an. In den Pariser Räumen sind die Feinheiten der musikalischen Komposition von Fondamentalism & Nouvelle, die das meditative Bildarrangement untermalt, jedoch noch besser erhörbar. Und so macht man sich mit Augen und Ohren auf, die vielschichtigen Inspirationsquellen der Künstlerin zu ergründen. Der teils im Dschungel von Sri Lanka, teils in Münchner Vorgärten gedrehte Film wird im Loop gezeigt und tatsächlich scheinen die Wiederholungen keinen Anfang und kein Ende zu kennen. Adler, Salamander und Schlangen paaren sich hier mit chemischen Reaktionen und Techästhetik.

Susi Gelb: upstream(t) No. 51, 2017 sheep head, glass fibre, pigments, fluorescent powder, polyester resin, 46,4 x 22 x 25 cm

Susi Gelb (v.l.n.r): upstream(t) No. 51, 2017 sheep head, glass fibre, pigments, fluorescent powder, polyester resin, 46,4 x 22 x 25 cm und  prime material No. 38, 2015, lead, polyester resin, 14,6 x 10 x 3,8 cm

Alle drei Künstler kombinieren für die Realisation ihrer Bildsprache natürliche Versatzstücke und organische Formen mit zeitgenössischen Materialen und einer zukunftsweisenden Verarbeitungstechnik. Dies zeigt sich nicht nur im bereits erwähnten Video, sondern findet sich auch im unteren Raum wieder. Dort liegt vor Niko Abramidis & NE‘s an die Wand gezeichnetem Fabelwesen „Delta Horse“ das von Susi Gelb in Polyharz eingegossene Geweih eines Mufflon. Ein weiteres Beispiel für das Wechselspiel zwischen den Künstlern, welches die Spannung der Ausstellung erzeugt. Mythe en place profitiert davon, dass die Künstler sich einerseits schon seit Langem kennen und gegenseitig inspirieren, andererseits aber bereits zu einer eigenständigen Formen- und Materialsprache gefunden haben.

WANN: Die Ausstellung ist noch einige wenige Tage zu sehen und schließt am 6. April 2018.
WO: Die Galerie der Cité Internationale des Arts liegt direkt am Seine-Ufer, 18 rue du l’Hôtel de Ville, 75004 Paris.

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