A journey through mud and confusion
Djuberg & Berg in der Schirn

11. April 2019 • Text von

Knetfiguren kennen wir in Form von sympathischen Tieren aus dem Kinderfernsehen. Nicht so die grotesken Skulpturen von Nathalie Djurberg, die in Installationen und Videos zusammen mit eigens komponiertem Sound von Hans Berg in der Schirn Kunsthalle gezeigt werden.

Nathalie Djurberg & Hans Berg. A journey through mud and confusion with small glimpses of air, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2019, Foto: Norbert Miguletz.

Betritt man den Ausstellungsraum in der Schirn Kunsthalle, versetzt einen die raumumfassende Installation „The Parade“, bestehend aus ganzen 82 Vogelskulpturen, fünf Videos und elektronischer Musik, in eine fantastische Welt. Auf den ersten Blick wirkt die Werkschau der zwei schwedischen Künstler Nathalie Djurberg und Hans Berg dank der  Paradiesvögel in Kombination mit der atmosphärischen Musik bunt und einladend. Doch schon beim Blick auf die zur Installation gehörigen Videos wird klar: Das wird kein netter Spaziergang durch fantastische Welten. Vielmehr erwarten den Besucher morbide, teils erschreckende Bilder, jedoch nie ohne eine Prise schwarzen Humor – ganz gemäß dem Ausstellungstitel „A journey through mud and confusion with small glimpses of air“.

Die beiden schwedischen Künstler Nathalie Djurberg und Hans Berg erschaffen aus Skulpturen, Filmen und Klanginstallation eine einzigartige Atmosphäre, die den Besucher in ihren Bann zieht. Nathalie Berg kreiert die Skulpturen aus Knetmasse, Ton, Textil und Kunsthaar, die sie mithilfe aufwendiger Stop Motion Animationstechnik zum Leben erweckt. Hans Berg komponiert parallel zu Djurbergs Schaffen die Musik zu jedem Film. Die Zusammenarbeit der beiden Künstler ist dabei prozesshaft und spontan und kommt ohne zuvor angefertigtes Storyboard aus. Film, Musik und Skulptur ergänzen sich gegenseitig, das Ergebnis sind spektakuläre und allumfassende Gesamtkunstwerke, denen man sich schwer entziehen kann.

In „I Wasn’t Made to Play the Son“, einem der fünf Videos in „The Parade“, zerschneiden zwei vogelähnliche Gestalten langsam und scheinbar genießerisch den Körper einer Frau. Gelbes, blaues und grünes Blut quillt aus dem lilafarbenen Frauenkörper. Obwohl die Szene und die Knetfiguren offensichtlich unrealistisch sind, fällt es schwer, dem sadistischen Tun zuzuschauen. So rufen viele der Stop Motion Videos eine Mischung aus Faszination und Abscheu vor den gewalttätigen, sexuellen oder absurden Szenen hervor. Umso größer ist die Diskrepanz zwischen Themen, die für den Zuschauer oft nur schwer erträglich sind, und dem bunten, spielerischen Material der Knete, das an Kinderserien erinnert. Viele der Filme enthalten außerdem märchenhafte Referenzen, die Akteure sind Wolf, Krokodil oder Tiger, alle in vermenschlichter Form und stark überzeichnet.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, One Need Not Be a House, The Brain Has Corridors, 2018, Stop motion animation, 8:18 Min., © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Immer weiter, so kommt es einem vor, taucht man im Laufe der Ausstellung ab in abgründige Welten. Mit der Installation „The Experiment“ betritt der Besucher eine Welt aus mannsgroßen Blumen und Pflanzen. Auch diese fantastische Umgebung wirkt auf den ersten Blick verführerisch und geheimnisvoll, erst auf den zweiten Blick fallen Insekten und abstoßende Details von Verwesung auf. Begleitet werden die Skulpturen wiederum von drei Videos. In einem davon, „Greed“, werden junge, nackte Frauen von drei katholischen Würdenträgern belästigt – immer und immer wieder versuchen die Frauen zu fliehen, doch die Männer schieben sie in aller Seelenruhe zurück unter ihre heiligen Gewänder. Mit „The Experiment“ gewannen Djurberg und Berg auf der Biennale von Venedig 2009 den Silbernen Löwen.

Nathalie Djurberg & Hans Berg. A journey through mud and confusion with small glimpses of air, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2019, Foto: Norbert Miguletz.

Die Installation „The black pot“ ist die einzig rein abstrakte Arbeit der Ausstellung. Anders als in den anderen Werken hat hier Berg zunächst die Musik komponiert und Djurberg diese anschließend mit wabernden, pulsierenden Formen und Farben ergänzt, die, ständig in Bewegung, an die Wände des sonst dunklen Raumes projiziert sind. Zwischen Szenen von Sadismus und Unterdrückung, die in den anderen Videoarbeiten so omnipräsent sind, bietet „The black pot“ in der Ausstellung „A journey through mud and confusion with small glimpses of air“ im wahrsten Sinne des Wortes die Pause zum Durchatmen. Auch wird hier das perfekte Zusammenspiel der beiden Künstler auf besondere Art deutlich, in dem sich Musik und Video ideal ergänzen und zusammen ein atmosphärisches Werk ergeben.

Drei neue Werke werden im Kinoraum gezeigt. In „Worship“ von 2016 räkeln sich Frauen verführerisch auf glitzernden Bananen und reißen Männer in samtenen Jogginganzügen ihr Motorrad mit großer Geste in die Luft. Fast schon harmlos wirkt diese Ästhetik, die aus Hip-hop- und Rap-Videos nur allzu bekannt ist. Gerade weil sie uns in der Popkultur fast täglich begegnet, schockieren Sexualität und Fetischismus hier wohl weniger. Umso spannender ist es zu sehen, wie pointiert Djurberg eben diese Kultur mit Hilfe von Knetmännchen reproduziert und wie passend Berg das Video mit seinem spezifischen Sound unterlegt – der Zuschauer wird direkt in die Clubkultur versetzt.

Nathalie Djurberg & Hans Berg, Worship, 2016, Stop motion animation, video, music, 8:26 Min., © Nathalie Djurberg; Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Die Ausstellung „A journey through mud and confusion with small glimpses of air“ in der Schirn Kunsthalle ist  die bisher umfangreichste Überblickausstellung des gemeinsamen Schaffens der Künstler Nathalie Djurberg und Hans Berg seit 2004. Gezeigt werden rund vierzig Video- und Soundarbeiten.

WANN: Die Austellung läuft noch bis zum 26. Mai 2019.
WO: Schirn Kunsthalle, Römerberg, 60311 Frankfurt am Main.

 

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