Mit der Kunst mitdenken
Kerstin Stakemeier über Wirkweisen künstlerischen Handelns

17. August 2016 • Text von

Die Kunst-Theoretikerin Kerstin Stakemeier ist eine beeindruckende Frau. In ihrer Arbeit verbinden sich Philosophie, Politik, Leben und ja, auch Kunst zu einem komplexen Betrachtungsgebäude über das Zeigen, Kommunizieren, Denken und Handeln.Kerstin Stakemeier

Kerstin Stakemeier.

Kerstin Stakemeier begreift Kunst nicht als Elfenbeinturm, sondern plädiert bei aller notwendigen Theorie für eine starke Verflechtung von Kunst und Gesellschaft. In ihren Projekten untersucht sie die Wirkweisen von künstlerischem Handeln und neuerdings auch der künstlerischen Schreibpraxis im gesellschaftlichen Kontext; ein Aspekt, der für viele junge Künstler immer wichtiger wird.

gallerytalk.net: Am 8.7.2016 startete an der AdBK Nürnberg die Veranstaltungsreihe „Konsequenz(en) der Kunst“, die Du mit Lars Blunck initiiert hast. Worum geht es dabei genau?
Kerstin Stakemeier: Bei dem Symposium handelt es sich um eine Reihe von insgesamt vier Abendveranstaltungen. In Diskussionsrunden, zu denen Künstler, Theoretiker und Wissenschaftler eingeladen werden, stellen wir die Frage nach der/den „Konsequenz(en)“ der Kunst, und zwar im Gegensatz zur Frage nach deren Relevanz – einem Begriff, der ja im Diskurs derzeit sehr präsent ist, mir aber zu kurz gegriffen scheint.
Das Verständnis der „Gegenwart“ ist hierfür zentral: Die Kunst muss als gegenwärtiger Bereich gedacht werden, dessen Handlungen mit der Gesellschaft verbunden sind. Doch während die Frage nach der Relevanz Kunst nur für diese Gesellschaft beurteilt, kann die Frage nach der Konsequenz auch über die bloße Gegenwart hinausweisen und sie kritisieren.
Alenka Zupančič, eine Philosophin aus Ljubljana, führte 2015 den Begriff der „Konsequenz“ als Maßstab der Kritik in einem ihrer Texte ein; auch sie haben wir nach Nürnberg eingeladen. Zupančič wendet die Konsequenz gegen die objektorientierte Ontologie an und argumentiert ausgehend von der Lacanschen Psychoanalyse für ein Streben nach Konsequenz. Die Neueinrichtung der Gesellschaft wird nur möglich, wenn sich die Handlungen von vorne herein mit ihren Konsequenzen verbinden.

Podiumsdiskussion "Die Konsequenz(en) der Kunst" an der AdBK Nürnberg, Logo: Karin Kolb.

Podiumsdiskussion „Die Konsequenz(en) der Kunst“ an der AdBK Nürnberg, Logo: Karin Kolb.

Seit Oktober 2015 bist Du Professorin für Kunsttheorie und -vermittlung an der AdBK Nürnberg. Wie schätzt Du Nürnberg als Standort für zeitgenössische Kunst ein?
Ich hatte mir schon einmal eine Jahresausstellung an der AdBK angeguckt, bevor ich die Professur angetreten habe. Ich fand die Beispiele künstlerischer Praxis der Studierenden von Beginn an sehr spannend. Vieles ist nicht so behäbig, wie das oft an größeren Kunsthochschulen der Fall ist. Außerdem wird durch Institutionen wie das Neue Museum oder dem ansässigen Kunstverein ein internationales Programm gezeigt, das kein Hinterherrennen hinter dem Diskurs erkennen lässt, sondern am Zahn der Zeit ist. Ein gutes Beispiel dafür war auch „Entering the Flow“, die im Rahmen der Jahresausstellung der AdBK Nürnberg von Simone Neuenschwander und Judith Grobe vom Kunstverein kuratierte Ausstellung. Hier ließen die Studierenden eine extrem gegenwärtige Relevanz ihrer Arbeit erkennen und sind vor allem auch formal fähig damit umzugehen. Die Akademie, eingebettet in den Wald wie eine Hippiekommune, kann so auch in ihrem Wechselverhältnis zur Stadt sehr produktiv sein.
An kleinen Akademien wie der Nürnberger stellt sich auch immer die Frage vom Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie. Und für mich hat die Peripherie gegenüber dem Zentrum den großen Vorteil, dass sie heutzutage nicht mehr vom Diskurs abgeschnitten ist, man sich aber gut fokussieren kann und nicht stetig unter öffentlicher Beobachtung agiert. Ich habe das Gefühl, mehr und mehr Studierende haben hier durchaus das internationale Geschehen im Blick.

"Entering the Flow", AdBK Nürnberg, kuratiert von Simone Neuenschwander und Judith Grobe im Rahmen der Jahresausstellung, Foto: Thomas Bergner

„Entering the Flow“, AdBK Nürnberg, kuratiert von Simone Neuenschwander und Judith Grobe im Rahmen der Jahresausstellung, Foto: Thomas Bergner.

Das Thema Deiner Dissertation war die „Entkunstung – artistic models for the end of art“. Lässt sich in ein paar Sätzen der Kernbegriff dieses Themas wiedergeben? Und heißt das, die Kunst ist am Ende?
Der Begriff stammt von Adorno aus dessen „Ästhetischer Theorie“, Mitte des 20. Jahrhunderts. Dort beklagt er den Angriff der Populärkultur auf die Hochkultur; die Durchdringung von Beidem erscheint heute völlig normal und verbreitet. In meiner Promotion habe ich mich mit Ansätzen in der Kunstgeschichte beschäftigt, die die Entkunstung, sozusagen gegen Adorno, als notwendige Durchdringung der Kunst von Gesellschaftlichem propagierten: Etwa dem Proletkult in der frühen Phase der Russischen Revolution in den 1920ern, der „Independent Group“ in England in den 1950ern, die auch die Anfänge der Popkultur markiert, oder der Action Art innerhalb der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre. Für mich stellt sich im Hinblick auf solche Historien der möglichen Enden von Kunst ihre moderne Autonomie als eine immer bereits historische Fragestellung dar, ein schädliches Geschenk sozusagen. Ich habe also in meiner Arbeit in der Historie nach Mitteln und Wegen gesucht, welche die autonome Folgenlosigkeit der Kunst bestreiten könnten. Und das habe ich seitdem in unterschiedlichen Formaten weitergeführt. „Reproduktion der Autonomie“ ist der Titel eines Buchs, das ich mit Marina Vishmidt verfasst habe. Hier geht es darum, dass gerade die Autonomie der Kunst ihre Folgenlosigkeit bedingt; dieser Luxus hat einen Preis. Verfolgt man jedoch die eigene Kunst über ihre Autonomie hinaus und sucht ihre Konsequenz, dann ergeben sich andere Möglichkeiten und lebendige Folgen.

Kerstin Stakemeier & Marina Vishmidt: "Reproducing Autonomy, work, money, crisi & contemporary art", Mute-Verlag, 2016

Kerstin Stakemeier & Marina Vishmidt: „Reproducing Autonomy, work, money, crisi & contemporary art“, Mute-Verlag, 2016.

An welchen aktuellen Projekten arbeitest Du derzeit?
Ich weiß seit Kurzem, dass ich gemeinsam mit Anderen eine Förderung vom Hauptstadtkulturfond Berlin bekommen habe und wir gemeinsam mit „Written Praxis“ ab 2017 ein neues Projekt realisieren können. Es geht dabei um künstlerische Formen des Schreibens. Es gibt derzeit immer mehr Künstler, die Schreiben als bewusstes Element der eigenen künstlerischen Praxis nutzen. Dabei geht es um Formen der Selbstermächtigung, aber auch um neue Aktionswege und –formen. Beteiligt sind daran neben mir Manuela Ammer, Kuratorin am Mumok in Wien, Eva Birkenstock, die neue Direktorin des Düsseldorfer Kunstvereins, Jenny Nachtigall, die an der Münchner Akademie der Bildenden Künste lehrt, und Stephanie Weber, Kuratorin am Lenbachhaus in München. Zunächst wird es 2017 eine große Ausstellung im Berliner „District“ geben und dann geht es an den einzelnen, beteiligten Häusern weiter. Ich will dazu auch mit den Studierenden der AdBK Nürnberg arbeiten und mit ihnen über eigene Schreibpraxen nachdenken.

Kerstin Stakemeier & Susanne Witzgall (Hrg.), "Die Gegenwart der Zukunft",  Diaphanes Verlag, 2016

Kerstin Stakemeier & Susanne Witzgall (Hrg.), „Die Gegenwart der Zukunft“, Diaphanes Verlag, 2016

Neben Deiner Arbeit als Kunsttheoretikern hast Du Dich auch immer wieder kuratorisch betätigt. Welche Bedeutung hat für Dich das Konzipieren von Ausstellungen?
Eine große. Ich habe immer viel sowohl in der Praxis als auch in der Theorie gearbeitet. Das Eine funktioniert für mich nicht ohne das Andere. Diese Kollaboration war immer bedeutsam. Ich habe zum Beispiel etwa immer wieder mit Johannes Paul Raether Workshops veranstaltet, etwa an der UdK Berlin, und am Staedel in Frankfurt, an der Kunsthochschule Oslo, oder im Rahmen der 6. Berlin Biennale. Mir geht es sehr stark um den gegenwärtigen Blick. Es erscheint mir sinnvoller, mit der Kunst mitzudenken, anstatt über sie nachzudenken. Das zumindest ist der Versuch. Deswegen haben wir auch diesen Antrag für die Projektförderung für „Written Praxis“ gestellt. Wir wollen nicht, dass unsere Arbeitsfelder völlig getrennt bleiben.

Du beschäftigst Dich auch mit der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik und hast Politikwissenschaft studiert. Muss Kunst für Dich generell politisch sein?
Kunst ist meiner Meinung nach immer politisch. Sie kann sich zwar vormachen das nicht zu sein – was aber schlichtweg Selbsttäuschung ist. Mit geht es dabei aber nicht um eine Kunst, die sich plakative politische Messages auf die Stirn schreibt. Kunst impliziert des Politische darin, wie sie gesellschaftlich oder kulturell eingebettet ist, immer mit und sollte sich dieser immanent politischen Dimension auch bewusst sein.

WANN: Weitere Veranstaltungen der Diskussionsreihe „Die Konsequenz(en) der Kunst – Aufzeichnungen von Konsequenz(en)“ finden am 20. Oktober, sowie am 16. und 23. November jeweils um 19 Uhr statt. 

WO:  Zu erleben ist das Ganze in der Aula der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Bingstraße 60, 90480 Nürnberg. 

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