Formensprache
Ein Gespräch mit Michael Mieskes

30. April 2018 • Text von

Form, Material, Stofflichkeit und Innerlichkeit – Michael Mieskes´ Arbeiten sind das Ergebnis permanenter Auseinandersetzung mit einem Innen und Außen und der Suche nach der geeigneten Kommunikation abstrakter Inhalte. Wir sprachen mit ihm über seine Diplomarbeit „corpus“.

Michael Mieskes´ Tage an der Kunstakademie München neigen sich dem Ende zu, nur den Arbeitsplatz im Klassenraum muss er noch auflösen. Am Ende des mehrjährigen Kunststudiums und nach intensiver Auseinandersetzung mit Öl und Leinwand, Silikon und Haar, Holz und Stahl, steht Mieskes Abschlussarbeit „corpus“. Eine Arbeit, in der er eine Vielzahl diverser Einzelkörper zu einem raumgreifenden Gefüge arrangiert und in der jedes Teil zunächst für sich steht, um daraufhin in einen Dialog mit den übrigen zu treten. Voluminöse Polster aus Stein, polierter Edelstahl, dichte Schaumstoffspiralen und eine Reihe strukturierter Gipskissen. „corpus“ ist eine ästhetische Studie über Form, Materialität und Bewegung. Sie überrascht mit einem Spiel um Schein und Sein und evoziert vermeintliche Ähnlichkeitsbeziehungen, die einem zweiten Blick nicht standhalten, dadurch jedoch zum intensiveren Austausch einlädt.

Michael Mieskes, „corpus“ 2018

gallerytalk.net: Deine aktuelle Arbeit „corpus“ ist eine Installation aus zweiundzwanzig Einzelelementen, die du zu einem Ganzen zusammensetzt. Was ist der Ausgangspunkt deiner Arbeit?
Michael Mieskes: Die Objekte sind chronologisch nach ihrem Entstehungsprozess angeordnet. Diese Anordnung stellt meinen bildhauerischen Entscheidungsprozess dar. Mein Ziel war es, unterschiedliche Momente der menschlichen Wahrnehmung anzusprechen. Manche Objekte haben eine poröse Oberfläche und weisen auf ein Inneres hin, andere wirken wie ein Gegenpol und reflektieren Raum und Bewegung.

Was sind das für Objekte?
Grundsätzlich bezeichne ich diese Objekte als abstrakte Körper, die nicht unbedingt eine Referenz aufweisen. Manchmal gibt es kunsthistorische Referenzen oder anthropomorphe Analogien, manchmal sind es einfache, geometrische Konstruktionen.

Michael Mieskes, „corpus“ 2018

Welche Materialien spielen in der Arbeit eine Rolle und wie finden Form und Material zusammen?
Die Materialwahl ist durch die Möglichkeiten zustande gekommen, die sich mir in meinem Arbeitsprozess geboten haben. Wenn ich zum Beispiel einen Stein oder ein Stück Holz gefunden habe oder wenn sich die Möglichkeit ergeben hat, dass mir etwas gefräst wurde, dann habe ich diese Mittel einfach genutzt, um so direkt wie möglich zu einer Form zu kommen, ohne dass mir die genaue Materialwahl im eigentlichen Sinn so wichtig gewesen wäre. Es ging mir nicht um eine kompositorische Auswahl. Ich arbeite zum Beispiel mit Kunststoffen, die man mit einer Fräsmaschine einfach gut bearbeiten kann.

Was ist mit dem großen Objekt, das wie ein Polster aussieht und die Arbeit abschließt?
Das ist ein CNC-gefräster Stein. Ich bin ausgegangen von einer digitale „Geste“, die ich dann als Skizze für eine Skulptur benutzt habe. Das ist ein Punkt, der mir in der Arbeit wichtig ist. Mir geht es auch darum, die Extreme auszuloten zwischen Fläche, Konstruktion und Plastizität und wie sich eine konstruierte Form gegenüber einer gestischen Form verhält, die aus einem körperlichen Impuls heraus entstanden ist…

Michael Mieskes, „corpus“ 2018

Die Fräsarbeiten machst du nicht selbst, du entwickelst und skizzierst sie, lässt sie aber herstellen?
Ja, sie entstehen in einer Art digitaler Modellierprozess, ein Prozess, den man theoretisch genauso analog machen könnte. Mit den digitalen Tools hat man aber einige andere Möglichkeiten. Was mich daran interessiert ist weniger die Tatsache, dass es eine Art „avantgardistisches“ Medium in der künstlerischen Produktion wäre als dass es für mich ein verfügbares Werkzeug wie jedes andere ist. Ich finde es spannend zu untersuchen, dass dieses Werkzeug oder jegliche technische Neuerung eine gewisse Deformation in der menschlichen Formenproduktion hervorrufen. Ich sehe das als eine Spielfeld, um an bestimmte Formen zu kommen.

In welchem Verhältnis stehen die Formen zueinander oder muss man sie zunächst einzeln betrachten?
Mir geht es weniger um die Objekte im Einzelnen als darum wie sie sich gegenseitig ergänzen oder aufheben. Während des Prozesses habe ich mir die Frage gestellt, inwiefern eine Konzeption für ein Kunstwerk überhaupt relevant ist und wie diese Frage Formen hervorruft oder sogar verschleißt. Diese Untersuchung war für mich der Hauptantrieb für eine solche Menge an Arbeiten. Es geht mir zum Einen um die Frage nach einem Gehalt in der Kunst und darum, inwiefern man durch eine Konzeption noch etwas anreichern kann, das in der Form, in der ästhetischen Produktion noch Bedeutung behält. Zum Anderen möchte ich den Moment untersuchen, der diesen Wunsch nach Bedeutung infrage stellt und dadurch die weiteren Entscheidungsschritte beeinflusst. Das war die Grundlage meiner kompletten Untersuchung. Man agiert in der Kunst immer in einem Bereich zwischen Objektivem und Subjektivem, im Raum dazwischen. Man kann sich zwar durch logische Schritte an eine Form annähern und sie sozusagen konzeptuell versuchen aufzuladen, aber in dem Moment, in dem das Objekt da ist, funktioniert das oft nicht mehr…

Michael Mieses, „corpus“ 2018

Einige der Elemente aus „corpus“ wirken auf mich wie Designobjekte. Ist hier der Bezug zum Design impliziert?
Ich wusste dass diese Frage kommt (lacht). Ich kann darauf nur antworten, dass es rein formal gesehen mögliche Ähnlichkeiten gibt. Denn die Herangehensweise und die Fragen, die sich im Design stellen und die Fragen, die sich in der Kunst stellen, sind komplett verschieden. Design hat eine Funktion und das steht der Frage nach einem zu gestaltenden Produkt im Vordergrund. Sie ist in dem Moment beantwortet, in dem das Produkt fertiggestellt ist. Das heißt es gibt dort keine Offenheit mehr. Beide Bereiche sind schöpferische Tätigkeiten, aber Kunst ist zwecklos und ist nie abgeschlossen, ist nie fertig. Design beantwortet, Kunst stellt Fragen. Kunst verwehrt sich einer einfachen Erklärung.

In früheren Arbeiten verwendest du häufig organisch anmutendes Material, das wie Haut aussieht, jetzt bist du bei den Formen und dem Material sehr clean, fast technisch. Wie kam es zu diesem Prozess?
Ich denke, man muss immer über die Dinge, die sich durch den ersten Blick anbieten, hinausgehen. Das heißt die ersten Dinge, die benennbar sind, sind eigentlich nur eine Art „trigger“ für eine weitere Auseinandersetzung. Wenn wir hier von Haut sprechen, muss man auch fragen, was bedeutet das und warum entscheidet man sich für so eine Oberfläche? Ich sehe da schon noch starke Zusammenhänge zu meiner jetzigen Arbeit, weil auch hier eine Auseinandersetzung mit Oberfläche, Struktur und Porösität eine Rolle spielt.

Du hast ja bereits mit verschiedenen Mitteln und Techniken gearbeitet. Gibt es ein Medium, mit dem du dich als nächstes näher beschäftigen möchtest?
In einer inhaltlichen Annäherung beantwortet sich schnell die Frage, welches Medium man nehmen muss. Ich habe grade noch keine konkrete Idee, aber ich möchte das Medium immer wieder ändern. Momentan interessiert es mich, etwas zu schreiben, mich mit Text auseinanderzusetzen.

 

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